Von Christine Weckwerth
15.07.2010
Politisches Buch

Baumgartens Visionen

Gerd Irrlitz über Rechtsordnung und Ethik der Solidarität

Arthur Baumgarten (1884-1966)
Arthur Baumgarten (1884-1966)

Theorien wirken über ihre Zeit hinaus, sie tragen deren kulturelle Potenziale und Optionen weiter, wenn sie mitunter auch in Vergessenheit geraten, so im Fall Arthur Baumgartens. Dem Berliner Philosophiehistoriker Gerd Irrlitz, der vor kurzem seinen 75. Geburtstag beging, ist es zu verdanken, das Denken Baumgartens mit Blick auf das Gesamtwerk wieder vergegenwärtigt zu haben. Seine Monographie zeigt Baumgarten als einen Rechtswissenschaftler und Philosophen auf, der auf Basis eines sensualistischen Empirismus eine anspruchsvolle, auf die Zukunft hin geöffnete Theorie entwickelt hat. Das Elixier des Baumgartenschen Werkes sieht Irrlitz im Zusammendenken der sozialliberalen und sozialistischen Tradition, worin man angesichts gegenwärtiger Krisenerscheinungen die Aktualität Baumgartens sehen kann.

Mit seiner Interpretation tritt Irrlitz einer bis heute anhaltenden Zurücksetzung Baumgartens in der Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft und Philosophie entgegen, die von westlicher, aber auch von marxistischer Seite erfolgte. Auf westlicher Seite befremdete vor allem Baumgartens Annäherung an sozialistische Positionen sowie sein Entschluss, nach dem Krieg in die Ostzone und spätere DDR überzusiedeln. Dieser Entschluss entsprang vor allem der politischen Erfahrung von 1933 wie der vorhergehenden obrigkeitsstaatlichen Erosion des Rechtsstaates in der Weimarer Republik – als einer der wenigen Juristen hatte Baumgarten 1933 seinen Lehrstuhl in Frankfurt am Main freiwillig aufgegeben und war in die Schweiz emigriert. Mehr als die Übersiedlung in die DDR irritierte die westdeutschen Juristen-Kollegen nach Irrlitz wohl, dass Baumgarten dieses Land nicht wieder verließ. Der bis zuletzt Schweizer Staatsbürger bleibende Baumgarten wurde seinen Erwartungen entsprechend in das ostdeutsche Wissenschaftsleben integriert – er erhielt 1948 eine Professur für Rechtsphilosophie und Strafrecht an der Berliner Humboldt-Universität, 1952 wurde er Präsident der neu gegründeten Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft. Durch seine Subsumtion unter die marxistisch-leninistische Lehre wurde das eigentliche Problem seiner Rechtsphilosophie und damit seine Leistung nach Irrlitz jedoch ausgeblendet.

Einst eine Berühmtheit auf juristischem Gebiet, geriet Baumgarten zwischen die Fronten, was eine angemessene Aufnahme seines rechtstheoretischen Werkes verhinderte. Mit Baumgarten wurde dem Autor zufolge eine ganze Periode des vergangenen Jahrhunderts vergessen, gemeint ist die Vor- und Frühgeschichte der ostdeutschen Nachkriegsrepublik. Auf diese Periode in ihrem intellektuellen, ästhetischen Potenzial und sozialreformerischen Ansatz will Irrlitz eigens wieder aufmerksam machen.

Seine Monographie erweist sich als eine ausgesprochen materialreiche und anregende, in immer weitergehenden Kreisen (Strafrecht, Rechtsphilosophie, Philosophie) in das Baumgartensche Werk eindringende Studie. Es wird darin ausführlich auf dessen rechtswissenschaftliche und philosophiegeschichtliche Wurzeln eingegangen und gezeigt, dass Baumgarten an den fortgeschrittenen Empirismus des Pragmatismus wie an Schopenhauers Antinomik des leidenden Willens anknüpfte und diese Linien später mit Elementen der marxistischen Theorie verbunden hat. In systematischer Hinsicht fokussiert Irrlitz seine Darlegungen auf das Verhältnis von Recht und Moral, das Baumgarten in der Tradition des Sensualismus und Liberalismus in Richtung einer Begründung des Rechts auf der Moral dachte.

Auf strafrechtlichem Gebiet ließ ihn dieser Ansatz auf die elementare Handlungsebene zwischenmenschlicher Beziehungen, auf die konkrete Täter-Opfer-Beziehung zurückgehen. Das Verbrechen bestimmte er als eine willentliche Leidzufügung zum eigenen Vorteil, Strafe hingegen als Hervorbringung von Gegenleid, wodurch dem Täter Gelegenheit zum Schuld- bzw. Sühnebewusstsein gegeben wurde. In seiner Straftheorie rückte damit der Begriff der Schuld in den Mittelpunkt. Seine Vergeltungstheorie richtete sich sowohl gegen den Rechtspositivismus als auch gegen eine rein normative Rechtsbegründung. Auf philosophischer Ebene ging Baumgarten auf eine eudämonistische Ethik zurück, die das Streben nach Glück als Fundament des aktiven Wesens des Menschen erkannte. Glück war nach Baumgarten nur als diejenige Tätigkeit zu erlangen, die eigenem und fremdem Leid entgegenwirkt. Er vertrat nach Irrlitz eine Ethik solidarischer Beziehungen, die er als allgemeine Basis des Rechts setzte. In diesem funktionalen Ansatz erkennt der Autor eine wesentliche Leistung Baumgartens.

Dem Recht sprach Baumgarten eine optimierende, integrationistische Funktion zu, im Sinne, dass es die Mitglieder der verschiedenen Klassen und Gruppen zu den Formen kooperativen Zusammenwirkens hinordnet. Hier sieht Irrlitz eine Brücke zwischen Baumgartens sozialliberalen und sozialistischen Auffassungen: Das individualrechtlich begründete subjektive Recht soll mit dem objektiven Recht integrativ zu gestaltender sozialer Sektoren vermittelt werden. Eine sozialistische Lösung dieses Problems machte Baumgarten an Sozialisierungsprozessen fest, und zwar mit den Folgen einer verfassungsrechtlichen Erneuerung sozialer Umverteilung und Wirtschaftsplanung, wie es Irrlitz ausdrückt.

Für die Zukunft antizpierte Baumgarten eine solidarische Arbeitsgemeinschaft der Menschen, wofür er auf eine Metaphysik einer sich entfaltenden Geist-Einheit der Menschheit zurückgriff. Irrlitz selbst weist auf die Schwierigkeiten, diese Entwicklung im Hinblick auf die gegenwärtige globalisierte Gesellschaft als eine mögliche aufzuzeigen; ist die für Baumgarten relevante Bewegung der politisch organisierten Arbeiterklasse heute doch untergegangen, ohne dass eine Klassenbewegung mit neuem revolutionärem Programm an deren Stelle getreten wäre. Für Baumgarten in seiner »experimentellen Erwartungshaltung« wäre dieses Problem zweifellos eine Herausforderung gewesen, wie sein rechtsphilosophischer Ansatz insgesamt wertvolle systematische Anstöße zum Verständnis der modernen Gesellschaft gibt. Gerd Irrlitz ist es in seiner Monographie gelungen, den unterschätzen Baumgarten wieder in die Gegenwart zu holen – und wohl mitunter kongenial weiterzudenken.

Gerd Irrlitz: Rechtsordnung und Ethik der Solidarität. Der Strafrechtler und Philosoph Arthur Baumgarten. Akademie Verlag, Berlin. 409 S., br., 49,80 €.

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