Von Hermannus Pfeiffer
09.10.2010

BRIC-Konzept kaum bekannt

Viele deutsche Anleger wollen nicht in Schwellenländer investieren

Eines der erfolgreichsten Konzepte der Investmentbranche ist unter Privatanlegern kaum bekannt. Dabei galten die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) auf dem Finanzmarkt lange als Hoffnungsträger.

Die Abkürzung BRIC für die aufstrebenden Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China ist kaum bekannt. Auf die Frage, ob sie schon einmal von BRIC gehört hätten, antworteten 80 Prozent der in Deutschland Befragten mit »Nein«. Dies ergab ausgerechnet eine Umfrage der grauen Eminenz an der Wall Street, Goldman Sachs. Als Erfinder des BRIC-Konzepts gilt der Chefvolkswirt der US-Investmentbank, Jim O'Neill.

Die Unkenntnis erstaunt, denn die 2000 befragten Bundesbürger waren mit Finanzthemen durchaus vertraut. Und die BRIC-Länder gelten unter Anlageprofis seit Langem als Hoffnungsträger. Das zugrunde liegende Konzept für Investoren und Anleger wurde 2001 entwickelt. Goldman Sachs erwartet, dass alle vier Länder bis 2030 zu den sieben größten Wirtschaftsnationen gehören werden. Für die Gewinner von übermorgen sprechen vor allem ihre Arbeitskräfte- und Produktivitätspotenziale, so O'Neill. Und zwar arbeitsteilig: Brasilien dient als Rohstofflager der Welt, Russland als Zapfsäule für Öl und Gas, Indien als Softwareschmiede und China als billige Werkhalle für Konsumwaren.

Kleinanleger können seit Langem Anteile an Investmentfonds erwerben, die in Aktien und Wertpapiere aus den BRIC-Ländern anlegen. Doch die Umfrage von Goldman Sachs zeigt, dass die deutschen Anleger bisher nur in sehr geringem Umfang in den BRIC-Ländern »investiert sind«. Übrigens zieht die Karawane der Profis bereits weiter: So gibt es inzwischen Dutzende Zertifikate, mit denen auf andere Schwellenländer wie Indonesien oder Südafrika gewettet werden kann.

Vor allem drei Gründe halten Anleger aber ab. Da sind vor allem die möglichen Risiken an den Börsen. Dazu kommt die Furcht vor politischer Instabilität in den BRIC-Staaten. Durchaus angemessene Sorgen angesichts der sozialen Kluft, die alle vier Länder trennt, heißt es im Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Die Einkommensunterschiede zwischen den großen Städten im Osten und den ländlichen Gebieten im Westen Chinas verschärfen sich. Bei Bildung, Gesundheit und Ernährung wächst die Kluft. Auch in Brasilien und Russland durchzieht ein Riss die Gesellschaft, und in Indien gibt es zwar einen kaufkräftigen Mittelstand von vielleicht 300 Millionen Menschen, aber 900 Millionen leben überwiegend auf dem Land und sind oft bettelarm.

Ein dritter Grund für die Zurückhaltung der Anleger ist das Eingeständnis, zu wenig über die Länder zu wissen. So hielten fast zwei Drittel der Befragten »die BRICs« für riskantere Anlagestaaten als die Industrieländer. Allerdings glaubt die Mehrheit der Befragten nicht, dass die Wachstumsbegeisterung zu einer spekulativen Blase führen werde.

Kathryn Koch, Kundenportfoliomanagerin bei Goldman Sachs, bleibt optimistisch: »Wir meinen, dass die Anleger sich die BRICs sehr genau ansehen sollten, denn die Fundamentaldaten dieser vier Länder sind heute so stabil wie nie zuvor.« Koch hofft, dass sich demografische Trends positiv auswirken: Hierzu gehörten die junge Bevölkerung, die fortschreitende Ausbreitung städtischer Lebensformen und das Wachstum einer kaufkräftigen Mittelschicht.


Lexikon

Internationale Investoren, die mit chinesischen Dividendenpapieren spekulieren wollen, waren lange Zeit auf B-Aktien angewiesen. Diese werden an den Börsen Schanghai und Shenzhen auf US- Dollar- bzw. Hongkong-Dollar-Basis gehandelt. Seit 2006 ist es Ausländern teilweise auch erlaubt, A-Aktien auf Renminbi-Basis zu erwerben. Wegen der hohen internationalen Nachfrage durch den Boom von BRIC-Zertifikaten und -Fonds nach den relativ wenigen Papieren gibt es Warnungen vor einer drohenden Börsenblase. Und dies verstärkt den Aufwertungsdruck auf die chinesische Währung. ND