Charlotte Noblet
30.07.2010

Ối giời ơi : Original Vietnam Flair in Lichtenberg

„Herzbergstraße/Industriegebiet
„Herzbergstraße/Industriegebiet" - Haltestelle in Lichtenberg

Von diesem Ort habe ich zuerst im Kino gehört. Es war bei der Berlinale 2009. In seiner Doku „Von Wegen“ begleitete der Regisseur Uli Schueppel die West-Berliner Band „Einstürzende Neubauten“ durch Lichtenberg: Zunächst bei ihrem Konzert 1989 und dann noch einmal 2009, zwanzig Jahre später. Der Berliner neben mir war damals auf dem legendären Konzert im Wilhelm-Pieck-Saal des VEB Elektrokohle: „Es war am 21. Dezember 1989, ich kann mich gut daran erinnern. Damals wussten wir nicht, was aus uns wird. Es lag viel Spannung in der Luft! Jetzt wird‘s langsam klar… die Frage ist eher: Wem geht es am schlechtesten? Dem Kulturhaus des VEB Elektrokohle oder unseren Rockstars von gestern?“ (Mehr Bilder mit einem Clic auf den Titel)

Im Wilhelm-Pieck-Saal des VEB Elektrokohle
Im Wilhelm-Pieck-Saal des VEB Elektrokohle

Ein Kulturhaus mit Plastikpuppen statt Rockstars

Die Rockstars hatte ich bereits gesehen, den Festsaal galt es noch zu entdecken. Einfacher konnte es nicht gehen, die Straßenbahn hält vor der Tür. „Herzbergstraße/Industriegebiet“ heißt die Haltestelle. Ein paar Schornsteine stehen noch, sowie ein paar geschlossene Produktionsgebäude. Die Treppen des Kulturhauses führen zu zugemauerten Türen. Hier wird offensichtlich eher gesprayt als gerockt. Im Schatten zweier Apfelbäume veraltet die „Erdkugel“ der Künstlerin Doris Pollatschek. Ein paar Schritte weiter, am Haupteingang, empfängt das „Dong Xuan Center“ seine Kundschaft mit lauter quietschbunten Plakaten: ein Reisebüro, eine Fahrschule, ein Copyshop, mehrere Handy-Geschäfte, ein Beauty-Shop, ein Auto-Center, ein Asia-Markt und noch mehr für die, die Vietnamesisch lesen können. Direkt am Eingangstor hat sich das "Newyork Nails" im Erdgeschoss des Kulturhauses angesiedelt. Hier geht es aber nicht mehr rein: Kein Geruch vom Nagellackstudio, die Tür bleibt geschlossen und auf dem Vordach wächst ein Baum. Ein paar Meter weiter wird gesägt und gehämmert: Da bietet sich die Chance auf einen Blick hinein. Es braucht viel Fantasie, um sich einen Festsaal vorstellen zu können. Die Bühne ist versteckt, die großen Fenster verschwinden hinter einer Masse von Baumaterial. Regale am Stück, Stühle, Ankleidepuppen: Vieles, was ein Discount-Laden oder Imbiss für die Inneneinrichtung braucht, steht unter den schönen Lampen von damals – von Neonröhren elegant funktionell ergänzt. (Mehr Bilder mit einem Clic auf den Titel)

Großmarkthalle „Dong Xuan Center
Großmarkthalle „Dong Xuan Center"

Global Kitsch, gut und günstig

Die dicken Autos auf dem Parkplatz versprechen viele weitere Aktivitäten auf der 120 000 qm großen Betriebsfläche. Also rein in eine der drei großen weißen Großmarkthallen. Dort sind die Nagellackstudios: Der Geruch mischt sich mit dem Litschi-Aroma vom Lebensmittelladen nebenan. Mehrere Asia-Friseure sind fleißig am Stilisieren, und rechts und links bieten Containerläden Containerwaren: Polyesterblusen, glanzende Jeans- und Lederklamotten, Plastikspielzeuge (meistens mit Batterien) oder noch Kunststoffblumen. Hier geht es nicht um Garantie und Haltbarkeit, unter Augen von kleinen Buddhas wird geschäftig um Preis verhandelt. Wer was kauft bleibt aber ein Mysterium: Die Besitzer von Asia-Restaurants in der Stadt? Die Händler von Märkten? Oder die Polen für ihre Bazars und Grenzgeschäfte? Zwischen den vielen Asiaten machen sich ein paar Polen bemerkbar. Hier wird es internationaler Kitsch, aber „gut und günstig“ wie es überall steht.

Großmarkthalle „Dong Xuan Center
Großmarkthalle „Dong Xuan Center"

Blühende Landschaften à la Elektrokohle

Ein riesiges asiatisches Kultur- und Handelszentrum hat sich auf dem Areal seit der Bodenabtragung und Versiegelung der belasteten Fläche 2006 entwickelt. Rund 170 vietnamesische (oft ehemalige Vertragsarbeiter), chinesische und indische Händler bieten preiswerte Waren. Über den stadträumlichen Wandel in den Industriequartieren erklärte Thomas Flierl, ehemaliger Kultursenator von Berlin: „Helmut Kohls Versprechen auf „blühende Landschaften“ im Osten Deutschlands hat auf dem Gelände des früheren VEB Elektrokohle Lichtenberg seine ironische Erfüllung gefunden. (…) Seit einigen Jahren hat sich auf dem Gelände unter anderem der größte vietnamesische Markt in Mitteleuropa etabliert. „Dong Xuan“ bedeutet so viel wie „blühende Wiese“, so heißt auch der größte traditionelle Markt in Hanoi.“ (1)

