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Von Benjamin Beutler 26.07.2010 / Wirtschaft

Die Ungleichheit bleibt

Lateinamerika kämpft mit besonders großer sozialer Schere

In Lateinamerika sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich besonders groß, die sozialen Chancen für Frauen, Indigenes und die Landbevölkerung besonders schlecht. Das zeigt eine ernüchternde Studie der UNO.

Lateinamerika ist die Region mit der weltweit größten Ungleichheit. Das ist das Urteil des Jahresberichts 2010 des »Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen« (UNDP) für den Karibikraum und Lateinamerika, der am Freitag in Costa Ricas Hauptstadt San José vorgestellt wurde. Neben dem Grad menschlicher Entwicklung (Einkommen, Gesundheit, Bildung, Gender, Mitbestimmung) legt die Studie »Handeln für die Zukunft: Gegen die Weitergabe von Ungleichheit zwischen den Generationen« den Schwerpunkt auf die große Wunde Lateinamerikas: Die auseinanderklaffende Verteilung von Ressourcen, die Schere zwischen Arm und Reich.

Die Resultate sind ernüchternd: Von weltweit fünfzehn Nationen mit Rekordungleichheit finden sich zehn in Lateinamerika und der Karibik. Nach dem gängigen Maß für Ungleichheit, dem Gini-Index, hat sich in der Region wenig getan. Hohe Einkommensungleichheit zeigt sich als unüberwindbares Erbe der Kolonialzeit – nationaler Unabhängigkeit von der spanischen Krone und ambitionierter Revolutionen von Mexiko bis Feuerland zum Trotz. Auf der Gini-Messlatte steht Null für absolute Gleichheit, 100 für totale Ungleichheit. Und daran ändert auch Wirtschaftswachstum wenig.

Erst vergangene Woche prognostizierte die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und Karibik (CEPAL) eine Erholung von der Krise und BIP-Wachstumsraten von 5,2 Prozent. Dennoch hat sich der Gini-Index seit den 1970ern kaum bewegt. Tragen aktuelle Sozialprogramme wie in Brasilien, Bolivien und Venezuela auch zur akuten Verbesserung der Lebensumstände der Ärmsten bei, gilt es doch, sozioökonomische Strukturen ungleicher Verteilung zu verändern. Noch immer halten Bolivien (60), Haiti (59), Ecuador (56) und Brasilien (56) den traurigen Rekord der größten sozialen Schere. Während Boliviens Linksregierung seit 2005 mit dem Erbe der Vergangenheit kämpft, steht das Land im globalen Ungleichheitsranking gleichauf mit Kamerun und Madagaskar, das »Schwellenland« Brasilien darf sich mit Uganda vergleichen. Positive Spitzenreiter sind weiter Uruguay (45), Costa Rica (47), Venezuela (48) und Argentinien (48).

Armut und Ungleichheit lasten auf den Schultern der Schwächsten. Frauen erhalten für gleiche Arbeit weniger Lohn als Männer, ihr Anteil im informellen Sektor, im Straßenhandel oder als Haushaltsangestellte ist bedeutend höher. Um Geld zu verdienen und durch die Doppelbelastung Familie und Haushalt schuften sie deutlich mehr als die männliche Bevölkerung. Nicht nur das Geschlecht bleibt entscheidend für Leben in Armut: Der Anteil derjenigen, die mit einem Dollar pro Tag auskommen müssen, ist bei der indigenen Bevölkerung und den Nachkommen afrikanischer Sklaven doppelt so hoch wie bei europäischstämmigen Latinos, so die Diagnose ethnischer Ungleichheit.

Fiktion ist die Mär von der »sozialen Mobilität« als Sinnbild egalitärer Lebenschancen. Wie kaum woanders auf der Welt bestimmen Geschlecht, Ethnie, Klasse, Einkommen der Eltern und der Geburtsort den Lauf des Lebens, was die UNDP-Wissenschaftler als »Teufelskreislauf der Ungleichheit« brandmarken. »Nur fünf Prozent der Kinder, deren Eltern einen niedrigen Bildungsstand aufweisen, schaffen den Weg in die Universität gegenüber 80 Prozent von Nachkommen aus Haushalten mit Erwachsenen mit akademischem Studium«, so die Studie. Rezepte gegen das soziale Übel seien der Abbau »asymmetrischer« Steuersysteme, mehr »Regulationskapazitäten des Staates«, mehr Transparenz und weniger Klientelismus in der Politik.

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