Von Katharina Dockhorn
14.09.2010

Politisch korrekt

Romeo und Julia in der DDR: TV-Sechsteiler »Weissensee« ab heute in der ARD / Teil 1

Obergeschoss und Untergeschoss stand an den Klingelknöpfen, jeder Weißenseer wusste, in welcher »Firma« die Bewohner der Villen rund um den Hohenschönhausener Orankesee in Berlin arbeiteten. Die Familiensaga »Weissensee«, die der MDR federführend für die ARD realisierte, verlegt die Villen rund um den unbebauten Weißen See in den gleichnamigen Stadtbezirk.

Doch das ist nicht das einzige Nichtauthentische. Das »ß« des Traditionsnamen musste der Optik weichen, versichert die Berliner Produzentin Regina Ziegler, die den aufwändig produzierten und hochkarätig mit Katrin Saß, Uwe Kockisch, Anna Loos, Florian Lukas und Hanna Herzsprung besetzten Sechsteiler ins Rollen brachte. Ihr und dem Ersten schwebten eine große Familien-Saga in der Tradition von »Dallas« vor, die im Osten Berlins im Olympiajahr 1980 beginnt.

Im Zentrum stehen zwei Familien. Das Schicksal der beiden Familien ist seit Jahrzehnten miteinander verknüpft. Hans Kupfer, Antifaschist aus der Gründergeneration der DDR, wurde ein hohes Tier beim MfS, wo er den Staat vor Feinden schützen und ihm keine neuen machen will. Das besorgt sein Sohn, ein an die Doktrin seiner angsterfüllten Vorgesetzten blind glaubender Karrierist. Mit auch in der DDR verbotenen Methoden will er einen Amerikaner zwingen, die Fluchtpläne der naiven Tochter einer regimekritischen Sängerin zu verraten. Diese lässt sich in ihren Programmen nicht den Mund verbieten, auch weil sie in Hans Kupfer einen Schutzengel hat.

Das junge Mädchen verliebt sich wenige Tage vor dem Fluchttermin in einen VoPo. Er ist das Schwarze Schaf des Kupfer-Clans, jagt lieber Pädophile durch die Straßen statt sich einen Schreibtischjob zu sichern. Wie einst Romeo und Julia kämpfen die beiden fortan um ihr Glück gegen offene Ablehnung und leicht zu durchschauende Intrigen ihrer Familien, die um Haus und Stellung ebenso fürchten wie um das Leben in einer Künstlernische.

Die Sippenhaft war sicher eines der perversesten und effektivsten Disziplinierungsmittel der DDR, das viele Menschen und das Land in der Entwicklung behinderte. Egal, ob Sporttalente wegen einer West-Oma aufhören mussten, Jugendliche ihren Studienplatz nicht bekamen oder Wissenschaftler nicht reisen durften. Das Phänomen und die Rebellion der nachwachsenden Generationen gegen diese Fesseln fiktional zu benennen, ist überfällig und ehrenwert, haben diese Repressalien doch wahrscheinlich mehr Frust aufgebaut als alle Versorgungsengpässe. Vor allem wirken sie bis heute in den Biografien nach.

Im Gegensatz zu den aus der DDR stammenden Verantwortlichen für die Serie kann die aus dem Westen stammende Autorin natürlich keinen Schimmer von der Dimension dieses Konfliktes haben. Sie wollte einfach eine Stasi-Story erzählen, für die die Konstellation in der Familie von Mielkes Stellvertreter Schwanitz Ansatzpunkt war. Dessen Sohn war ebenfalls beim MfS. Daraus baute sie eine politisch korrekte Geschichte, in der sie die Mitarbeiter des Reichs des Bösen nicht dämonisierte, sondern nach einem Lehrbuch der Psychologie etliche Grautöne gab. Wodurch die Figuren vorhersehbar agieren und die Geschichte dramaturgisch in vorhersehbaren Bahnen verläuft. So wurde mit »Weissensee« die Chance verpasst, DDR-Geschichte nicht bloß auf die Schicksale von Tätern und Opfern zu reduzieren.

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