Sarrazins Ressentiments sind dabei weniger rassistisch, sondern eher sozialdarwinistisch motiviert. Gegen den syrischen Arzt oder türkischen Ingenieur hat Sarrazin nichts. Ihn stört der »Pleb«.
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Der Berliner »Tagesspiegel« versuchte dieser Tage, das eigentliche Wesen des Thilo Sarrazin zu ergründen. Das ist zugegebenermaßen kein leichtes Unterfangen, denn zu den vielen Widersprüchlichkeiten des Mannes gehört, dass niemand so recht weiß, was einen Mensch, dessen Gedankengebäude derart von Überheblichkeit gegenüber der sozialen Unterschicht dominiert ist, zur deutschen Sozialdemokratie trieb. Diese Frage kann auch der »Tagesspiegel« nicht beantworten, aber er liefert eine Charakterstudie eines Menschen aus der sozialen Oberklasse, der schon immer auf andere herabblickte; eines hochintelligenten und belesenen Menschen, dem die klassische Bildung am Herzen liegt und dem der Mensch in seinem antibürgerlichen Erscheinungsbild als Massenwesen suspekt ist. Es las sich über Strecken wie das Porträt eines Menschen mit Asperger-Syndrom, der alles als Bedrohung empfindet, was das eigene Ordnungsgefüge in Frage stellt. Sarrazin sei das Herz aufgegangen, schreibt der »Tagesspiegel«, als er an einem Januarmorgen 1990 durch das Brandenburger Tor spazierte. Er habe den Dom, das Alte Museum gesehen, dann aber sei er der »großzügigen asiatischen Hässlichkeit« der Architektur am Alexanderplatz gewahr geworden. Den Sohn eines Arztes aus alter Hugenottenfamilie und einer westpreußischen Gutsbesitzertochter schauderte ob der Massenkultur-Ästhetik.
Was den aufstrebenden Ökonom Sarrazin an jenem Januartag 1990 nur anwiderte, flößt ihm heute Furcht ein: die alte klassische Ordnung des Guten und Schönen – nicht nur in der städtebaulichen Architektur – ist bedroht; bedroht von einer sozialen Unterschicht, die er gemeinhin als muslimisch übersetzt und der er unterstellt, der deutschen Gesellschaft ein orientalisches, vormodernes Wertesystem aufzwingen zu wollen. Sarrazins Ressentiments sind dabei weniger rassistisch, sondern eher sozialdarwinistisch motiviert. Gegen den syrischen Arzt oder türkischen Ingenieur hat Sarrazin nichts. Ihn stört der Pleb.
Sarrazins Argumentation fußt im Wesentlichen auf der Annahme, Intelligenz werde biologisch vererbt und sei in der Oberschicht stark, in der Unterschicht dagegen nicht verbreitet. Die Unterschicht, so Sarrazin weiter, zeichne sich durch eine hohe Fertilitätsrate aus, während in der Oberschicht (die Intelligenten!), die Zahl der Geburten pro Akademikerfrau sinke; je geringer der Intelligenzquotient, desto höher die Geburtenrate. Das führe zu einem Sinken der gesellschaftlichen Gesamtintelligenz. Da Menschen mit weniger Intelligenz schlechtere Schulabschlüsse erreichten und für den Arbeitsmarkt kaum die nötigen Qualifikationen aufwiesen, nehmen diese Menschen, so Sarrazin, immer mehr staatliche Transferleistungen in Anspruch. Sarrazins Forderung daher: Stärkere Geburtenkontrolle in der Unterschicht sowie größere Fortpflanzungsanreize für Akademikerinnen, z.B. mittels einer Geburtenprämie.
