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Von Stefan Otto
29.10.2010

Mit dem Sparblick auf Nachtschicht

Finanzsenator Nußbaum erkundete bei einer nächtlichen Stadtrundfahrt, wohin das Geld fließt

Nußbaum: Ihr macht also den Dreck weg!
Nußbaum: Ihr macht also den Dreck weg!

Da saß der Finanzsenator am Tisch mit 14 Müllwerkern von der Berliner Stadtreinigung (BSR). Die Arbeiter trugen ihre orangene Kluft, und er stach in seinem schwarzen Jacket heraus. Ulrich Nußbaum unterhielt sich mit ihnen über die Nöte und Sorgen, doch das Gespräch war zäh und kam nicht so richtig in Gang. »Man muss froh sein, dass es Leute gibt, die sagen: Wir machen Euren Dreck weg«, meinte der parteilose Senator anerkennend. Die Arbeiter nickten und antworteten artig auf seine Fragen. Natürlich seien sie auf den Winter vorbereitet; die Salzsilos sind gefüllt, die Fahrzeuge gewartet.

Ulrich Nußbaum war eine Nacht lang unterwegs, um Menschen zu besuchen, die eine Metropole am Leben halten. Der 52-Jährige schaute von abends um 20 Uhr bis morgens um 8 Uhr hinter die Kulissen, redete mit Feuerwehrleuten in Charlottenburg, Großhändlern am Westhafen und Ärzten in der Rettungsstelle im Vivantes-Klinikum in Friedrichshain. »Ich sitze ja am Schreibtisch und muss als Finanzsenator über den Geldfluss in den Beteiligungsunternehmen entscheiden; da will ich die Menschen kennenlernen, die dort arbeiten«, sagte er bei Jochen Trus im Spreeradio, seiner letzten Station in der einsetzenden Morgendämmerung. Einen Satz, den er in den Stunden zuvor bereits häufig geäußert hatte. Manchmal betonte er dabei auch, dass er dann besser einschätzen könne, in welchen städtischen Betrieben Ausgaben reduziert oder effizienter organisiert werden können. Berlin muss bis 2014 eine Milliarde Euro im Haushalt einsparen.

Nußbaum ist noch nicht lange in der Hauptstadt. Im Mai vorigen Jahres holte ihn Klaus Wowereit (SPD) als Finanzsenator in sein Kabinett. Zuvor lebte er in Bremen und leitete in der Hansestadt von 2003 bis 2007 das Finanzressort. Zwischenzeitlich war er Gesellschafter bei einem Handelsunternehmen. Nun ist er zurück in der Politik. Dafür habe er sich nicht zuletzt deshalb entschieden, weil er mit ganz unterschiedlichen Menschen in Kontakt komme, von denen er in der Wirtschaftselite abgeschnitten wäre, sagt er.

Vom Amüsement der Großstadt bekam er auf seinem nächtlichen Streifzug lediglich den Schlussapplaus von dem Stück »Yma« im Friedrichstadtpalast mit. Anschließend suchte er in einer Lounge den Kontakt mit Musikern, Bühnenarbeitern und Darstellern, und diesmal entwickelte sich mehr als ein Smalltalk. Eine Hand leger in der Hosentasche, plauderte er mit Alexandra Georgieva, der Ballettdirektorin, und staunte über den Alltag eines Tänzers: Das Ensemble steht an sechs Tagen in der Woche auf der Bühne und trifft sich jedes Mal schon morgens zur Probe. Da bleibt nicht viel Freizeit.

Wohlwollend wird Ulrich Nußbaum zur Kenntnis genommen haben, als eine Darstellerin meinte, bei Thilo Sarrazin (noch SPD) wäre sie nicht noch nach der Vorstellung geblieben. Gleichwohl zeigte er sich davon gänzlich unbeeindruckt. Er orientiere sich nicht an seinem Vorgänger, meinte er. Doch der Kontrast war allzu offensichtlich: Kehrt Sarrazin mit Vorliebe seine Abscheu gegenüber unteren Schichten hervor, so lobte Nußbaum die Arbeit des kleinen Mannes. Es habe ihm gefallen, wie selbstbewusst die Müllwerker ihren Job machen.

Nußbaum gab sich selbst als Malocher und zeigte sich dankbar, wenn die Krankenschwestern und Ärzte in der Rettungsstelle sich für ihn ein paar Minuten Zeit nahmen. Natürlich war er darauf bedacht, dass dieser Schulterschluss mediale Aufmerksamkeit erfuhr. Jeder Handschlag wurde von einem Fotografen festgehalten. Nußbaum steht weit oben auf der Beliebtheitsskala der Berliner Politiker. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag sammelte er ein paar weitere Fleißpunkte.

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