Charlotte Noblet
20.09.2010

Nordfrankreich im Ruhrgebiet: Viele Partnerstädte machen bei der RUHR.2010 mit!

Interessant ist zu beobachten, wie Veranstaltungen im Rahmen der RUHR.2010 entstehen: Mal übernehmen die "Locals" das Programm von A bis Z, mal teilen sie sich die Organisation mit einer Partnerstadt, mal wurde in europäischer Liga gespielt und alle Partnerstädte zum Mitmachen aufgerufen. Da auch stellt sich die übliche Frage: Was für eine Rolle spielt bei der europäischen Kulturhauptstadt 2010 der deutsch-französische Motor im Ruhrgebiet?
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Blaskapelle „Extrême Georgette“ in Essen
Mit ihren stillgelegten Zechen, Arbeitersiedlungen mit hoher Arbeitslosigkeit und dem wachsenden Leerstand in den Städten sind sich heute wie gestern die traditionellen Industrieregionen Nordfrankreich und Ruhrgebiet in Vielem ähnlich. Hier und da gab es Bergwerke und Schwerindustrie. Es ging um "schwarzes Gold" und Stahl. Wegen der Arbeitsplätze sind viele aus der Ferne gekommen und geblieben. Es ist also kein Wunder, dass zwischen den beiden Regionen zahlreiche Partnerschaften geschlossen wurden.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden Annäherungen zwischen den Nachbarländern von den Regierungen Adenauer und De Gaulle auch großzügig unterstützt. Viele deutsch-französische Friedensvereine sind in der Nachkriegszeit entstanden, um die Ressentiments zwischen den damaligen "besten Freunden, besten Feinden" zu kanalisieren. "Im Ruhrgebiet, welches auch die französische Besatzung von 1923 bis 1925 erlebt hatte, waren die deutsch-französischen Friedensvereine ein wichtiger Schritt, um die Nachbarn wieder zusammen zu bringen“, erzählt Arno Hartmann, pensionierter Französisch-Lehrer, der den Vorstand der „Deutsch-Französische Gesellschaft Dorsten e.V.“ übernommen hat. "Aber heutzutage sind die Mitglieder solcher Vereine meisten 50 Plus. Die Jugendlichen wollen doch keine Ehrentafel in Friedhöfen mehr besuchen, es spricht sie gar nicht an! Wir sollten neue Austauschformen entwickeln. Reisen ist viel einfacher als früher, gegenseitige Besuche sind für die jüngere Generationen bestimmt nicht mehr so spektakulär. Vielleicht reizen mehr kulturelle Veranstaltungen mit Teilnehmern aus verschiedenen europäischen Ländern?"

Partnerschaften existieren, sind aber oft formal

Oft laufen nämlich die Austäusche zwischen deutschen und französischen Partnerstädten etwas konventionell. Meistens besuchen sich Mitglieder von Gemeinderäten, wobei die Etikette selbst in kleinen Gemeinden eine Rolle spielt. Im Rahmen der RUHR.2010 zeigen sich die französischen Partnerstädte auch etwas formell. Dormans (Champagne) schickt Rathaus-Vertreter nach Dorsten, um ein Jugendprojekt zu betreuen. Douai (Nord) lässt sich von 35 Mitgliedern der "Fanfare Harmonie La Concorde" vertreten, welche mit Uniformen, musikalischem Repertoire und getakteten Schritten bei einer künstlerischen Parade auftreten.
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Fanfare Harmonie La Concorde am Stadthafen Recklinghausen

Manchmal haben sich die französischen Partnerstädte nur die Mühe gemacht, die Projektaufrufe ihrer Partnerstadt aus dem Ruhrgebiet aus Anlass der Kulturhauptstadt 2010 an Vereine oder Einzelpersonen weiterzugeben. So wird zum Beispiel Tourcoing (Nord) dank der Künstlerin Silviane Léger bei dem Kasper-Festival "Kasperiade" in seiner Partnerstadt Bottrop vertretet.