Diese Argumentation übt auf weite Teile der Mittelschicht offenbar eine gewisse Faszination aus, wie die hohe Zahl von Vorabbestellungen des heute erscheinenden Buches zeigt. Anklang findet Sarrazin auch in der Oberschicht. Hier murmelt man zwar etwas über die »wenig tischfeine« Argumentation Sarrazins (Altkanzler Helmut Schmidt), betont aber den wahren Kern, der in seinen Thesen stecke. Erstaunlich ist, dass die intellektuelle Schlichtheit von Sarrazins Argumentation keinen Sturm der Empörung hervorruft. Das lässt sich nicht mehr nur politisch erklären, zumal die Zustimmung zu Sarrazin wie die Ablehnung seiner Argumentation quer durch alle politischen Wählerschichten läuft. Die Erklärung ist naheliegend, dass Thilo Sarrazin der tief verwurzelten Angst im Bürgertum vor dem Verlust von Privilegien Ausdruck verleiht. Da verzeiht man ihm auch die eine oder andere sprachliche Grobschlächtigkeit. Das ist kein neues Phänomen. Die Macht gesellschaftlicher Eliten hat sich schon immer auf den Mythos gestützt, sie verfügten exklusiv über die dafür notwendigen Ressourcen. Im Feudalismus hieß die allererste Ressource des Adels: Geburt. Bildung war nachrangig, die familiäre Herkunft allein bestimmte über die Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Elite. Im Zeitalter der bürgerlichen Gesellschaft wurde das Geburts- durch das Leistungsprivileg abgelöst, das wiederum nach und nach durch einen exklusiven Zugang zu höherer Bildung legitimiert wurde.
Dieses Bildungsprivileg wurde in der Vergangenheit immer wieder in Frage gestellt. In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts war die reformpädagogische Bewegung nicht nur in der Arbeiterbewegung verwurzelt, Forderungen nach einer größeren sozialen Durchlässigkeit des Bildungssystems fanden selbst im Bürgertum Anklang. Die Industrie dürstete nach qualifizierten Arbeitskräften, nach Angestellten, die mehr konnten als nur Lesen und Schreiben. Unmittelbar bedroht war damit auch das Bildungsprivileg des Bürgertums. Der Gedanke der Einheitsschule, in der alle Kinder gemeinsam so lange wie möglich lernen und die Chance zum sozialen Aufstieg qua Bildung erhalten, ist keine Erfindung der Finnen, er hat seine Wurzeln in der reformpädagogischen Bewegung der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts – und wurde daher von den Lordsiegelbewahrern des Gymnasiums schon damals heftigst bekämpft. Wie heute Sarrazin, so haben diese damals angeblich biologisch vererbte Intelligenzunterschiede zwischen den sozialen Schichten konstruiert. Und wie bei Sarrazin heute stand dahinter die Angst vor dem Verlust von ökonomischen und sozialen Vorrechten.
Auch seinen rhetorischen Trick, schon im Buchtitel das in der schichtspezifischen Verlustangst begründete Motiv hinter dem Appell an die Nation, also an uns alle, zu verstecken (»Deutschland schafft sich ab«), gab es schon früher. Neu ist ein anderer Gedanke, der verführerische Wirkung selbst in gebildeten Kreisen entfaltet: Nicht die ethnische Herkunft an sich entscheidet über den persönlichen Erfolg in einer Gesellschaft, sondern der Gen-Pool. So hat sich laut Sarrazin bei den Juden in Europa über Generationen hinweg eine insgesamt höhere Intelligenz herausgebildet, weil sie durch die vorherrschende Diskriminierung dazu genötigt worden seien, vornehmlich gehobeneren Tätigkeiten als Ärzte, Juristen oder Bankiers nachzugehen. Die soziale Auslese habe sozusagen eine biologische nach sich gezogen.
Wie sehr der sarrazinische Gen-Populismus greift, konnte man im Juli dieses Jahres in Hamburg beim erfolgreichen Volksentscheid gegen die Einführung der sechsjährigen Primarschule beobachten. Nicht nur hinter vorgehaltener Hand hieß es, Unterschichten-Kinder würden das Leistungsniveau der Gymnasien schmälern. Dass die Kinder der Unterschicht auf die Hauptschule gehen, hat bei Menschen mit langer akademischer Familientradition viel mit dem genetischen und wenig mit dem sozialen Erbe zu tun; umgekehrt ist es dieser Auffassung zufolge eine Selbstverständlichkeit, dass der eigene Nachwuchs das Gymnasium besucht. Die Argumentation verfing selbst in liberalen Milieus. Die allgemeine Moral von Gleichheit und Gerechtigkeit findet ihr Ende, wenn es um die Chancen des eigenen Nachwuchses geht. Nur dass heute nicht mehr die Geburt den Platz in der Gesellschaft bestimmt, sondern die Gene diesen anweisen.
Aufruf : es wäre schön wenn keiner dieses Buch kaufen würde. denn ein Volksverhetzer darf nicht noch unterstützt werden. Der so feine Herr greift die jüdische und türkische Gemeinde an. So einen darf man nicht unterstützen . also bitte ich euch dieses Buch nicht zu kaufen.
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