Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
Suchen auf neues-deutschland.de:

Erweiterte Suche

Von Regina Stötzel 01.09.2010 / Titel

20 Jahre Teilung ohne Mauer

Volkssolidarität stellt »Sozialreport 2010« vor: Bürger halten Einheit für nicht vollendet

Mehr als die Hälfte der Deutschen hält die Einheit für nicht vollendet. Dabei haben Ost- und Westdeutsche Grundsätzliches gemeinsam: Ihre Armut wächst und damit die Befürchtung, es könnte noch schlimmer kommen.
1

Genau 20 Jahre nach dem Unterzeichnen des Einigungsvertrags sind nur noch wenige museale Reste der Berliner Mauer übrig. Während DDR-Nostalgiker in der gesamtdeutschen Presse und Politik regelmäßig verunglimpft werden, sind es tatsächlich mehr Westdeutsche (elf Prozent) als Ostdeutsche (neun Prozent), die die Mauer am liebsten wieder aufbauen würden.

Dies ist eines der vielen bemerkenswerten Ergebnisse des »Sozialreports 2010 – Die deutsche Vereinigung – 1990 bis 2010 – Positionen der Bürgerinnen und Bürger«, den Gunnar Winkler, der Präsident der Volkssolidarität, und Reinhard Liebscher vom Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg gestern in Berlin vorstellten. Die Motive der Mauernostalgiker in Ost und West mögen unterschiedlich sein. Ihr Wunsch sei »nicht generell als restaurativ zu verstehen«, sagte Winkler, sondern resultiere aus den gegenwärtigen Lebensverhältnissen und stehe für den »Anspruch auf Herstellung sozial gesicherter Lebensverhältnisse«. Negativer formuliert: Sie wollen sich nichts wegnehmen lassen von denen, die jeweils »drüben« wohnen.

Angesichts der Tatsache, dass 71 Prozent der Gesamtbevölkerung bei nur geringen Differenzen zwischen Ost und West der Meinung sind, es gebe zu viele Ausländer in Deutschland, verwundert es nicht, dass auch die jeweils »anderen« deutschen Mitbürger misstrauisch beäugt werden. »52 Prozent der Westdeutschen gehen davon aus, dass es dem Osten inzwischen besser bzw. teilweise besser geht als im Westen«, sagte Winkler. »75 Prozent der Ostdeutschen sind da genau anderer Meinung.«

Bekanntlich ist im Osten die Arbeitslosigkeit höher, sind die Löhne niedriger und die Armut größer. Dennoch zeigt die von der Volkssolidarität in Auftrag gegebene Umfrage unter 2090 Personen aller Altersgruppen, dass »Ossis« und »Wessis« sehr grundsätzliche Ansichten gemeinsam haben. So betrachtet in Ost- wie Westdeutschland gut jeder Fünfte die vergangenen fünf Jahre für sich als sozialen Abstieg, mehr als jeder Dritte erwartet in den kommenden Jahren eine Verschlechterung seiner wirtschaftlichen Lage. Drei Viertel der Bürger hegen Befürchtungen oder zumindest neben Hoffnungen auch Befürchtungen im Hinblick auf die Zukunft. In allen Bundesländern sind Arbeitslose, Alleinerziehende und Familien mit drei oder mehr Kindern überdurchschnittlich von Armut bzw. Armutsrisiko betroffen.

»Wir müssen aufpassen, dass Armut nicht zu einem selbstverständlichen Element des sozialen Lebens wird«, sagte Winkler. Auch wenn der Anteil der Bevölkerung, der von maximal 798 Euro lebt, in Ostdeutschland deutlich höher ist als in Westdeutschland – bei den 18-jährigen waren es 24 Prozent gegenüber 16 Prozent –, haben Arme wie Reiche in beiden Teilen der Republik vermutlich mehr gemeinsam als jeweils »Ossis« und »Wessis« unter sich. Und definitiv sind an der Verarmung weder die einen noch die anderen und erst recht nicht die Ausländer schuld, sondern die Politik der Regierungen der vergangenen Jahre. So betonte Winkler: »Die ›Sozialreformen‹ in den Bereichen Arbeit, Gesundheit und Alter haben nicht nur zu einem Leistungsabbau geführt, sondern auch die Annahme auf Verschlechterungen des persönlichen Wohlstandes befördert.«

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

8 Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
  • Matti, 01. Sep 2010 10:25

