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Von Hans-Gerd Öfinger 20.11.2010 / Forum

Mittendrin und trotzdem ganz anders

Eine gemeinsame Kasse und keine Chefs: Selbstbestimmtes Leben und Arbeiten in der Kommune Niederkaufungen

Kollektive Formen des Zusammenlebens und -produzierens ermöglichen Menschen, nach ihren Fähigkeiten zu arbeiten und nach ihren Bedürfnissen zu verbrauchen. Nach diesem Prinzip leben und arbeiten seit 24 Jahren bis zu 80 Personen bei Kassel in einer der größten Kommunen in der Bundesrepublik.
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Es ist ein typisches nordhessisches Dorf. Etliche der alten, gut in Schuss gehaltenen Fachwerkhäuser im Ortskern um die Kirche haben Jahrhunderte auf dem Buckel und sind schmucke Zeugen einer langen landwirtschaftlichen Tradition. Die Vorbereitungen auf die 1000-Jahr-Feier im Jahre 2011 laufen auf Hochtouren.

Doch das kleinbäuerliche Niederkaufungen, wenige Kilometer östlich vor den Toren der Stadt Kassel gelegen, ist Vergangenheit. Mit seinen neuen Siedlungen hat sich der Ort zur Wohngemeinde für Menschen gewandelt, die in der nahen Nordhessen-Metropole Arbeit und Brot finden. Von der Landwirtschaft leben nur noch wenige Niederkaufunger.

In linken und alternativen Kreisen der Republik ist Niederkaufungen ein fester Begriff. Denn es beherbergt seit 24 Jahren eine der größten Kommunen in Deutschland. Hier leben und arbeiten 60 Erwachsene und 20 Jugendliche und praktizieren neue gemeinschaftliche Lebensformen ohne Privatbesitz von Produktionsmitteln, ohne privates Vermögen und mit gemeinsamer Kasse. Ein mittlerweile sehr stabiler Ansatz, um entfremdete Arbeit, Hierarchien, Konkurrenzdenken, Konsumzwang und die Enge und Isolation von Single-Haushalten und Kleinfamilien hinter sich zu lassen.

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Wer sich auf den Weg zur Kommune Niederkaufungen macht, muss genau hinsehen. Denn Gelände und Gebäude heben sich äußerlich nicht von den angrenzenden Grundstücken und Häusern ab. Wenig deutet darauf hin, dass Lebensweise und Alltag der 80 Kommunarden ganz anders aussehen als für die Masse der Niederkaufunger und im Rest der Republik.

»Als wir 1986 hier in den ehemaligen Bauernhof einzogen, waren wir im Dorf ein Fremdkörper«, erinnert sich Uli Barth. Der studierte Ingenieur ist von Anfang an dabei. Eigentlich wollte er in den 1980er Jahren Entwicklungshelfer in Afrika werden. Doch dann hinterfragte er die kapitalistische Entwicklungshilfe und erfuhr aus einer Anzeige in der damals links-alternativen »taz« vom Projekt einer Kommune. Das veränderte sein Leben. Die Gründer sahen sich im Raum Hamburg gut 300 Objekte an. Dass sie letztlich in Niederkaufungen eine geeignete Liegenschaft fanden und sesshaft wurden, war Zufall und Glücksgriff zugleich. Zu dem ehemaligen Bauernhof, seit den 1960ern als Gastarbeiterwohnheim genutzt, kam bald das benachbarte Gelände einer ehemaligen Spedition hinzu.

Von Zwängen befreit eigene Utopien leben

Manche der zuerst skeptischen Anwohner waren insgeheim sogar froh, dass nun keine schweren Lkw mehr durch die Gassen donnerten. Überwiegend in Eigenleistung richteten sich die Kommunarden Haus und Hof her, sorgten für Wärmedämmung und bauten gut nachbarschaftliche Kontakte auf. »Das Vorurteil, dass gelernte Lehrer und Aussteiger keinen Nagel in die Wand kriegen, war rasch erledigt«, so Barth. Viele Kommunarden haben eine Berufsausbildung und ein Studium hinter sich und verkörpern so auch das Bestreben nach Überwindung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit. Sie verstehen sich nicht als Elite oder Avantgarde, sondern betrieben von Anfang an einen regen Austausch mit ihrer Umwelt. Mitglieder der Kommune sind in das Dorfleben integriert und im örtlichen Sportverein und Chor aktiv. Selbst zur benachbarten Kirche, deren Glocken unüberhörbar sind, bestehen gute Beziehungen, auch wenn die Kommunarden keine Kirchgänger sind.

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Wirtschaften ohne entfremdete Massenproduktion: Das Elektromobil der Kommunarden hilft der wissenschaftlichen Erforschung benzinfreier Mobilität.

Nicht individualistische Abkapselung, sondern ein linker politischer Anspruch liegt der Kommune bis zum heutigen Tag zu Grunde. Weil der Kapitalismus keine Lösung bietet und weil sie nicht auf eine vorrevolutionäre Phase mit massenhaftem Aufbegehren der Bevölkerung warten wollten, setzten die Kommunegründer in einem persönlichen Experiment ihre konkreten Utopien um. Sie veränderten ihre Lebensumstände gründlich, ohne damit sofort eine gesamtgesellschaftliche Lösung anbieten zu können. »Wir sind ein kleiner Teil im Prozess zur Entwicklung einer Alternative«, ist sich Uli Barth sicher.

