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28.07.2010
30. Kalenderwoche 2010

Im Dienste der Stauffenbergpartei

Das Tagebuch des Jeremy-Maria zu Hohenlohen-Puntiz – 5. Folge

Besuch von Roland. Grinsend, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, steht er vor mir. Post für mich. In der einen Hand hält er einen luftgepolsterten Brief, falbe, verheißungsvoll duftend, eine Antwort von Friedrich. In der anderen, ein Boulevardblatt. Den Brief will ich im Stillen öffnen, die Zeitung schlage ich sofort auf.

Kontaktoffizier Jauch hat einen neuen Artikel lanciert. Jeder Fünfte würde eine neue konservative Partei wählen. Zwanzig Prozent, das ist massiv untertrieben, dennoch ein guter Schachzug. Jauch ist Taktiker, er will die Öffentlichkeit behutsam heranführen. Beunruhigend hingegen ist, wie offenherzig er mit Namen um sich wirft.

Nachdem ich Roland begreifbar gemacht habe, was ich von derartigen Meinungsmauscheleien halte, fragt er lieb nach Leonores Gesundheit und wirft ihr zur Stärkung Mozartkügelchen zu. Doch seltsam, der Kakadu verschmäht seine Gabe.

Indes, Roland lässt sich nicht die Stimmung verderben. Mit Feuerzeug und Grillanzünder bricht er auf in die Neuköllner Nacht. Er will eine Debatte in Gang bringen, wonach kriminelle Prekariatsbälger ihre Sommerferien als Erntehelfer auf dem Land verbringen sollen. Brennende Neuwagen werden seiner Forderung gewiss Nachdruck verleihen.

Jetzt, da Roland gegangen ist, will ich Friedrichs Brief öffnen. In Ermangelung eines Brieföffners und weil mir das Herz hüpft, zerfetze ich den Umschlag. Umso größer meine Enttäuschung, nur ein Buch vorzufinden. »Mehr Kapitalismus wagen«, ein nützliches Werk, doch nun schon das vierte Exemplar, das ich erhalte. Ich werfe es hinter das Bett. Ein strenger Blick von Leonore, geht man so mit Geschenken des Paten um?

Nein Leonore, nein. Aber es schmerzt ungemein, hilfloser Zeuge seines unaufhaltsamen, geistigen Verfalls zu sein.

Friedrich war mir ein väterlicher Mentor gewesen. Vor seinen Worten und Werken hatten sich Goethes »Faust« und Beethovens »Waldstein-Sonate«, selbst Bachs »Präludien«, als das kranke Lallen Primitiver ausgenommen. Er war es, der mir Papas Testament eröffnet hat: Aktien, Staatsanleihen und ein kleines Buch mit den Namen der zehn Gerechten, allesamt nun Teil der Bewegung. Ich hatte Friedrich einbinden wollen, jeden Posten hätte ich ihm in der neuen Regierung anvertraut...

Der Nebel der Esoterik, die irisierenden Lichter der Theosophie haben ihn vom Pfad der Vernunft abgebracht und meinen Helden aus Jugendtagen in einen eigenbrötlerischen Troll verwandelt.

Immer schon war da diese Faszination für das Okkulte. Verständlich. Der Glaube an Thule, Atlantis und Co kann tröstend sein. Als er aber schließlich unter den Einfluss eines Mediums geriet, das ihm befahl, Parteivermögen dem isländischen Volk zu spenden, da aus diesem der Messias der Arier hervorgehen soll, konnte selbst meine schützende Hand ihn nicht vor dem Rauswurf aus der Stauffenbergpartei bewahren.

Doch wie ist mir? Höre ich da auf leisen Sohlen jenen unangenehmen, jämmerlichen Neurastheniker namens »Herr Schuldgefühl« sich mir nähern? Ich hätte so nicht mit Friedrichs tractatus philosophicus umgehen dürfen. Das schlechte Gewissen zermürbt mich. Als ich es nicht mehr aushalte, greife ich hinter das Bett, hebe auf, was ich so achtlos weggeworfen habe. Ich staune nicht schlecht, als ich das Buch aufschlage: Ein Fünfzigeuroschein, Urlaubsgrüße von Ole und eine Widmung, die den Rat enthält, mich bei den Kommunisten nach neuen Mitgliedern umzusehen.

Warum nicht? War denn alles schlecht im Unrechtsstaat? Allein die Erträge der Kartoffelernte sollten jeden westelbischen Junker dieser Tage erröten lassen.

Der satirische Tagebuchroman erscheint jeweils in der Mittwochausgabe des ND. Die nächste Folge erwarten wir am 4. August 2010.

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