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Von Rainer Holze 07.08.2010 / Geschichte

Die Ignoranz der Macht 1989/90

Neues »JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung«

Schwerpunkt des neuen »JahrBuchs für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung« bilden Aufsätze, die – sich deutlich vom Mainstream abhebend – eine differenzierte Bewertung der umwälzenden Ereignisse vor 20 Jahren bieten. Den Reigen eröffnet Ulrich Busch (Berlin) mit der Währungsunion am 1. Juli 1990, die er eine »wirtschaftspolitische Fehlleistung« mit gravierenden Folgen nennt. In keinem anderen ehemals sozialistischen Land sei so viel an wirtschaftlicher Substanz zerstört worden wie in der DDR. Die unmittelbaren Folgen der Währungsunion waren Entwertung der Unternehmen und Verlust eines Drittels der Arbeitsplätze in Ostdeutschland; die langfristigen, noch wirksamen zeigen sich in der beträchtlichen Differenz der Wirtschaftsleistung und der Lebensqualität in den alten und neuen Bundesländern.

Volkmar Schöneburg (Potsdam) erinnert an das Schicksal des Verfassungsentwurfes des Runden Tisches der DDR. Volker Braun habe im November 1989 die Intentionen der Mehrheit seiner Autoren auf den Punkt gebracht, als er als Ziel formulierte: »Volkseigentum + Demokratie.« Der von der neuen Volkskammer schnöde missachtete Entwurf habe die positiven wie negativen Erfahrungen aus der DDR verarbeitet und sei ein Versuch gewesen, die im Oktober/November 1989 »von unten« vollzogenen Umbrüche in verfassungsrechtliche Form zu gießen. Dem Menschenrechtsteil habe ein klares Bekenntnis zur Basisdemokratie zugrunde gelegen. Der im Verfassungsentwurf artikulierte untrennbare Zusammenhang von sozialen und politischen Grundrechten, so Schöneburg, sei »heute, in einer Zeit, da Regierungen oft den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit vorrangig als einen Kampf gegen Arbeitslose führen, gar nicht hoch genug zu bewerten«. Dazu passt die Reflexion der vor 20 Jahren unterbreiteten, jedoch von den neuen Machthabern im Osten und den Mächtigen im Westen bewusst ignorierten wirtschaftlichen Alternativen, hier von Jörg Roesler (Berlin) vorgestellt.

Auch für die Programmdebatte der LINKEN ist dieses Heft ergiebig. Andreas Diers (Bremen) skizziert die Geschichte des Linkssozialismus von 1917 bis 1989. An eine Solidaritätsorganisation der Neuen Linken, die Rote Hilfe in der Schweiz, erinnern Hartmut Rübner (Bremen) und Wilma Ruth Albrecht (Bad Münstereifel). Ganz in der Tradition des »JahrBuches« ist der Blickwinkel global und nicht eurozentriert. Mit den Beiträgen von Rana P. Behal (Indien) zum Paradigmenwechsel in der Arbeitergeschichtsschreibung in Südostasien sowie von Zhang Minjie (China) zu Urbanisierung und Arbeitsmigranten in China setzt das »JahrBuch« die Veröffentlichung von Vorträgen der 45. Linzer ITH-Tagung fort. Dem 65. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus gewidmet ist die Dokumentation von Erinnerungsberichten deutscher Soldaten »Mai 1945 – Woina kaputt«, die Elke Schertjanoi zusammengestellt hat, die kürzlich auch ein Buch zur Thematik im Karl Dietz Verlag herausgab. Anlässlich Lenins 140. Geburtstages werden Eindrücke von dessen Ehefrau und Mitkämpferin Nadeshda Krupskaja während ihres Aufenthaltes in Deutschland vorgestellt (Volker Hoffman) sowie ein Überblick über die Leninforschung im heutigen Russland (Ruth Stoljarowa) geboten.

JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung. 2010/II. 10 €; NDZ GmbH, Weydingerstr. 14-16, 10178 Berlin; www.arbeiterbewegung-jahrbuch.de

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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