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Urspuk-Maskenspieler aus Essen und Istanbul
Ein Teil der Kulturhauptstadt RUHR.2010 unterstützt sogar das Zurückgreifen auf existierende Städtepartnerschaften. Das sogenannte TWINS Programm ermöglicht im Rahmen der RUHR.2010 vor allem jungen Menschen, die Kulturhauptstadt Europas aktiv mit zu gestalten und eigene, unkonventionelle Projektideen zu verwirklichen. Grundsätzlich gilt, beteiligt sind in jedem Projekt Partner aus der Metropole Ruhr wie auch Kooperationspartner aus ihren europäischen Partnerstädten und aus Istanbul, Pécs und Israel.
Viele deutsche Gemeinden konnten dank dieses Programms alle ihre Partnerstädte gleichzeitig zum Mitwirken einladen. So wurde die europäische Dimension der Kulturhauptstadt gestärkt. Dorsten lud Jugendliche aus seinen Partnerstädten ein. Deutsche, Franzosen, Nordiren und Polen kamen für ein Jugendforum zusammen.

Einzelinitiativen beleben Partnerstädte

Manchmal kam sogar die Initiative von Einzelpersonen. Ana Hopfer, Initiatorin der Urspuk-Parade ist dafür ein gutes Beispiel. Mit ihrer Leidenschaft für Masken und Maskelspiel verbindet die seit 15 Jahren im Frankreich lebende Esserin Studenten aus Tourcoing (région), Essen und Istanbul. "Wir waren einmal in Istanbul und einmal in Essen", erzählt Jeanne aus der Kunstuniversität Tourcoings. "Wir haben mit den anderen Studenten viel über die Szenographie und die Körpersprache der Maskenspieler ausgetauscht, es war großartig!" Der Projektleiterin war diese europäische Dimension sehr wichtig. Das wollte sie auch durch ihre musikalische Kreuzfahrt auf dem Rhein-Herne-Kanal zeigen. Drei Tage lang macht ihr Urspuk-Boot Stationen und jedes Mal treffen Künstler an Bord und am Ufer aufeinander und musizieren vor Publikum. Jedes Mal sind unterschiedliche Nationalitäten dabei. Die Blaskapelle "Extrême Georgette" aus Amiens freut sich sehr, dabei zu sein. Die Stadtpartnerschaft mit Dortmund ist in den letzten zwanzig Jahre eingeschlafen. "Die Kulturhauptstadt Europas im Ruhrgebiet sowie die 50 Jahre formal existierende Stadtpartnerschaft zwischen Amiens und Dortmund boten gute Gelegenheit, das Ganze wieder im Gang zu bringen", erzählt der Saxophonist. "Nur alles läuft hier sehr chaotisch und manchmal ist es uns zu urspuckig! Wir kommen nicht dazu, die anderen Mitmachenden kennen zu lernen und sehen kaum was von den Städten, in deren Häfen wir spielen. Sehr schade!"

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Ruhr.2010 Programm am Stadthafen Recklinghausen
Als Zuschauer des Ganzen gibt der Leiter des Deutsch-Französischen Kulturzentrums Essen e.V., Michel Vincent, auch seinen Senf dazu: "Wir sind glücklich, dass wir überhaupt noch existieren! Wir waren ein Institut Français, welches geschlossen wurde", erzählt er. "Glücklicherweise hat uns die Stadt Essen übernommen. 70% unserer Besucher sind Deutsche, also Frankophilen. Aber wir wünschen uns manchmal schon eine etwas aktivere französische Community!"

Die Kulturhauptstadt RUHR.2010 funktioniert wie ein TÜV für die deutsch-französischen Beziehungen im Ruhrgebiet. Die Infrastrukturen stehen noch, sind nur oft meisten eingerostet, wie zahlreiche Friedensvereine und Stadtpartnerschaften. Eigentlich könnte der Umgang damit wie für die stillgelegte Zeche sein: Nicht abbauen sondern umnutzen. Zum Beispiel als Träger europäischer Veranstaltungen!


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