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Von Ines Wallrodt 06.09.2010 / Medial
Medienkolumne

Die NPD bitte in den Faktencheck!

In einer NPD-Zeitung steht, Schwarze seien im Vergleich zur germanischen Rasse genetisch minderwertig. Die renommierte »Zeit« titelt daraufhin: Was ist dran an der These? Es folgt ein ganzseitiger Text, in dem Wissenschaftler erklären, was seit 50 Jahren Stand der Forschung ist. Absurd? Durchaus. Bei der NPD ist der Fall klar. Warum dann aber bei Thilo Sarrazin nicht, Freund kruder Rassenhygiene? Während NPD-Funktionären der Prozess wegen Volksverhetzung gemacht wird, bekommt Sarrazin die Bühne der Bundespressekonferenz. Thilo Sarrazin wurde hoch geschrieben und wichtig geredet. Daran ändert auch nichts, dass mittlerweile in den Medien die Reflexion über die Skandalkarriere Sarrazins eingesetzt hat. Das ist alles schön und gut und doch fadenscheinig, wenn einer über den Einfluss der Medien räsoniert, nachdem er vorher den Hype erst erzeugt und davon profitiert hat.

Dabei steht der Ex-Finanzsenator und Noch-Bundesbanker für den Versuch, soziale Ungleichheit als natürlich biologisch darzustellen. Sarrazins Weltbild ist skandalös. Erschreckend ist aber, dass die Redaktionen dieser Republik NPD-Parolen nur dann erkennen, wenn sie von Reichskriegsflaggenträgern vertreten werden. Eine Karriere im Politbetrieb adelt offenbar auch den schlichtesten Gedanken. Und so füllt einer, der sich ein Zuchtprogramm für die deutsche Oberschicht wünscht, seit zwei Wochen die Politik-, Interview- und Feuilletonseiten, ist Dauergast bei Beckmann und Plasberg. Heute sitzt er mit der ehemaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth in Berlin auf dem Podium. Landauf, landab werden Sarrazins »Fakten« gecheckt. ARD, »Bild«, »Tagesspiegel«, dpa – alle fragen: Was ist dran an Sarrazins Thesen?

Ein freundlich-seriöser Faktencheck verschleiert, dass es Sarrazin selbst um eine sachliche Diskussion am allerwenigsten geht. Er tut so, als sei er ein streitbarer, aber irgendwie akzeptabler Gesprächspartner. – Das ist er nicht. Und das kann man vertreten. Auch als Journalist. Man kann entscheiden, von wem man sich Thema, Ton und Timing vorgeben lässt. Zumal »Leitmedien« wie »Spiegel« und »Bild«. Ohne die »Appetizer« in diesen Blättern hätte kaum jemand von Sarrazins Buch erfahren. Ohne das Medien-Theater hätten nicht im Traum eine Viertel Million Menschen daran gedacht, sich einen 450-Seiten-Wälzer Sozialdarwinismus reinzuziehen. Medien haben einen Berichtsauftrag. Aber sie haben ebenso die Aufgabe, Sinn von Unsinn zu trennen, was sie üblicherweise auch tun. Warum sonst findet man so wenige Verschwörungstheorien in Zeitungen? Auch der Verweis auf die Zustimmungsraten verfängt nicht. Rassistische Thesen fallen immer auf fruchtbaren Boden. Das ist noch lange kein Grund, sie in Leitartikeln auszubreiten. Ohne Zweifel sind mit schlechten Schulabschlüssen und Arbeitslosigkeit von Migranten drängende gesellschaftliche Probleme angesprochen. Aber warum reicht das plötzlich? Auch die NPD tut das. Wer das bestreitet, hat nicht verstanden, warum diese Partei verfängt. Auch sie redet von Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit, Armut. Wie man das tut und wohin man damit will, ist das Entscheidende. Neu an Sarrazins Thesen ist nicht die Problembeschreibung; neu ist, dass jemand in dieser Position und aus der SPD eine rassistische Erklärung dafür präsentiert.

Nun ist Sarrazin nicht irgendwer, natürlich müssen sich Medien mit ihm beschäftigen. Aber anders als geschehen: Man kann sein Menschenbild und dessen Quellen erörtern und diskutieren: über den Rassismus an den Stammtischen und die Menschenverachtung gesellschaftlicher Eliten. So ist unter Hauptschulabsolventen und FDP-Anhängern die Zustimmung zu Sarrazin am größten.

Die Situation von Migranten und Arbeitslosen muss medial bearbeitet werden. Sogar mehr als bisher. Nur besser ohne Sarrazin.

Die Autorin ist Redakteurin im Inlandsressort des ND

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2 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Tom, 06. Sep 2010 07:05

    18 Prozent

    Nun auch noch diese Umfrage, dass sich 18 Prozent vorstellen könnten, eine Sarraztin-Partei zu wählen - unter Linken-Anhängern sogar deutlich mehr. Mal von der Frage abgesehen, warum das bei der Linkspartei so ist (Protestwähler?): Dass sich Leute in Umfragen irgendetwas vorstellen können, macht allein noch keine Parteigründung. Und dass die Zeitungen am rechten Rand der Union eine elektorale Leerstelle entdeckt haben, reicht für sich genommen auch nicht. Die Politikwissenschaften haben die deutsche Parteienlandschaft lange Zeit als außergewöhnlich stabil und „resistent gegenüber Neueintritten“ charakterisiert. Im Zusammenhang mit dem Aufstieg der Linken seit 2005 haben Oliver Nachtwey und Tim Spier „die sozialen und politischen Entstehungshintergründe“ der Partei unter die Lupe genommen und die Frage aufgeworfen, wann eigentlich eine „günstige Gelegenheit“ für eine neue Partei besteht. Ein Denkmodell, dass sich übertragen lässt. Mehr hier: tinyurl.com/2v6cupc

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  • linkslibero, 06. Sep 2010 09:30

    Ich nicht!

    Ich kann mir nicht vorstellen so eine Partei zu wählen. Aber ich wurde ja auch nicht gefragt. tsetse

    • Permalink

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