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Bernd Drücke
Foto: Michael Schulze von Glaßer
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ND: Es gibt unzählige, zum Teil konträre anarchistische Strömungen: Kommunistische und individual-anarchistische, auf Fortschritt setzende und welche, die uns von den »Fesseln« der Zivilisation befreien wollen; Anarchosyndikalisten mit ihren revolutionären Gewerkschaften und Anarcho-Kapitalisten; schließlich Anarcho-Pazifisten und Schwarzer-Block-Straßenkämpfer: Was verbindet sie miteinander?
Drücke: Die »Anarchokapitalisten« würde ich nicht als Anarchisten bezeichnen, das sind eher rechte FDPler. Individual-Anarchisten haben auch eher eine marginale Bedeutung. Der Teil, der wachsende Bedeutung hat, ist der kollektivistische Anarchismus. Dazu zählen Anarchosyndikalisten und pazifistische Graswurzelanarchisten. Unser gemeinsames Ziel ist ein freiheitlicher Sozialismus, das heißt, ein menschengerechtes Leben ohne Chef und Staat, das nicht nach den Prinzipien der Konkurrenz organisiert ist, sondern nach dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe. Wir versuchen, einen großen Teil dieser Utopie bereits jetzt in die Realität umzusetzen. Dafür steht beispielsweise die libertäre Kommune-Bewegung, wo in gewisser Weise ein gemeinschaftliches Leben vorgelebt wird. Die Leute, die dort leben und arbeiten, verfallen aber nicht in einen Nischen-Anarchismus, sie sind oft auch aktiv in sozialen Bewegungen.
Nun findet erstmals die Libertäre Medienmesse für den deutschsprachigen Raum statt. Welche Themen debattiert der anarchistische Autor von heute mit seinen Lesern?
Es geht zum Beispiel darum, einen anarchistischen Blick auf die Geschichte zu werfen. Themen sind unter anderem der spanische Bürgerkrieg und die freie Ukraine zu Zeiten der Machno-Bewegung ...
... mit Verlaub: Zwei anarchistische Dauerbrenner. Keine neuen Themen?
Doch, wir werden auch nach vorne blicken: Wie können wir uns hier und jetzt organisieren? Wie können wir jetzt schon einen Teil unserer Ideen umsetzen? Wie kann der Anarchismus eine starke Bewegung werden? Ähnliche Veranstaltungen finden auch in anderen Städten statt. Ich würde sagen: Die anarchistische Bewegung in Deutschland war seit 1968 nicht so stark wie heute.
Wie stark?
Der Anarchismus ist zur Zeit gewiss noch keine revolutionäre Kraft, aber er hat positive Wirkungen, zum Beispiel in der Anti-Atom-Bewegung. Und die hat viel erreicht: 200 Atomkraftwerke waren in den 1970er-Jahren angedacht, heute sind noch 17 AKWs in Deutschland am Netz. Das sind 17 zu viel, aber ohne den Widerstand der außerparlamentarischen Bewegung sähe es sicherlich ganz anders aus.
Ist die Anti-AKW-Bewegung aus Ihrer Sicht noch so herrschafts-, staats- und kapitalismus-kritisch, meinetwegen: anarchistisch geprägt wie in früheren Jahrzehnten?
Sagen wir es so: Sie ist größer und breiter geworden. Der Einfluss der Anarchisten innerhalb der Bewegung ist aber nach wie vor groß. Die »Graswurzelrevolution« wird uns bei Demonstrationen oft aus der Hand gerissen. Unsere Jugendzeitung »Utopia« hat eine Auflage von 25 000 Exemplaren. Das zeigt, dass es einen großen Bedarf gibt an freiheitlich-sozialistischen Ideen, die nicht an einer Partei orientiert sind, sondern an sozialen Bewegungen und Selbstorganisation.
Stichwort »Graswurzelrevolution«: Darin hatte der Liedermacher Konstantin Wecker unlängst sein »Coming-out« als Anarchist.
Konstantin liest die »Graswurzelrevolution« schon lange, er hat uns einen Leserbrief geschrieben, und ich habe ihn dann interviewt. Der Anarchismus spielt im kulturellen Bereich eine wichtige Rolle. Übrigens hat sich jetzt Anarchist Academy wiedervereinigt, eine der wichtigsten deutschen Hiphop-Bands der 90er Jahre. Ich freue mich darauf, dass sie auf der Libertären Medienmesse spielen wird.
Die »Libertäre Medienmesse« ist die erste ihrer Art im deutschsprachigen Raum: Ein gutes Dutzend anarchistische oder anarchismusnahe (eben: libertäre) Buchverlage werden vom 3. bis 5. September im linken Kulturzentrum »Druckluft« in Oberhausen ihre Produkte ausstellen. Zu ihnen gesellen sich Radio-, Video-, Internet- und klassische Polit-Projekte. Organisiert wird die Messe von einer Gruppe von Medien-, Sozial- und Gewerkschaftsaktivisten aus dem Ruhrgebiet, dem Rheinland und dem Niederrhein. Veranstaltungen beschäftigen sich mit Lyrik, Theater und einer »digitalen Bibliothek« anarchistischen Inhalts – und der grundlegenden Frage, ob es im Kapitalismus überhaupt so etwas geben kann wie »anarchistische Verlage«. Diskutiert wird auch über Betriebsbesetzungen, »nüchternes Leben für die Revolution« und die »Gewalt an Tieren«. Zum Tagesausklang werden die Freunde der schwarz-roten oder schwarzen Fahne Rotwein schlürfen – natürlich ebenfalls im Dienste der Umwälzung: Ausgeschenkt wird spanischer Tempranillo-Wein der legendären Anarcho-Gewerkschaft CNT. www.limesse.de
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
Preis: 100,00 €
Preis: 12,95 €
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