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Von Aert van Riel 12.07.2010 / Berlin / Brandenburg

Megaspree demonstrierte Vielfalt

Tausende beteiligten sich am Sternmarsch gegen die Stadtentwicklungspolitik des Senats

Sargträger tragen demokratische Grundwerte zu Grabe (oben).
Sargträger tragen demokratische Grundwerte zu Grabe

Vor dem Club »Wilde Renate« nahe der Elsenbrücke in Friedrichshain stehen vierzehn schwarze Särge. Auf ihnen sind in weißer Schrift Begriffe wie »Bürgerwille«, »Menschlichkeit«, »soziale Gerechtigkeit« und »Bildung« zu lesen. »Heute werden wir diese demokratischen Grundwerte symbolisch zu Grabe tragen«, erklärt Tobias Trommer von der Bürgerinitiative (BI) »Stadtring Süd«. Die BI ist Teil des Bündnisses Megaspree, das an diesem Sonnabend unter dem Motto »Rette deine Stadt« gegen die Stadtentwicklungspolitik des rot-roten Senats demonstriert.

Zusammengeschlossen haben sich neben politischen Basisinitiativen auch zahlreiche alternative Clubs und Bars. Viele sind am Spreeufer wegen des Stadtumbaus im Zuge des Investorenprojektes Mediaspree in ihrer Existenz bedroht.

Sie sorgen mit Demonstrationswagen und Musik dafür, dass am bisher heißesten Tag des Jahres neben der düsteren Sarg-Aktion vor allem Party-Atmosphäre unter den fast durchweg jungen Teilnehmern herrscht. Hinter den Wagen tanzen knapp bekleidete Männer und Frauen zu elektronischen Beats. Dass der Eindruck eines unpolitischen Straßenfestes entstehen könnte, glaubt Trommer nicht. »Unsere politischen Anliegen stehen im Vordergrund.« Er trägt ein blaues T-Shirt, auf dem der Schriftzug »A 100« rot durchgestrichen ist. Der Aktivist betont, dass es sich um »Politik von unten« handelt. »Wir haben ganz bewusst keine Parteien eingeladen, sondern sind eine demokratische Basisbewegung.«

Einige Anwohner begrüßen die bunte Demonstration. In Treptow hält eine ältere Dame mit schneeweißem Haar eine Rede. Seit ihrem vierten Lebensjahr lebt die 69-jährige Erika Gutwirt in der Beermannstraße. Nun droht dem Haus wegen des Autobahnausbaus der Abriss. Doch das wolle sie nicht hinnehmen und dagegen protestieren. »Eine Autobahn muss doch nicht mitten durch die Stadt gebaut werden«, ruft die kleine Frau empört den Demonstranten zu. Diese antworten mit Gejohle und lautem Klatschen.

An der Oberbaumbrücke trifft der Zug auf weitere Demonstranten, die am Boxhagener Platz in Friedrichshain gestartet sind. Vornweg laufen schwarz gekleidete Autonome. Sie tragen ein Transparent mit der Aufschrift »Die Stadt gehört allen«.

Fast kippt die bisher friedliche Stimmung, als die Antifas vor der 02-Arena auf eine Gruppe Fußballfans mit schwarz-rot-goldenen Fahnen treffen und »nie wieder Deutschland« skandieren. Doch es bleibt bei gegenseitigen Beschimpfungen.

Am Roten Rathaus vereinigen sich die Demonstrationszüge, die von sechs verschiedenen Orten der Stadt ihren Anfang genommen haben. Insgesamt sind es etwa 5000 Menschen. Vor dem Rathaus findet bis in die späten Abendstunden ein Kundgebungs-Marathon statt.

Für einige endet die Veranstaltung erst im Morgengrauen. Denn ab 23 Uhr wird in der Alten Münzfabrik die After-Demo-Party gefeiert. Dort folgen die Aktivisten dem Aufruf, der eigentlich schon den ganzen Tag über galt: »Tanze für deine Stadt.«

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