Von Reiner Oschmann
10.08.2010

Europa schrumpft, Britannien wächst

Insel könnte bis 2050 bevölkerungsreichstes Land des Kontinents werden

In Großbritannien wächst nicht nur die Staatsverschuldung, sondern auch die Bevölkerung des Landes. Nach jüngsten Projektionen wird die Einwohnerzahl Europas wegen der verbreitet geringen Geburtenrate in den kommenden vier Jahrzehnten von heute 739 Millionen auf 720 Millionen zurückgehen, während Großbritannien zum bevölkerungsreichsten Land aufsteigen könnte.

Die Vorhersage – in britischen Medien prominent wiedergegeben – kommt vom Population Reference Bureau aus den USA. Die Organisation erarbeitet für Regierungen und Verwaltungen in aller Welt Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung. Nach dem jüngsten Bericht, über den der britische »Daily Telegraph« informierte, werde Großbritanniens Bevölkerung bis 2050 »von gegenwärtig 62,2 auf 77 Millionen wachsen, ein Anstieg um 24 Prozent«. Damit würde die Einwohnerzahl über der Frankreichs, wo 70 Millionen vorhergesagt werden, und der Deutschlands mit prognostizierten 71,5 Millionen liegen.

Die Prognose der US-amerikanischen Wissenschaftler deckt sich mit dem deutlichen Bevölkerungszuwachs auf der Insel in den vergangenen Jahren, 2008 beispielsweise um 400 000. Im vorigen Jahr hatte das amtliche Office for National Statistics von einem regelrechten Baby Boom gesprochen und mitgeteilt, dass britische Mütter zuletzt mehr Kinder zur Welt brachten als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt seit 1973. Mütter mit Migrationshintergrund hatten daran einen Anteil von mehr als der Hälfte. Doch auch die Geburtenrate unter Frauen, die in Britannien geboren wurden, ist nach Angaben des Statistischen Amtes »scharf nach oben gegangen«.

Das Office zitierte keinen alleinigen Grund für diesen Anstieg. Es hob jedoch hervor, dass es heute wieder mehr Frauen gebe, die sich in ihren 20er Jahren den Kinderwunsch erfüllen möchten, anstatt darauf zu warten, bis sie sich beruflich etabliert hätten. Anastasia de Waal, Direktorin von Civitas, einer Denkfabrik für Familie und Bildung, sprach gleichfalls von geänderten Prioritäten im Vergleich zu vorhergehenden Dekaden. »Seit den 1970er Jahren war es immer darum gegangen, dass Frauen in der Lage sind, ›alles‹ zu erreichen. Heute jedoch glauben sie, diesbezüglich eine bessere Balance finden zu können und nicht erst in den 40ern Kinder bekommen zu müssen.«

Wie das Population Reference Bureau voraussagte, werde die Bevölkerung Frankreichs nur halb so stark wie auf der Insel wachsen, in den nächsten 40 Jahren voraussichtlich von jetzt 63 Millionen um sieben Millionen. Noch deutlicher werde der Kontrast in Deutschland ausfallen. Dort erwartet die US-amerikanische Forschungseinrichtung einen deutlichen Rückgang der Einwohnerzahl von derzeit 81,6 Millionen auf 71,5 Millionen. Dies ergebe sich sowohl aus einer geringen Einwanderung als auch aus einer Geburtenrate weit unterhalb der britischen. Deutschland, so der »Daily Telegraph«, besitze »schon heute nach Japan die zweitälteste Bevölkerung weltweit, mit einem von fünf Deutschen über 65«.

Auch zur Entwicklung der Weltbevölkerung machte das Reference Bureau neue Angaben. Sie werde in den kommenden vier Jahrzehnten »unaufhaltsam« von 6,89 auf 9,49 Milliarden Menschen wachsen. Das Gros der Zunahme erwarte man für Indien, das im Zuge dieser Entwicklung China überholen und zum volkreichsten Land der Erde werden soll. Indien, das vor zehn Jahren die Milliardenschwelle überschritten hat und heute eine Bevölkerung von 1,19 Milliarden Menschen zählt, dürfte nach den Untersuchungen der USA-Einrichtung in den nächsten vier Dekaden die Marke von 1,75 Milliarden Einwohnern erreichen. Auch Chinas Bevölkerung werde weiter zunehmen, jedoch in spürbar geringerem Umfang – von 1,34 auf 1,48 Milliarden.

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