Für seine Anhänger steht er irgendwo zwischen Robin Hood und Martin Scorseses Taxi Driver: aufrecht und unbeirrt gegen eine Ordnung, die als Zumutung erachtet wird. Der Kampf, den der 1961 in München geborene Walter Scheuerl führt, richtet sich nicht gegen englische Könige oder US-amerikanische Präsidentschaftskandidaten. Auch bedient er sich völlig legaler Mittel. Der Rechtsanwalt ist Gründer und Sprecher der Initiative »Wir wollen lernen«, die die Hamburger Politik in den letzten Monaten in Aufruhr versetzt und alle Parteien in der Bürgerschaft zu einer ganz großen Koalition zusammenschmiedete.
Gegen die geplante sechsjährige Primarschule, für den Erhalt des achtjährigen Gymnasiums – das Ziel von Scheuerls 2008 gegründeter Initiative, über die gestern per Volksentscheid abgestimmt wurde, ist denkbar konservativ. Einen »sehr bürgerlichen Rebellen« hat die sehr bürgerliche »Welt« den Brillen- und Krawattenträger genannt. Dass durch ihn nicht nur die schwarz-grüne Schulreform, sondern auch der seit 2001 regierende CDU-Bürgermeister Ole von Beust ins Wanken geraten ist, gehört zu den Kuriosa des ersten verbindlichen Plebiszits des Landes. Scheuerls Kommentar: »Wir rufen keine Krisen hervor, wir wecken Problembewusstsein.«
Scheuerl scheut vor Polemik und Provokation nicht zurück. Erst in den letzten Tagen der Kampagne hat er sich etwas zurückgenommen, wohl auch, um unentschlossene Wähler nicht gegen sich aufzubringen. Dem Anwalt aus dem noblen Elbvorort Othmarschen wurde vorgeworfen, mit der Initiative wollten besser gestellte Eltern ihre Kinder vor den sozialen Herausforderungen einer Millionenstadt abschotten. »Mit krasser Polemik erreicht man nicht so viele Menschen«, begründete Scheuerl selbst den Wechsel in seiner Tonart.
Was das Thema Bildungspolitik betrifft, ist der bürgerliche Bürgerschreck familiär vorgeprägt. Sein 2004 verstorbener Vater Hans zählte zu den Gründern des Pädagogischen Instituts der Universität Hamburg. 1958 verfasste Scheuerl senior eine Abhandlung »zur Frage der ›Startgerechtigkeit‹ im Schulwesen«. Ein halbes Jahrhundert später hat sein Sohn aus dem Buch eine Volksabstimmung gemacht.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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