»Es gibt noch Wasser!« Was für eine anziehende Durchsage an diesem brütend heißen Tag in Gera! Die von stundenlangen erfolglosen Blockadeversuchen in praller Sonne und zu wenig Schatten erschöpften Blockierer füllen noch einmal ihre Flaschen auf. Die Polizisten, die nicht weniger Sonne abbekommen haben und nun am Rand ebenfalls auf den Start der Abschlussdemonstration warten, drängen sich in kleinen Gruppen im Schatten von Bäumen und Büschen zusammen.
Aus den Lautsprecherwagen schallt Musik, eine Sambagruppe und Transparente formieren sich am Kopf des Zuges, dann setzt sich die Demonstration in Bewegung Richtung Innenstadt – vorbei auch an der »Spielwiese«, wo etwa 1000 Nazis mit Rechtsrock und NPD-Parolen beschallt werden. Im vergangenen Jahr hatten hier noch rund 4000 Rechte kaum behelligt gefeiert.
Bereits vom frühen Morgen an sitzen und stehen mehr als 1000 Menschen – aus Gera und angereist etwa aus Dresden, Leipzig, Jena, Weimar, Nürnberg und Berlin – schwitzend in Straßen, auf Kreuzungen und Brücken. Zusammen wollen sie verhindern, dass Besucher zum Veranstaltungsort des von der NPD organisierten »Rock für Deutschland« gelangen. Doch schnell wird klar: der Blockadering ist löchrig. Unter Polizeischutz und hinter Absperrungen werden die eintreffenden Nazis an den Blockaden vorbei auf die »Spielwiese« geschleust. Zugangswege, die tatsächlich dicht sind, müssen die Rechten lediglich umgehen.
Und doch ist die Stimmung bei den Demonstranten alles andere als schlecht. Wenn schon nicht das Motto »The Party is over – Stoppen, Blockieren, Verhindern« zu bewerkstelligen ist, dann doch zumindest »Verzögern, Stören, Behindern« und den anreisenden Nazis zeigen, dass sie und ihre Feier nicht willkommen sind.
Die wichtigsten antifaschistischen Hilfsmittel an diesem Samstag in Ostthüringen: Sonnencreme und -schirme, Schatten spendende Fahnen und literweise Getränke. »Wo sind die Wasserwerfer, wenn man sie einmal braucht«, frotzelt ein Blockierer der strategisch wichtigen Heinrichsbrücke. Für derartige Abkühlung kann das Aktionsbündnis aus Antifagruppen, Gewerkschaften, Parteien und Initiativen zwar nicht sorgen. Doch versorgen Helfer die Protestierenden den ganzen Tag über mit Wasser und zwischendurch auch mal mit Eiswürfeln zur Erfrischung.
Als gegen Mittag die meisten Nazis ihren Weg zum Konzert gefunden haben, kommt an den Aktionspunkten schließlich in Gestalt des strohbehüteten Bodo Ramelow das Signal zum Abbruch. Angesichts der Temperaturen habe sich das Aktionsbündnis dazu entschlossen, die ohnehin durchlässigen Blockaden aufzulösen und mit einer Demonstration einen gemeinsamen Schlusspunkt zu setzen, erklärt der Vorsitzende der Linksfraktion im Thüringer Landtag.
Ramelow ist auch der Anmelder der Spontandemonstration und Abschlusskundgebung in der Innenstadt, Ort und Zeit für eine erste Bilanz der Proteste. Der Moderator einer der Lautsprecherwagen bringt es auf den Punkt: »Es gab mehr als letztes Jahr, aber es muss noch mehr werden.« Und: »Schön, dass so viele kommen und helfen, aber es müssen noch mehr Geraer kommen.«
Bodo Ramelow lobt, dass das Bündnis breiter geworden sei und fordert die Geraer auf, »es selber in die Hand zu nehmen« und sich im nächsten Jahr »zu Tausenden« auf die Heinrichsbrücke zu stellen. Zwar habe das Konzert nicht gänzlich verhindert werden können, doch sollten die Blockierer »den Kopf oben behalten«, denn die Behinderung der Anreise sei ein Zeichen, dass den Nazis nicht die Straße überlassen werde.
Das vorläufige Schlusswort des Aktionsbündnisses am Sonntag: »Danke an alle, die mit uns geschwitzt, gestanden und gesessen haben! Mit vielfältigen Aktionen im Vorfeld und mit den Blockaden der wichtigsten Zugangswege am Tag selbst habt ihr dafür gesorgt, dass das Nazifest ›Rock für Deutschland‹ nicht ungehindert in Gera stattfinden konnte.«
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
Rechtsrock für die Kameraden Das Nazifest in Gera hilft der NPD, das militante Spektrum einzubinden
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