Dass selbst Großbanken das Geld ausgehen kann, war eine der Erkenntnisse der internationalen Finanzkrise, die sich am Mittwoch zum zweiten Mal jährt. Als die US-Immobilienblase platzte, saßen zahlreiche Institute auch in Europa auf gewaltigen Beständen an hypothekenbasierten Wertpapieren, die rasant an Wert verloren. Dies machte in den Bilanzen gewaltige Wertberichtigungen notwendig. Die dadurch entstandenen Löcher mussten gestopft werden, was mangels Gewinnen in anderen Geschäftsbereichen nicht aus eigener Kraft gelang. Neues Eigenkapital musste her – etwa durch Ausgabe neuer Aktien am Finanzmarkt. Dies gelang aber nur kurzzeitig – später meldeten einfach zu viele Geldhäuser Kapitalbedarf an. Endgültig vorbei war es dann mit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers, die den letzten Beweis erbrachte, dass eine Investition in Bankaktien zu risikoreich war. Der Kapitalmarkt war förmlich ausgetrocknet; zahlreiche Geldinstitute waren faktisch pleite. Letztlich stellten Regierungen das zur Weiterführung der Geschäfte fehlende Kapital zur Verfügung. Es kam zur vorübergehenden (Teil-)Verstaatli- chung führender Großbanken, wobei die Schlussrechnung für den Steuerzahlen noch nicht abzuschätzen ist.
Bankenexperten sind sich einig, dass die bestehenden Eigenkapitalregeln offenkundig nicht ausreichten, die Krise zu verhindern. Dabei war gerade erst die »Basel-II«-Reform umgesetzt worden, in der eine Eigenkapitalquote von acht Prozent als geeigneter Risikopuffer festgelegt wurde. Die Bankenaufseher der Staaten sehen nicht so sehr die Höhe des Kapitals, sondern dessen Qualität als mangelhaft an. Bislang kann die für Bankgeschäfte erforderliche Kapitalhöhe zur Hälfte mit Hilfe von Ergänzungskapital (»Tier 2«) erreicht werden, wozu unrealisierte Gewinne aus Wertpapieren zählen. Doch unterliegen deren Kurse hohen Schwankungen an den Finanzmärkten – mit der Folge, dass sich gerade in Krisenzeiten mit hohem Eigenkapitalbedarf das Ergänzungskapital förmlich in Luft auflöst.
Und so legt der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht in seinen am Sonntag verkündeten Empfehlungen für neue Kapitalstandards (»Basel III«) höhere Qualitätsanforderungen an das Eigenkapital fest, dessen Gesamthöhe unverändert bleiben soll. Gleichzeitig verlangen die Aufseher erstmals von Banken, einen zusätzlichen Puffer aufzubauen, um künftige Schieflagen infolge von Krisen ohne staatliche Hilfen überstehen zu können. Schließlich soll eine Verschuldungsgrenze gezogen werden. Dieses »Leverage Ratio« (Fremdkapital im Verhältnis zu den gesamten Anlagen einer Bank) könnte drei Prozent betragen, doch eine Festlegung ist erst für 2017 geplant.
Für Bankenkritiker sind die Festlegungen völlig unzureichend. Das globalisierungskritische Netzwerk Attac etwa hält die geforderten Kapitalquoten für zu gering und die Übergangsfristen für zu lang. »Die Bankenlobby setzt sich durch, die Verantwortlichen in Basel riskieren den Supercrash«, meint Jutta Sundermann, Mitglied im Attac-Koordinierungskreis.
Tatsächlich fallen die Beschlüsse schwächer aus als in ursprünglichen Vorlagen. Die Bankenlobby, allen voran ihr internationaler Verband IIF mit seinem Chef Josef Ackermann, versuchte über viele Monate, auf die Beratungen in Basel Einfluss zu nehmen. Sie hatte einen Joker im Ärmel, den sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit zog: Fielen die neuen Eigenkapitalvorschriften zu streng aus, werde es für Banken teuer, Kredite im großen Stil zu vergeben, was sich schädlich auf die gesamtwirtschaftliche Konjunktur auswirken werde.
Eher nachvollziehbar waren die Befürchtungen der deutschen Genossenschaftsbanken und Sparkassen, die ihr Eigenkapital nicht aus Aktien beziehen. Für sie soll es Sonderregeln zur Anerkennung ihrer stillen Einlagen geben.
Nach der Finanzmarktkrise sollen Kreditinstitute ihre Geschäfte mit mehr eigenem Kapital unterfüttern als bisher. Diese neuen Regeln werden unter dem Begriff »Basel III« zusammengefasst. Damit soll zum einen das Risiko der Bankengeschäfte eingedämmt werden, zum anderen will man die Institute in die Lage versetzen, für Kosten möglicher neuer Krisen selbst aufkommen zu können. Die neuen Regeln sollen im November beim Gipfel der 20 größten Industrienationen (G20) in Seoul politisch beschlossen und dann ab 2013 umgesetzt werden. Die Empfehlungen hat der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht erarbeitet. Dem bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel angesiedelten Gremium gehören Zentralbanker und Bankenaufseher aus 27 Industrie- und Schwellenländern an. Da die Aktionäre der BIZ ausschließlich Zentralbanken sind, versteht sie sich als »Bank für Zentralbanken«.
Vor 22 Jahren empfahl der Basler Ausschuss erstmals Mindestanforderungen für die Kapitalausstattung von Banken, 2004 folgten die als »Basel II« bekannten Neuregelungen. Demnach sollten Finanzinstitute im Verhältnis zu riskanten Engagements wie etwa Krediten mindestens acht Prozent Eigenkapital vorhalten, um Ausfallrisiken abzudecken.
Mit »Basel III« soll nun vor allem der Anteil des sogenannten Kernkapitals (des unmittelbar haftenden Eigenkapitals) steigen, zu dem die ausgegebenen Aktien und Gewinnrücklagen zählen, und zwar von bisher vier auf sechs Prozent ab 2015 zuzüglich eines Krisenpuffers von 2,5 Prozent ab 2019. Die Kernkapitalquote (engl.: »Tier 1«) wird berechnet, indem man das Kernkapital der Bank durch die Summe der Risikoposten (etwa Kredite und Wertpapiere) teilt. Diese Kennziffer sagt also aus, inwieweit die Risikopositionen durch eigene Mittel gedeckt sind, sprich wie dick der Risikopuffer der Bank ist. »Tier 1« gilt darum als magische Zahl, um die Stabilität und Stärke einer Bank zu beurteilen. dpa/ND
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