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»Koste es, was es wolle«

Linksfraktionschef erhebt schwere Vorwürfe gegen Duisburger Stadtregierung

Herrmann Dierkes ist Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Du
Herrmann Dierkes ist Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Duisburger Rat. Über die Loveparade und die Folgen der Katastrophe vom Sonnabend spach mit ihm Lutz Debus.

ND: Die Linksfraktion im Duisburger Rat war von Anfang an gegen die Loveparade. Warum?
Dierkes: Unsere Kritik war und ist, dass das vorgesehene Gelände und deren Zugangswege im Hinblick auf die zu erwartenden Menschenmengen nicht geeignet war. Im Frühjahr haben wir im Rat dazu eine Anfrage gestellt. Das uns daraufhin präsentierte Sicherheitskonzept hat uns nicht überzeugt. Die Zahlen bezüglich der zu erwartenden Besucher gingen im Vorfeld weit auseinander. Manche sprachen von mehreren hunderttausend Menschen, andere von über einer Million. Letztere behielten recht. Das Gelände aber fasst nur 500.000 Menschen.

Gab es kein geeigneteres Gelände?
Manche haben damit gerechnet, dass man Autobahnen sperrt und diese für die Loveparade nutzt. Das ist aber nicht geschehen. Der alte Güterbahnhof, der jetzt genutzt wurde, liegt zwischen der A 59 und der Bahntrasse. Der einzige Zugang zu dem Gelände führte durch den Eisenbahntunnel, in dem nun das Unglück geschah. Bei der Planung ist man davon ausgegangen, dass die Besucherströme kontrolliert werden können, wenn sich zeigt, dass der Platz voll ist. Die Planer hatten anscheinend nicht genügend Phantasie, um sich auszumalen, was geschieht, wenn Tausende von Menschen in diesem Tunnel feststecken, weil andere Besucher gleichzeitig das Gelände verlassen wollen.

Waren die Menschen nicht friedlich?
Ich war am Samstagmittag in der Innenstadt. Die Besucher waren teilweise zu diesem Zeitpunkt bereits alkoholisiert und viele wollten dringend noch auf das Gelände. So waren die Konflikte programmiert.

Oberbürgermeister Sauerland (CDU) sagte, dass die Katastrophe durch regelwidriges Verhalten der Besucher ausgelöst wurde.
Das kann überhaupt nicht akzeptiert werden. Wir sind der Meinung, dass sich die Verantwortlichen in den nächsten Tagen sehr unangenehmen Fragen stellen müssen.

Welchen?
Es gab keinen Plan B, um genau die nun entstandene Situation zu verhindern. Unsere Fraktion hat immer wieder bezweifelt, dass es in Duisburg überhaupt geeignete Möglichkeiten für so ein Großereignis gibt. Es gibt in Deutschland nur wenige Städte, die die Voraussetzungen für die Loveparade erfüllen können. Duisburg war es mit Sicherheit nicht.

Die Stadt prognostizierte 500 000 Besucher. War diese Zahl geschönt, um Kosten zu vermeiden?
Das ist möglich. Es wurde von mehreren tausend Polizisten gesprochen, die im Einsatz waren. Entlang der Absperrung waren aber wenige Polizisten zu sehen. Wir erwarten da noch genauere Aufklärung.

Wer trägt die politische Verantwortung für die Katastrophe?
In der Planungsgruppe waren die Stadtverwaltung, die Feuerwehr, die Polizei, die Deutsche Bahn und das Innenministerium vertreten. Er muss nun geklärt werden, wer da den Hut aufgehabt hat. Gerade CDU und FDP im Rat hatten das dringende Bedürfnis, die Loveparade nach Duisburg zu holen – koste es, was es wolle.

Warum waren diese Lokalpolitiker so scharf auf die Loveparade?
Es wurde gesagt: Der Name Duisburg geht in alle Welt. Nun, das ist er nun auch, aber nicht so wie gewünscht. Es wurde auch argumentiert, dass die Veranstaltung durch die Besucher Geld in die Stadt zieht. Es wurde vorgerechnet, dass jede Besucherin und jeder Besucher 90 Euro in der Stadt lässt. Da hatten einige sofort die Eurozeichen in den Augen. Allerdings sind die normalen Bürger, die in der endlich revitalisierten Innenstadt einkaufen, am vergangenen Wochenende bestimmt nicht gekommen. Und die Besucher der Loveparade nehmen sich ihre Getränke oft im Rucksack mit.

Das Argument üppiger Steuereinnahmen mag bei finanziell ausgebluteten Kommunen wirken.
Das ist Quatsch. Wir haben zusammen mit SPD und Grünen ein alternatives Haushaltssicherungskonzept verabschiedet und so Sparschweinereien in Höhe von 18 Millionen Euro verhindert. Wir haben die Gewerbesteuer um 20 Prozent angehoben. In Folge dessen gab es ein Riesengeschrei genau von den Leuten, die die Loveparade so dringend wollten. Allerdings ist die Stadt Duisburg mit drei Milliarden Euro in der Kreide und kommt da allein sowieso nicht raus.

Noch mal zur Verantwortung. Der neue NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) erklärte am Vortag der Loveparade: »Alle sind hoch motiviert und haben sich professionell vorbereitet.« Muss Jäger zurücktreten?
Nein, die Planung lief ja in der Amtszeit seiner Vorgängers Ingo Wolf (FDP). Jäger war gestern ziemlich geknickt, und dem würde ich das auch nicht anlasten wollen. Die Stadtspitze trägt aber ein hohes Maß an Verantwortung.

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Frank67, 26. Jul 2010 10:02

    Profitgier

    Gegen 17.30 Uhr kam es zu der Panik - die DJ-Show dauerte noch bis 23 Uhr, damit die Menschen allmählich nach Hause gehen und es keine neue Massenbewegung gibt.
    Das bedeutet doch im Klartext: Den „Verantwortlichen war bewusst, dass weder Zu.- noch Abgangswege auch nur annähernd dem einfachsten Sicherheitsstandart genügten. Deshalb musste die „Feier“ weiter gehen. Was ich überhaupt nicht verstehe ist: Wieso dauert es 6h um eine Veranstaltung geordnet zu beenden? Oder spielte da, der noch nicht getätigte Umsatz die wichtigere Rolle? Ist noch nicht genug gegessen und getrunken wurden, war Rainer Schallers Umsatzplan in Gefahr.
    Bei der Klimakatastrophenbahn waren es doch nur glückliche Umstände, dass es an Bord der Züge nicht zu Panik gekommen ist. Man stelle sich vor: Die Frau, hätte es geschafft bei über 200h/km die Scheibe einzuschlagen. Wäre dann der Zug auch weiter gerast um eine weitere Panik zu vermeiden?
    Die zwei traurigen Bsp. zeigen doch, es geht nur noch Profit, der Mensch spielt bei diesem Monopoly keine Rolle mehr und das ist die eigentliche Tragödie. Ein kluger bärtiger Mann aus Trier schrieb vor fast 200 Jahren:
    Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. 10% sicher und man kann es überall anwenden; 20%, es wird lebhaft; 50% positiv waghalsig; für 100% stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300% und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.
    Nur in einem hatte er Unrecht: Heute muss der Profit nicht einmal 300% betragen, da reichen schon 25% und es existiert…….

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