    Ausverkauf

    Wer Gestern Frontal 21 gesehen hat dem wurde klar, wie wertvoll wir ostdeutschen Brüder unseren westdeutschen Brüdern waren.
    Schamlos und ohne Skrupel fielen diese in das Gebiet der DDR und holten sich was sie brauchten. Die Treuhand half ihnen noch dabei.
    Das wollen die Westdeutschen aber nicht wahr haben, was sie hier im Osten für ein Unheil angerichtet haben.
    Sämtliche Posten wurden, ich bin Zeitzeuge, mit Westdeutschen besetzt, wo es ums Geld ging. Und so waren die Westdeutschen hier im Osten wieder unter sich und konnten schalten und walten, wie es ihnen gefiel.
    Natürlich mußte NARWA weg, weil es im Westen OSRAM gab. Und in dieser Richtung ging es munter weiter. Das Fernsehgeräte Stassfurt musste auch gleich daran glauben, weil ja Westfernseher der große Renner war. Eigentlich haben die Ostdeutschen ihre Arbeitsstätten mit zerstört.
    Nein, der Westen hat ganz klar und deutlich die Richtung für Ostdeutschland vorgegeben, der Osten soll vom Westen stets abhängig sein.
    Herr Platzeck hat vollkommen Recht wenn er sagt, das selbst die kleinste symbolische Geste in Richtung Osten fehlte. Den Ostdeutschen wurde das Gefühl vermittelt, sie müßten eben alles wegerfen, es war alles Stasi und alles ideologieverseucht.
    Schlimm ist, dass solche Neumalklugen wie Prof. Schröder und Prof. Jesse hier gleich dazwischen krähen. Eigentlich sind sie gar nicht gefragt.

    • Permalink

  • Llorenc1965, 01. Sep 2010 11:05

    20 Jahre Teilung ohne Mauer

    Dem Kommentar meines Vorredners kann ich als "Wessi" nur zustimmen. Auch ich war ein Zeitzeuge und mußte mit ansehen, wie ein ganzes Land, einschließlich seiner Kultur, einschließlich seines ganzen Eigentums "assimiliert" wurde, oder anders: Überfallartig ausgeplündert wurde.
    Kohl, Genscher und Konsorten versprachen den Menschen "blühende Landschaften" und brachten ihnen Arbeitslosigkeit und Armut. Denn die "Geschichte" kam "über uns". Falsch: Wir machen unsere Geschichte, aber die Menschen haben das noch immer nicht begriffen. HIeß es ehedem: "Wir sind das Volk", so wurde daraus kurzerhand: "Wir sind ein Volk". Das "Wir" wurde durch das "ein" substituiert, denn ersteres wäre aufgrund seines basisdemokratischen Impetus zu gefährlich gewesen für die neuen Machthaber. Denn Kohl kam nicht, um den Menschen den Wohlstand zu bringen, sondern um das Weideland abzugrasen bzw. abgrasen zu lassen, bis nicht mehr übrig blieb. Die letzten Volkskammerwahlen gaben ihm und seinen Geldgebern aus der Wirtschaft einen Freifahrtschein hierzu.
    Welche Konsequenzen zieht dieses Land hieraus? Antwort: Hatz auf alles Nichtdeutsche, Sarrazin macht es uns gerade vor. Hatz auf Hartz-IV-EmpfängerInnen, Hatz auf Andersgläubige. Ja, die Menschen haben nichts, aber auch gar nichts gelernt in diesem Land.
    Was bleibt, ist die Erinnerung, aber auch die wird irgendwann verblassen. Das war's dann.

    • Permalink

  • Kundesbanzler, 01. Sep 2010 12:05

    Mal ehrlich...

    Ich denke, die sauberste Lösung wäre gewesen, die DDR völkerrechtlich anzuerkennen, wie sie es immer verlangt hatte. Dann hätte es keinen Druck durch Flüchtlinge gegeben, die Bürger hätten mit EU-Fördermitteln wie die anderen Ostblockländer ihre Wirtschaft selber sanieren können, Westdeutschland sich nach eigenem Belieben mit Investitionen beteiligen können. Und vor allem hätten die Ostdeutschen ihre eigenen Erfahrungen und Fehler machen können. Die Beule, die man selbst in sein Auto fährt, ist eben nicht so schlimm, wie die, die ein anderer hineinmacht :o). Was nützt mir die Tatsache, daß die Väter des Grundgesetzes nun ruhig in ihren Gräbern schlummern können, wenn die Enkel im Osten dafür arbeitslos zuhause sitzen oder das Land verlassen ??? Die Entschädigung westdeutscher Alteigentümer hätte einen Bruchteil gekostet. 1990 hat die BRD mit der DDR einen Igel geschluckt, schau`n wir mal, was draus wird....

