Katja Kipping sollte darauf verzichten, die Programmdebatte mit Fehlinterpretationen und falschen Unterstellungen zu führen. So unterschiebt sie dem Programmentwurf einen Arbeitsbegriff und eine »Verherrlichung der Arbeit«, der es um die »Rechtfertigung des Privateigentums der Bourgeoisie« gehe. Einen Beleg für diese Behauptung gibt es nicht. Tatsächlich ist im Entwurf mehrfach von »Erwerbsarbeit und anderen gesellschaftlich notwendigen Arbeiten« die Rede, von »Arbeit in der Familie« und vom Ziel der »gerechten Verteilung von Erwerbs- und Familienarbeit auf Männer und Frauen«. Das macht ja wohl nur Sinn, wenn nicht nur die Erwerbsarbeit als Arbeit betrachtet wird.
Im Programmentwurf steht: »Einkommen und Vermögen werden durch Arbeit erzeugt und sollen daher entsprechend dem Beitrag zum gesellschaftlichen Arbeitsprozess sowie nach Bedürftigkeit verteilt werden.« Katja macht daraus, »dass allein Erwerbsarbeit als Quelle von gesellschaftlichem Reichtum angesehen wird«. Dies ist eine zweifache Verfälschung: Im Entwurf steht »Arbeit« und nicht »Erwerbsarbeit«, und es steht »Einkommen und Vermögen« und nicht »Reichtum«. Dies ist wichtig, denn die Natur ist ebenso wie die Arbeit Quelle des stofflichen Reichtums – aber nicht des Vermögens, also des Eigentums, und des Einkommens. Beim Einkommen als einer Wert- oder Geldgröße wäre es sogar richtig zu sagen, dass nur die Erwerbsarbeit (oder mit Marx: die abstrakte Arbeit) seine Quelle ist.
Auch der Satz des Entwurfs »Die Grundlage für die Entwicklung der Produktivkräfte ist heute und auf absehbare Zeit die Erwerbsarbeit« wird von Katja Kipping missinterpretiert. Es scheint sinnvoll, ihn im überarbeiteten Entwurf mehr zu erklären. Die Betonung liegt auf der Entwicklung der Produktivkräfte, ihrer Dynamik. Diese entsteht in der gesellschaftlich organisierten Arbeit, im Rahmen gesellschaftlicher und globaler Arbeitsteilung und objektiver Vergesellschaftung der Forschung, Entwicklung und Produktion. Und diese gesellschaftlich organisierte Arbeit vollzieht sich ganz überwiegend in Formen von Erwerbsarbeit, vor allem Lohnarbeit. Es kommt darauf an, diesen gesellschaftlichen Arbeitsprozess von der Herrschaft des Kapitals zu befreien und ihn demokratisch zu gestalten, statt das Heil in der Flucht zu suchen.
Es ist dieser gesellschaftlich organisierte Arbeits- und Produktionsprozess, in dem sich die Dynamik abspielt, und der auch die Bedingungen für die Arbeit in den privaten Haushalten umwälzt. Weder Waschmaschine noch Heimcomputer wurden in der Familie erfunden und produziert, sondern in der Industrie.
Die Autorin kritisiert dann, dass der Entwurf für linke Politik »starke, aktive, kämpferische und politisch eigenständig handelnde Gewerkschaften« für besonders wichtig hält. Sie behauptet sogar, der Programmentwurf würde den Gewerkschaften eine »Avantgardestellung« zuschreiben, was frei erfunden ist. Dass andere Kräfte und Bewegungen zwar genannt, aber weniger betont werden, widerspiegelt nur die Realität. Die Gewerkschaften sind von ihrer Massenbasis, Organisations- und Mobilisierungskraft und ihren politischen Machtressourcen her weitaus stärker als alle anderen sozialen Bewegungen. Und nur sie und nicht andere Bewegungen haben die potenzielle Macht, durch die Organisierung von Streiks der Macht des Kapitals etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen. »Auf der Höhe der Zeit« zu sein, ist etwas anderes, als kritiklos modischen Thesen von »Multitude« aufzusitzen.
Katja Kipping vermisst auch eine Kritik der gegenwärtigen DGB-Politik. Aber wir diskutieren ja ein Programm für die LINKE und nicht für die Gewerkschaften, die Irrungen anderer Bewegungen werden ebenso wenig behandelt, und das ist auch besser so. Katja bemerkt anscheinend nicht, dass die Formulierung »starke, aktive, kämpferische und politisch eigenständig handelnde Gewerkschaften« durchaus Kritik beinhaltet und dass die konkreten Forderungen des Programmentwurfs nicht alle oder irgendwelche, sondern spezifisch links-gewerkschaftliche Positionen aufgreifen.
