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Von Reimar Paul 23.07.2010 / Wirtschaft

Krebs ja, Missbildung nein?

Neue Studie zu Kindern und Kernkraft löst Kontroversen aus

Verschiedene Studien, unterschiedliche Ergebnisse. Das ist zwar häufig so, im Falle zweier Untersuchungen zur Kindergesundheit im Umkreis von Atommeilern aber besonders bitter. Abschließend kann die wahre Gefahr nicht geklärt werden.

Dass Atomkraftwerke nicht nur bei Störfällen, sondern auch im Normalbetrieb Radioaktivität an die Umwelt abgeben, ist unstrittig. Als gesichert gilt auch die Erkenntnis, dass schon geringe Dosen radioaktiver Strahlung Krebs und andere Krankheiten auslösen sowie das Erbgut verändern können. Der Vorwurf: Die von AKW emittierte Radioaktivität erhöht das gesundheitliche Risiko für die Anwohner.

Eine vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Auftrag gegebene Untersuchung zu Kinderkrebs und Atomkraftwerken (KiKK-Studie) kam 2007 zum Ergebnis, dass im Umkreis von AKW ein erhöhtes Risiko für Kinder unter fünf Jahren besteht, an Krebs zu erkranken. Insbesondere gelte dies für Leukämien. Das BfS schränkt allerdings ein, dass die Ursache für dieses Risiko »bislang nicht geklärt« sei. Nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand könne der beobachtete Anstieg der Erkrankungen nicht allein durch die Strahlenbelastung aus einem AKW erklärt werden. Gleichwohl sorgte die Studie damals für Aufsehen, sie verstärkte die öffentliche Debatte über die Sicherheit der AKW.

Eine aktuelle Erhebung (»Kinder und Kernkraft«-Kuk-Studie), ebenfalls vom BfS veranlasst, scheint nun die Ergebnisse der KiKK-Studie zu relativieren. Demnach haben Kleinkinder in der näheren Umgebung der AKW-Standorte Biblis (Hessen) und Philippsburg (Baden-Württemberg) kein höheres Risiko, mit einer angeborenen Fehlbildung zur Welt zu kommen als Kinder in anderen Regionen Deutschlands. Das mit der Untersuchung beauftragte Geburtenregister der Universität Mainz hatte in der Umgebung dieser AKW die Häufigkeit angeborener Fehlbildungen ermittelt und die Daten mit der Fehlbildungshäufigkeit in einer AKW-freien Region verglichen.

Die Mainzer Mediziner erfassten im Umkreis von zehn Kilometern um die beiden AKW sowie in der Vergleichsregion alle Geburten und Aborte zwischen November 2006 und Februar 2008. Die Studie umfasste 5273 Kinder und Föten, davon 5218 Lebendgeborene, 30 Totgeborene und 25 Aborte. Die Lebendgeborenen seien von speziell geschulten Kinderärzten untersucht, alle erfassten Fehlbildungen von einem internationalen Expertengremium bewertet worden.

Die Angaben lassen seriöses Vorgehen vermuten. Doch die atomkraftkritische Ärzteorganisation IPPNW übt heftige Kritik. Es handele sich bei der Studie um eine »argumentative Schützenhilfe zu Gunsten der Atomindustrie«. Die Studie habe aufgrund geringer Fallzahlen keine ausreichende statistische Nachweisstärke, um einen Effekt in ähnlicher Größenordnung wie in der KiKK-Studie nachzuweisen, so die IPPNW-Ärzte.

Der Physiker Alfred Körblein bemängelt, dass die KuK-Studie lediglich an zwei Kraftwerksstandorten und im Umkreis von nur 10 Kilometern gelaufen ist und der Studienzeitraum lediglich etwas mehr als 15 Monate umfasste. Trotz der dünnen Datenlage zeige sich aber eine deutliche Zunahme des Risikos mit der Nähe zum Atomkraftwerk, wenn eine größere Entfernung als 3 Kilometer in die Auswertung einbezogen werde. Eine Ausweitung der Untersuchungsregion auf einen Radius von mindestens 15 Kilometer und des Untersuchungszeitraums auf zwei Jahre hätte genügt, um einen Trend in ähnlicher Höhe wie bei der KiKK-Studie nachzuweisen, vermutet Körblein, der als Physiker vor allem über die Auswirkungen radioaktiver Niedrigstrahlung forscht.

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