Es ist ein letzter Rettungsversuch: Mit einem Tag der offenen Tür am kommenden Sonnabend will das in Kreuzberg beheimatete Archiv der Jugendkulturen sich und seine Arbeit der Öffentlichkeit präsentieren – und vor allem die drohende Schließung verhindern. Denn nach zwölf Jahren geht der europaweit einzigartigen Einrichtung finanziell gesehen die Puste aus. Deadline ist der 31. Oktober – kommen bis dahin nicht 100 000 Euro an Spenden zusammen, müsste der Verein dichtmachen.
Um das zu verhindern, soll eine Stiftung gegründet werden. Unter dem Slogan »Archiv der Jugendkulturen geht stiften« werben Leiter Klaus Farin und seine 28 zum Großteil ehrenamtlichen Mitarbeiter seit Wochen um Spendengelder, 30 000 Euro sind bereits zusammengekommen. Doch die Zeit wird knapp. Ende Oktober läuft der Mietvertrag für die Räume in der Fidicinstr. 3 in Kreuzberg aus. »Bis dahin müssen wir entscheiden, ob wir weitermachen oder nicht«, erklärt Pressesprecherin Corinna Steffen.
Seit der Gründung vor zwölf Jahren hält sich der Verein mit verschiedenen Projektmitteln, Mietzuschüssen, Spenden und viel ehrenamtlicher Mitarbeit über Wasser, doch jetzt droht er unterzugehen. Mehr als 5000 Euro zahlt die auf 700 Quadratmeter angewachsene Sammlung monatlich an Miete, rund 1500 Euro schießen Farin und seine Leute eigenen Angaben zufolge privat dazu. Nun läuft auch noch eine wichtige Projektförderung aus. Zwar ist der Verein mehrfach für seine Arbeit ausgezeichnet worden, doch sieht sich weder Senat noch Bund in der Lage, Regelförderung zu gewährleisten.
Dabei gilt das Archiv der Jugendkulturen als einzigartige Fundgrube. In den Räumen der ehemaligen Brauerei lagern, akribisch aufbereitet und geordnet, 6000 Bücher, 400 wissenschaftliche Arbeiten, 28 000 Zeitschriften, 4000 CDs, LPs, DVDs und Videos, dazu unzählige Poster, Flyer, Fanzines. Ob Punkszene der 80er, Rave oder Hip-Hop, ob Drogen, Esoterik oder Graffiti – das Archiv hat zu jedem Thema Material da und stellt es kostenlos zur Verfügung.
Der 52-jährige Klaus Farin, ein besessener Sammler, hat das Archiv vor zwölf Jahren gegründet. Seitdem ist es enorm gewachsen. Hier forschen Wissenschaftler neben Punks, stöbern Schüler in Plattenstapeln, schreiben Studenten Diplomarbeiten. Die Mitarbeiter veranstalten Graffiti-Workshops für Polizisten, organisieren Ausstellungen zur Lebenswelt von Einwandererkindern, verlegen Bücher und ein eigenes Journal, leisten Aufklärung über Rechtsextremismus und Migration.
Diese Vielfalt ist sowohl Segen als auch Problem: Mit seinem interdisziplinären Ansatz fällt die Einrichtung durch alle Raster der Fördertöpfe. Und von den Politikern kommt zwar Lob, doch kaum Geld – die Senatsverwaltungen reichen sich den schwarzen Peter weiter, das Bundesministerium für Familie und Jugend bedauert.
Mit dem Tag der offenen Tür will man nun geballt auf die Problematik aufmerksam machen. Sollte die Summe von 100 000 Euro zur Stiftungsgründung nicht zusammenkommen, »müssen wir schließen«, so Corinna Steffen. Von 12 bis 21 Uhr können Besucher am Sonnabend an kostenlosen Schnupperkursen u.a. zu Rap oder Tanzen teilnehmen, einen geführten Street-Art-Spaziergang durch Kreuzberg machen oder Sprayern über die Schulter gucken. Es gibt kurze Vorträge und Führungen durchs Archiv, außerdem einen CD- und Bücher-Flohmarkt, Konzerte und jede Menge Essen und Getränke. Ab 21.30 Uhr legt ein DJ Hip-Hop auf. Der Verein hofft auf Aufmerksamkeit – und auf Spenden.
Archiv der Jugendkulturen e.V., Fidicinstraße 3, Kreuzberg, Tel. 030/69 42 934, Öffnungszeiten: Mo.-Fr. 10-18 Uhr. weitere Informationen im Internet unter www.jugendkulturen.de
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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