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Von Tobias Riegel 15.07.2010 / Feuilleton

In der digitalen Lagerhalle

Die Erfindung von mp3 vor 15 Jahren hat die Wertschätzung für Popmusik radikal verändert

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Ein Zeugnis aus einer Zeit vor Erfindung des mp3: Im Film »High Fidelity« ist die Neuordnung der Plattensammlung nach immer wilderen Kriterien eine wichtige Beschäftigungstherapie der Protagonisten. In jeder Sinnkrise werden von den längst erwachsenen, ewig jugendlichen Pop-Fans die identitätsstiftenden Vinyl-Schätze in einer mehr oder weniger sinnvollen – vor allem aber neuen und ungewöhnlichen – Reihenfolge gestapelt. Absolut verpönt ist dabei eine alphabetische Abfolge. Die den Kollegen echte Hochachtung abverlangende Königsdisziplin folgt dem Kriterium »biografisch«: Um eine bestimmte Platte zu finden, muss sich der Fan fortan an die Begebenheit erinnern, die mit dem Hören oder dem Kauf der Musik verknüpft ist. In dieses System nicht Eingeweihte, sind verloren und ausgeschlossen.

Doch nur einigermaßen überschaubare Sammlungen erlauben solche Extravaganzen. Die jugendlichen Musikfans von heute bewegen sich eher wie Lageristen durch ihre gigantischen digitalen Materialsammlungen von oft Zehntausenden von Titeln. Diese Soundmassen nehmen zwar, verborgen in der Computer-Festplatte, physisch keinen Platz mehr weg – belegen und überfordern dafür aber das Gehirn jedes Musikliebhabers. Biografische Verknüpfungen mit der Musik werden zwar noch hergestellt, sofort aber von der Flut der nächsten 2000 heruntergeladenen Titel hinweggespült. Potenziell intensive Erfahrungen mit der einen LP oder gar dem einen einzigen Song finden immer seltener statt und werden verwässert im Strom der permanenten Verfügbarkeit – von den in Zeiten des nachlässig beschmierten CD-Rohlings fast bedeutungslos gewordenen Plattencovern ganz zu schweigen. »Schuld« an dieser neuen Unübersichtlichkeit ist eine Erfindung aus Deutschland, die dieser Tage 15. Geburtstag feiert: das Komprimierungs-Format mp3.

Grob gesagt, ermöglicht diese vom Fraunhofer-Intitut entwickelte Technik, Audiodateien auf einen Bruchteil ihrer Größe zu verkleinern. Dies wird erreicht, indem vom menschlichen Ohr ohnehin nicht wahrgenommene Frequenzen herausgefiltert werden. Dadurch können Musikstücke und andere Tonaufnahmen, die sonst große Datenmengen belegen, sowohl in großer Zahl archiviert werden, als auch per E-Mail verschickt oder auf Webseiten angeboten werden.

Die offensichtlichsten Folgen sind bekannt. So hat sich eine riesige internationale Tauschkultur entwickelt, die die Musikindustrie das Fürchten lehrt. Dabei müssen die digitalisierten Hits ihren Weg nicht mal illegal auf die Festplatten finden. Freundeskreise überlassen sich heute, statt der guten alten Mix-Kassette mit etwa 15 Songs, gegenseitig komplette Plattensammlungen mit schnell mal 10 000 Titeln. So hat das grandios unterschätzte mp3-Format eine beispiellose Fixierung auf Quantität entfacht, die allem Künstlerischen zuwider läuft. Der Musikfan degradiert sich so selber zu einem der eigenen Sammlung hinterherhechelnden Archivar.

Darüber, dass die Handvoll in der hoch konzentrierten Musikwirtschaft verbliebenen Manager das Gefahrenpotenzial jener Neuerung so komplett übersehen haben, schüttelt noch heute eine ganze Branche den Kopf. Der dauernde Verweis von Seiten der Musikindustrie auf illegalen Download als Erklärung für alle Umsatzeinbußen trägt zudem mindestens teilweise Züge einer Schutzbehauptung, die von eigenen, vor allem kreativen, Fehlern ablenken soll.

Wie alles Technische, ist auch mp3 nur so gut oder böse, wie das, was man damit anstellt. So hat die Datenverkleinerung natürlich auch positive, sehr kreative Seiten. Wollte etwa ein Berliner Musikproduzent vor 20 Jahren mit einer Künstlerin in New York zusammenarbeiten, so musste sich einer der beiden ein Flugticket kaufen. Eine andere Möglichkeit zur Arbeit über weite Distanz war einzig die risikoreiche und langsame Variante, die betreffenden Tonbänder mit der Post über den großen Teich zu schicken. Heute, durch blitzschnell hin- und hergemailte Instrumentalstücke oder Gesangsspuren, kennt die gemeinsame Studioarbeit keine Grenzen mehr. Kontinente übergreifende Produktionen, bei denen sich die Beteiligten nicht ein einziges Mal persönlich getroffen haben, sind keine Ausnahmen mehr. Und auch Selbstvermarktungs-Instrumente für Musiker, wie die Webseite Myspace, wäre ohne mp3 undenkbar.

Diese produktionstechnischen Erleichterungen haben allerdings über Umwege ebenfalls zur ideellen Entwertung von (Pop-)Musik beigetragen – zusammen mit anderen musiktechnischen Neuerungen seit den späten 80er Jahren wie den rasant entwickelten Sample-Möglichkeiten. Denn Musik ist heute nicht nur permanent und am liebsten gratis verfügbar, es gibt auch immer mehr davon und vieles davon auf sehr hohem Niveau. Die Demokratisierung der Produktionsmittel, die zu Hunderttausenden rund um den Erdball entstandenen Wohnzimmerstudios, bescheren dem Konsumenten heute eine nicht mehr zu überblickende Flut an Neuveröffentlichungen. Diese zu sichten und gleichzeitig noch die gerade heruntergeladene Komplett-Discographie der Beatles zu genießen, würde einen Fulltime-Job bedeuten.

Jeder Börsenfachmann kann erklären, dass man die Wertschätzung für ein Produkt am besten kaputt macht, indem man den Markt damit überschwemmt. Und so arbeiten momentan alle am Pop-Geschäft Beteiligten (die Händler, die Kreativen und die Konsumenten) kräftig mit, am nicht nur finanziellen Niedergang ihrer Leidenschaft. Einzug gehalten hat zudem eine mit viel Service gepaarte Lieblosigkeit. Die Musikdateien werden von den illegalen Download-Anbietern einerseits dem Cover und sonstiger Artwork beraubt, andererseits aber detailversessen beschriftet und (teils alphabetisch!) geordnet. So eingespeist in die digitale Musikbibliothek, drohen diese immer auch verschütt zu gehen. Deshalb ist der Laptop-User, ganz wie der Lagerist auf seinen Gabelstapler oder sein Regalverzeichnis, auf technische Hilfsmittel angewiesen, will er jenen vor zwei Wochen eingeordneten Song wieder auffinden.

Es ist also eine Situation, die unterm Strich keinem der Beteiligten gefallen kann, die aber auch wichtige neue Diskussionen entfacht hat. So wird verstärkt über eine sogenannte Kulturflatrate nachgedacht – also eine bestimmte Anzahl von Songs oder auch Filmen, die man für einen Pauschalbetrag herunterladen kann. Auch gibt es Forderungen, Bedürftigen das kostenlose Herunterladen von kulturellen Gütern zu erlauben, oder den Staat als Mäzen für die nun darbenden Musiker in die Pflicht zu nehmen.

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