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Von Jan Freitag
09.08.2010
Medienkolumne

Tiere sind die besseren Menschen

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Der Autor arbeitet als freier Medienjournalist und -kritiker in Hamburg.

Das Prinzip des Anthropozentrismus klingt nicht nur schwer verständlich, es ist auch schwer verdaulich. Der Mensch, besagt es, gilt als krönender Bezugspunkt allen Lebens. Tiere kommen darin entweder unterwürfig oder gefährlich und am Ende gern auf dem Teller vor. Von Freiheitsdrang, Selbstbewusstsein, Beseelung gar kaum eine Spur. Die Arten vom Primaten abwärts sind nur Objekte im humanen Miteinander. Das Fernsehen bildet da keine Ausnahme. Im Gegenteil.

Dennoch gibt es abseits bunter Dokus wilder Tiere eine merkwürdige Tendenz: Den der Angleichung. Seit Rin Tin Tin und Boomer (dem Streuner), Black Beauty und Fury (dem Wildfang), Lassie oder Elvis (dem Mischling) herrscht stete Begeisterung für Vierbeiner mit menschlicher Intelligenz nebst zugehörigem Sozialverhalten. Und sein modernisierter Prototyp: urban, moralgesteuert, aber immer süß – ist Kommissar Rex, der meistgesehene TV-Köter aller Zeiten. Jetzt ist Halbzeit der 13. Staffel. Ein Publikumsmagnet. Nicht nur hierzulande.

In 150 Länder ermittelt »Rex chú chó thám t?« (Vietnam), »Bazras va Rex« (Iran) oder »Lögregluhundurinn Rex« (Island). Damit ist die Spürnase global erfolgreicher als alles, was sonst in Österreich fernsehproduziert wird zusammen. Um auf dem Boden der Biologie zu bleiben: Es geht um einen Hund, niedere Gattung der Familie Canidae, vor 40 Millionen Jahren aus schleichkatzenähnlichen Säugern mutiert, genetisch noch dicht am Wolf und nur folgerichtig selbst ausgewachsen vom Intellekt eines Homo Sapiens im Säuglingsalter. So einer soll Übeltäter nicht nur wittern, jagen, beißen, sondern forensisch überführen? Wenig überraschend, dass sich unser Leitmedium hier des Märchens bedient, um Erwachsenenunterhaltung zu machen. Ganz nach dem Gesetz der Filmbranche: Hunde und Gören gehen eigentlich immer.

Bei Rex jedoch kommt hinzu, dass seine Arbeit im Kriminalmilieu gar nicht so familientauglich ist. Doch trotz oder wegen all dem Mord und Totschlag läuft die Serie seit 1994, damals noch bei Sat.1. Und das, obwohl neben Titelheld Henry heute kein Protagonist vom Bekanntheitsgrad eines Tobias Moretti oder Karl Markovics mitspielt. Doch es ging auch nie um Anspruch jenseits der Drolligkeit des deutschesten aller Fellrassen. Und rasch wird klar: Tiere spielen in Filmen Hauptrollen, wo die Dramaturgie schlicht bleibt, wo Dresseure Drehbücher dirigieren und Darsteller, die als Commissario Fabbri verkatert aufwachen, »hab ich einen Schädel« murmeln, damit Kaspar Capparoni das nicht auch noch spielen muss. Denn jede Figur, jede Sprechrolle, alles Inhaltliche wird vom Animalischen absorbiert. Die Hauptrollen spielen unsere besten Freunde, für Mensch und Logik bleibt die Nebenrolle. Gerade am Samstagabend, seit Jahren der Kleinzoo im ZDF. Mal mit Robbe Robbie, mal mit Affe Charly, mal mit Köter Kalle, seit zehn Folgen wieder mit Rassemodell Rex. Sie alle variieren den Leitzsatz des Genres: Tiere sind die besseren Menschen.

Vor allem aber sind sie Spiegelbilder des Gewissens. Vom Tittenblatt bis zur Frauenzeitschrift kommt kaum ein Magazin ohne Fotostrecke gegen Tierquäler aus. Promis engagieren sich massig gegen Pelze, selten aber gegen Massentierhaltung. Auf allen Kanälen erfreuen wir uns am Tierleben aller Biotope und vertilgen es zugleich vom Fließband. Wenn die ARD heute über in »Panda, Gorilla & Co.« aus dem Zoo berichtet, bleibt deren Käfigfolter unkommentiert. Dass Wohnungen nichts für Vierbeiner sind, spielt danach in der Dokusoap »Tiere, Menschen und Doktoren« bei Vox keine Rolle. Und Hunde zu essen, gilt als teuflisch, sie dumm und dämlich zu züchten, als tierlieb. Unser Umgang mit Mitgeschöpfen ist in einem Wort schizophren. Kein Wunder, dass Rex noch keinen skrupellosen Rinderzüchter fassen musste. Er würde ihm erst mal ins Gewissen reden.

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