Abschließend beklagt Katja Kipping, dass das bedingungslose Grundeinkommen im Programmentwurf keine Berücksichtigung findet. Das liegt daran, dass viele andere in der LINKEN dieses Modell für einen falschen und desorientierenden Vorschlag halten. Diese Forderung spaltet die Partei und ist schon deshalb nicht geeignet, als Position der LINKEN im Grundsatzprogramm verankert zu werden. Selbstverständlich jedoch kann sie in der LINKEN vertreten und weiter diskutiert werden. Schließlich bedeutet Nichterwähnung auch, dass diese Forderung nicht ausdrücklich verworfen wird. Ein »Ende diskursiver Offenheit« wäre das nur bei einem hochgradig autoritären Parteiverständnis, dass nur diskutiert werden darf, was im Programm steht. Wir haben ein solches Verständnis nicht.
Der erste Entwurf eines Grundsatzprogramms der Partei DIE LINKE liegt seit vergangener Woche vor. Die nun begonnene Diskussion wird im November mit einem Programmkonvent ihren ersten Höhepunkt haben, eine Beschlussfassung des LINKEN-Programms ist für Herbst 2011 geplant.
Neues Deutschland begleitet diese Debatte – in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung – mit einer eigenen Artikelserie. Sie erscheint jeweils in der Montagausgabe des ND.
Nun ist angerichtet für eine streitfreudige Diskussion quer durch die Themen – auch zu Lücken, die die bisherigen Texte hinterlassen: in den kommenden Ausgaben des ND, jeweils montags, mit weiteren eingeladenen Autorinnen und Autoren und mit freien Wortmeldungen. Mehr
Vor mehr als zwei Jahren schon habe ich vorausgesehen, daß Frau Kipping sich wird ERNSTLICH entscheiden müssen: Entweder wird sie mit ihrer Idee vom hierzulande wirklich SEHR notwendigen Bedingungslosen Grundeinkommen (bGE) innerhalb der Partei DIE LINKE untergehen bzw. wird dieses Konzept an den Nagel hängen müssen, um weiterhin Karriere innerhalb der LINKSPARTEI machen zu können und dort ernst genommen zu werden ... ODER aber sie wird die richtigen Konsequenzen aus der von ihr endlich vollständig zur Kenntnis genommenen Realität ziehen müssen, die da einzig lauten: Lossagung von der Partei DIE LINKE und Gründung einer eigenen Partei oder (prominenter) Anschluß an eine bereits existierende, starke linke Partei, die das Konzept des bGE ganz oben auf ihre Fahnen schreibt und HART daran arbeitet, es BALD nach Deutschland zu bringen.
Ich anstelle von Kipping würde statt hier weiter zu jammern, daß das Parteiprogramm der LINKEN in die falsche Richtung geht (insbesondere weil das bGE dort ignoriert wird), sofort und medienwirksam mit PARTEIAUSTRITT gegenüber Gysi, Lafontaine, Ernst und Co. DROHEN, aber nicht als "faulen Poker", sondern mit der glasklaren Entscheidung, in der Tat das Parteibuch der LINKEN bis zum Ende des Jahres genannten Herren von der LINKEN vor die Füße zu werfen, wenn das Bedingungslose Grundeinkommen als Ablösung vom verhaßten HartzIV nicht ins Parteiprogramm aufgenommen wird. Klar und konsequent!
Richtig: Das bedingungslose Grundeinkommen spaltet die Gesellschaft, auch innerhalb der Linken. Nur dann muß man auch Eier oder einen Arsch in der Hose haben und sich lossagen von anderen oder gar gegensätzlichen Positionen und seinen eigenen Weg, den man für richtig und gut hält (hier: Einführung des bGE), konsequent gehen statt zu kuschen und die eigenen Karriere der Idee vorzuziehen, sprich: Verrat zu üben an den Idealen, die man doch eigentlich für richtig hält.
DAS ist Größe! Ob Frau Kipping solche hat??!
Ich finde es absolut nicht richtig, wenn sich die Linke in immer mehr kleinere Gruppen spaltet. War es nicht schon früher so, dass sie grosse Probleme hatte sich zusammenzuschliessen? Kompromisse gehören zu einer Partei wie der Linken, die sich aus so verschiedenen Meinungen zusammensetzt. Was nützt es uns, wenn durch die Spaltung die Stimmen der Wähler verlohren gehen. Wollen wir was bewirken oder im eigenen Saft in einer kleinen Gruppe dahinschmoren?
Ich wünschte mir auch, dass die einzige Partei, die man wählen kann, eine richtige Linke ist, die nicht den Kommunismus in ihrem Programm übergeht. Aber habe ich eine Wahl? Wie soll ich KPD oder DKP wählen, wenn sie auf keiner Wahlliste stehen?
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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