Gelände des VEB Elektrokohle
Gelände des VEB Elektrokohle

Eine lange Geschichte im Betrieb

1997 wurde die Großproduktion auf dem Gelände eingestellt. Mehr als hundert Jahre nach dem Beginn des Betriebs Elektrokohle. 1872 hatten Siemens und Halske die Gemeinde Lichtenberg für Teilproduktionsstätte ausgewählt. Der Standort in der Herbertstraße ermöglichte mit dem Westwind Stäube und Gase stadtauswärts zu blasen. Im Laufe der Zeit wurde das Gelände zu einem der größten industriellen Ballungsgebiete im Berliner Osten. Es gab dunkle Stunden wie die Ausbeutung von mehr als 2000 Zwangsarbeitern während des zweiten Weltkriegs, unter anderen Senioren und Kinder. Es gab vorbildliche Zeiten wie schon 1949/1950 in der damals noch sowjetischen Aktiengesellschaft Siemens-Plania mit der Stilisierung des Feuerungsmaurers Hans Garbe zum Helden der Aktivistenbewegung in der DDR.

Gelände des VEB Elektrokohle
Gelände des VEB Elektrokohle


Viel ist über den seit 1954 als VEB-Elektrokohle Lichtenberg bekannten Betrieb im Museum Lichtenberg im Stadthaus zu erfahren. Dort gibt es auch Ausgaben des Blatts „Elektroköhler“ (1985) zu sehen, sowie Kugellager und Kohlestifte. Auch viele Aufnahmen werden ausgestellt: Die Werkanlagen 1945, der Wilhelm-Pieck-Saal 1955, die Produktionshalle aus der Siegfriedstr 1984, der Frühstücksraum des Wälzlagerwerks 1988, das Verwaltungsgebäude 1988, usw. Über die letzten Stunden wird auch berichtet. Der ehemalige DDR-Vorzeigebetrieb wird nach 1990 in die Elektrokohle Lichtenberg AG umgewandelt. In der Zeit gab es noch 2700 Mitarbeiter. Mit der Aktiengesellschaft begann aber eine unsichere Zukunft. 1991 vermeldete die Presse, dass Kurzarbeiter in einem „Megaprojekt“ große Teile der früheren Produktionsstätte abreißen. „Kurzarbeit Null Stunden“ hieß die traurige Auftragslage für 1000 der insgesamt noch 1750 Beschäftigten. 1996 übernahm der US-amerikanische Konzern UCAR International den Produktionsbereich Großkohle, deren Produktion aber ein Jahr später schon eingestellt wurde. 1997 ging der Bereich Kleinkohle an die deutsche SGL Carbon GmbH. Für die GmbH aus Bonn fertigt das Unternehmen PanTrac GmbH in einigen hinteren Gebäudeteilen heute noch Industriekohlerzeugnisse.

Gelände des VEB Elektrokohle
Gelände des VEB Elektrokohle

„Es war eine betrübliche Entwicklung“, fasst Christine Steer, Leiterin des Museums, zusammen. „Der Betrieb gehörte zu den bedeutenden Exportunternehmen der DDR als Alleinhersteller sämtlicher Arten technischer Kohleerzeugnisse. Für unseren Bezirk bedeutete die Entwicklung natürlich hohe Arbeitslosigkeit aber auch viele soziale Abstürze in den Familien.“ 2009 hatte sie eine Ausstellung über das Gelände organisiert: „Von Siemens-Plania zu Dong Xuan“ (1). „Wir hatten viele Interessierten an Industriegeschichte aber vorwiegend waren viele ehemalige Mitarbeiter des VEB Elektrokohle da, die alles hautnah erlebt hatten.“


Das Gelände selbst bleibt eine Art Open Air Museum und lädt ein, die Spuren der Vergangenheit zu suchen. Hier Kanaldeckel „Made in GDR“, dort schöne DDR-Laternen aller Sorten. Die Stile werden gemischt: schwere Industrietüren und Pagode-Dekoration, eine stehen gebliebene Uhr und gesprayte Ampelmännchen als Fußgängerwegweiser. Selbst drei Stücke Berliner Mauer vereinsamen zwischen Containern am Rand des Geländes. In einer anderen Ecke wurden lauter Töpfe von Wandfarben vergessen: Grün und vor allem Blau, wie die Fassaden der „Büros zu vermieten – ohne Provision“. Nebenan ist, zwischen wachsenden Pflanzen und Import-Export-Kartons, noch ein komplexes Drehsystem für Züge zu sehen. Die Elektrokohle-Kenner wissen bestimmt, wofür das gedacht war. Vielleicht wissen die auch, warum etwa ein skurriles Ortsausgangsschild „Berlin“ ein paar Meter weiter steht. Da freue ich mich auf Erklärungen. Auch wenn sie der Fantasie entsprungen sind.

Museum Lichtenberg im Stadthaus // Türrschmidtstr. 24 - 10317 Berlin // Ausstellung geöffnet: Di-So 11.00 – 18.00 Uhr // www.museum-lichtenberg.de/

Dong Xuan Center // Herzbergstraße 128-139 - 10365 Berlin // Geöffnet Mi-Mo 9.00 bis 21.00 Uhr

(1)„Von Siemens-Plania zu Dong Xuan“. Das Katalogbuch zur „Ausstellung zu einem Industriestandort mit Theatergeschichte in Berlin-Lichtenberg“. Von Peter Badel, Holger Herschel und Karl Karau. Erhältlich im Museum Lichtenberg im Stadthaus, in dem 2009 die Ausstellung stattfand.

(Mehr Bilder sind - mit einem Clic auf den Titel - im Diaporama zu sehen)

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