Von Tom Mustroph
23.08.2010

Kultureller Kraftakt

Die Lange Nacht der Museen erinnert an den Beginn der Befreiungsbewegungen in Lateinamerika

Balletttänzer und Performer Aari Damas im Ethnologischen Mu
Balletttänzer und Performer Aari Damas im Ethnologischen Museum

Ganz im Zeichen des »Bicentenario«, des 200. Jahrestages der antispanischen Aufstände in Argentinien, Bolivien, Chile, Ecuador, El Salvador, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Uruguay und Venezuela steht die 27. Lange Nacht der Museen am 28. August. Die Revolten in den Jahren 1809-11 führten zur Gründung der meisten lateinamerikanischen Republiken. Weil zahlreiche Berliner Museen dieses Thema aufgegriffen haben und Ausstellungen und Begleitprogramme organisieren, bildet der Aufbruch um Simon Bolivar nun einen Schwerpunkt des nächtlichen Kunstspektakels.

Das Deutsche Historische Museum etwa lädt zur Themenführung »Entdecker, Sklaven, Freiheitskämpfer – Europa und Südamerika von der Conquista bis zur Unabhängigkeit« ein. Das Iberoamerikanische Institut zeigt die Ausstellung »Santos Chávez – poetischer Realismus. Grafiken aus Chile« und Filme wie »Von Feuerland nach Tijuana« oder »El abrazo partido«. Im Roten Rathaus stellen sich einige lateinamerikanische Museen vor.

Einen weiteren Höhepunkt verspricht die erstmalige Einbindung der 10. Langen Nacht der Synagogen in die Lange Nacht der Museen. Sechs Berliner Synagogen – die Synagoge Fraenkelufer, Synagoge Le Dor we Dor, Synagoge Joachimstaler Straße, Neue Synagoge Oranienburger Straße, Centrum Judaicum, und Synagoge Tiferet Israel – öffnen zu nächtlicher Stunde ihre Tore und erweisen sich damit auch für die nicht religiös Gebundenen als Kulturstätten. Ein Trialog zwischen Vertretern des Judentums, des Christentums und des Islam ist ebenfalls geplant.

Das Programm geht aber über diese beiden Schwerpunkte hinaus. Insgesamt 92 Museen, darunter auch die großen Museumstanker auf der Museumsinsel, in Dahlem und am Kulturforum, nehmen an der Langen Nacht teil. Shuttlebusse verbinden sie in einem dichten Netzwerk. Zentraler Umsteigeplatz ist der Lustgarten.

Trotz dieser logistischen Raffinesse nehmen die Gäste im Schnitt aber nur ein Zwanzigstel des großen Angebots wahr. Ungefähr fünf Museen »schafft« der Durchschnittsbesucher in einer Langen Nacht, sagen Statistiken. Bei dem einen oder anderen dürfte eine Lange Nacht das komplette Kultur-Halbjahrespensum abdecken.

Für die Museen ist die Lange Nacht ein Kraftakt. Sie unternehmen ihn aber gern, weil dadurch immer neue Gäste mobilisiert werden. Über 4 Millionen Besucher hat das nächtliche Festival seit seinem Auftakt im Jahr 1997 in die Hallen des tradierten Wissens und der überlieferten Artefakte gespült. Allerdings ist die Tendenz in den letzten Jahren rückläufig. Die Besucherzahlen haben sich im Vergleich zu den Boomjahren 2000 bis 2004 – trotz wachsendem Interesse der Häuser – fast halbiert. Möglicherweise hat der Neuigkeitscharakter für die Berliner nachgelassen. Und Touristen sind schon vom gedrängten Museumsprogramm bei Tageslicht so erschöpft, dass sie nachts allenfalls Essen, aber keine weitere Information aufnehmen können.

Es gibt auch Ablenkungen. Feuerteufel aus Katalonien werden um Mitternacht vor dem Lustgarten einen pyrotechnisch ausgefeilten Feuerumzug beginnen. Ungefähr drei Dutzend Teufel, Feueranzünder, Musiker und Feuerungeheuer werden auftreten und alte katalanische Volksbräuche in die Gegenwart transportieren. Mal sehen, vielleicht findet die Feuerteufelei zum Bicentenario ja ein Echo in Lateinamerika. Dass Revolutionsfeiern in Berlin mehr als ein wenig groben Unfug und etwas Sachschaden an geparkten Fahrzeugen in Friedrichshain und Kreuzberg auslösen können, ist dagegen nicht zu erwarten.

Informationen und Programm: www.lange-nacht-der-museen.de oder unter Tel.: (030) 24 74 98 88, Kombiticket (Shuttle und Eintritt, 15-5 Uhr): 15 / erm. 10 Euro.