    • Permalink

  • AndyEF, 01. Sep 2010 22:12

    Die Mauer war das "BESTE" für die DDR und Ihre Menschen !

    Die Mauer..hatte ihre historische Daseinsberechtigung. Die Mauer war eine Folge der anhaltenden Aggressionen des West-Imperialismus und die logische Notwendigkeit für die Erhaltung der DDR. Die Mauer war ein antifaschistischer Schutzwall. Sie war ein Ergebnis der feindlichen Politik der Westmächte gegenüber den sozialistischen Staatengefüge. Sie war Garant für 40 Jahre ohne kapitalistische Ausgrenzung, Unterdrückung und Annexion...ich grüße alle aufrechten Grenzsoldaten welche mit Hingabe und Überzeugung ihren Klassenauftrag zum Wohle der DDR erfüllten. Lieber heute als morgen hätte ich die DDR zurück, mit all ihren kleinen Fehlern und Schwächen...dieser Sozialismus wäre durchaus ohne Verrat entwickelbar gewesen, dieser gegenwärtige Kapitalismus taugt nur zum Untergang !

    • Permalink

  • Adler, 01. Sep 2010 23:25

    Re: Die Mauer war das "BESTE" für die DDR und Ihre Menschen !

    Wegen möglicher Vergesslichkeit noch diese Ergänzung:

    Und selbstverständlich diente die Mauer nicht etwa dazu, DDR-Bürger quasi einzusperen. Denn wie bekanntlich in sozialistischen Staaten üblich, herrschte auch in der DDR Reisefreiheit!

    • Permalink

  • ratteauscottbus, 02. Sep 2010 00:14

    Re: Die Mauer war das "BESTE" für die DDR und Ihre Menschen !

    NAja, die Mauer war nicht Folge der westlliche Agression, sondern eine Folge davon, dass die Leude einfach abgehaun sind. Ohne Mauer wären praktische alle qualifizierten Fachkräfte in den Westen gegangen und die DDR wäre schon etliche Jahre früher Geschichte gewesen....

    So gesehen war der Mauerbau einfach logische Konsequenz, allerdings immer noch falsch! :-)

    • Permalink

  • AndyEF, 02. Sep 2010 00:28

    Re: Re: Die Mauer war das "BESTE" für die DDR und Ihre Menschen !

    Die Mauer war nicht falsch....weil notwendig. Nicht deshalb weil da alle angeblich "qualifizierten" mit falschen Vorstellungen abgehauen wären...sondern weil der Westen von Anfang an die offenen Grenzen und die komplizierte damalige Allgemeinsituation zu seinen Vorteil nutzte um die junge DDR zu unterwandern und zu ruinieren. Um die meisten die abgehauen sind war es nicht Schade, die hätte mal alle viel früher weglassen sollen aber ohne gute kostenlose Ausbildung und sozialistische Rundumversorgung, somit hätte man den Sozialismus planmäßig ohne diese Verräter weiter aufbauen können und die Einheit von Wirtschafts und Sozialpolitik effektiver zum Nutzen der Menschen ausbauen können, die sich im Sozialismus einbrachten und sich engagierten. Kein Sozialismus kann mit kleinbürgerlichen Vorstellungen, Praktiken und Auswüchsen auf Dauer bestehen. Außerdem spaltete sich die Bundesrepublik zuerst vor dem Mauerbau von Gesamtdeutschland ab...!

    • Permalink

  • Maiaap, 02. Sep 2010 07:55

    Re: Re: Re: Die Mauer war das "BESTE" für die DDR und Ihre Menschen !

    Alles muß man im Zusammenhang betrachten - die Mauer w a r notwendig, vielleicht hätte sie früher in bestimmter Weise korrigiert werden müssen. Es stimmt, die die abgehauen sind, haben unser Geld genutzt und sich dann in Westdeutschland sehr gut verkauft. Vor allem aber hätten wir e h r l i c h e r sein müssen und den Bürgern klares Wasser einschenken sollen. Das hat alles am meisten geschadet, denn wer glaubte noch an das, was propagiert wurde. Hoffentlich fechten die Enkel alles aus - ein Traum mit dem wir Alten diese Welt verlassen, die dann nicht in Barbarei endet.

    • Permalink

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Frisch gebloggt
24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

Änderungen in der nd-Community

Alle Blogs

Facebook
Twitter
16. - 17. Juni 2012

nd-Pressefest / Fest der Linken

Wir laden ein zu Musik, regen Markttreiben, zu Polittalks, Lesungen, Diskussionen...
nd-Community

Änderungen in der nd-Community

Neue Netiquette und Richtlinien / nd-Onlineredaktion stellt sich vor
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.