Natürlich kann im realen Kapitalismus auch diese Kommune nicht allein von guten Vorsätzen, solidarischem Umgang, Luft und Liebe leben. Wer sich ihr verbindlich anschließen möchte und nach einer Probezeit von den Kommunarden aufgenommen wird, bringt sein gesamtes persönliches Vermögen in die gemeinsame Kasse ein. Auch die Löhne der extern beschäftigten Kommunemitglieder fließen in die Gemeinschaftskasse. Im Laufe der Jahre haben sich hier als Kollektivbetriebe und wichtige Einnahmequellen nicht nur die Schreinerei und Schlosserei entwickelt, sondern auch die Kindertagesstätte »Wühlmäuse«, die von den drei »eigenen« Vorschulkindern und weiteren 15 Kindern aus dem Ort besucht wird. Dann gibt es noch die Tagespflegeeinrichtung, die demenzkranke Senioren aus der Umgebung betreut. Oder das Tagungszentrum, eine gemütliche Herberge mit 27 Betten, Video und Beamer, in der nicht nur Greenpeace-Aktivisten stressfrei tagen können. Die Kommune-Küche betreibt auch einen Catering-Service. Im Hofladen des Agrarkollektivs »Rote Rübe« können Einkäufer zweimal in der Woche Gemüse, Brotaufstrich, Wurstkonserven, Saatgut und Öko-Produkte aus Nah und Fern kaufen. Im Laden liegen auch Infoblätter über Anti-AKW-Proteste oder die regionale Initiative gegen die umstrittene Autobahn A 44 von Kassel nach Eisenach.

Denn die Kommunarden teilen nicht nur einen »linken und undogmatischen« Grundkonsens, so Astrid, die seit 13 Jahren in der Kommune lebt. Sie engagieren sich auch gesellschaftlich, etwa in Kassel bei Attac, beim Freien Radio, in der Flüchtlingsarbeit oder feministischen Projekten. Ein gutes Dutzend fuhr ins Wendland um gegen den Castor-Transport zu demonstrieren. Bei der Kommunalwahl im kommenden März kandidiert ein Kommunarde chancenreich auf Platz 3 der örtlichen »Grünen Linken Liste«. Für Torsten Felstehausen, weiterer Kandidat des Listenbündnisses, ist die Kommune ein »fester Faktor« im Dorfleben und fast schon ein mittelständisches Unternehmen, das vom Wirtschaftsleben nicht mehr wegzudenken sei.

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Das Rote-Rübe-Kollektiv baut seit 1988 auf zwei Hektar Acker Bio-Gemüse an.

Astrid ist von Haus aus Sozialpädagogin. Sie schätzt an der Kommune, dass Lebensqualität »durch positive Beziehungen, nicht durch Besitz oder Eigentum« entsteht: »Ein bisschen so wie eine Mehr-Generationen-Familie auf einem Hof«. Die engen Grenzen einer abgekapselten Kleinfamilie überwinden bedeutet auch, dass die Eltern mit der Kindererziehung nicht allein gelassen werden. Kinder können sich neben den leiblichen Eltern auch andere Bezugspersonen wählen.

Auch wenn sich jedes Kommunemitglied in seiner Wohngemeinschaft in ein eigenes Zimmer zurückziehen kann, spielt sich ein wichtiger Teil des Alltagslebens im großen Gemeinschaftsraum ab. Er dient als Speisesaal, Aufenthalts- und Leseraum mit Zeitschriften und Büchern, als Umschlagplatz für Informationen und Versammlungsraum, in dem sich alle Mitglieder jeden Dienstagabend zum Plenum versammeln. Hier trat auch der 2006 verstorbene Rockmusiker Klaus Renft von der ehemaligen Leipziger Renft-Combo auf.

Zeit für Kreativität und politisches Engagement

In der Großküche arbeiten in der Regel darauf spezialisierte Kommunarden. Anders als in Kleinfamilien oder Singlehaushalten müssen sich die Kommunemitglieder keinen Kopf zerbrechen über Einkäufe und Essenszubereitung. Diese Befreiung von der tagtäglichen Küchenarbeit und der alleinigen Verantwortung für die Erziehung setzt Kreativität frei. Wenn die Kommune-Mitglieder in der Regel an jedem achten Wochenende Küchendienst oder reihum Reinigungsdienst haben, ist dies für manche eine willkommene Abwechslung.

Ökologie, für die meisten Politiker eine leere Worthülse, ist hier schon längst Alltag. Davon zeugen nicht nur die große Fotovoltaikanlage und Regenwasser für die WC-Spülung. Die Kommunarden teilen sich sieben Autos und zehn übertragbare Monatskarten für den Nahverkehr. In der Kommune betreut Thomas einen Fuhrpark aus Elektrofahrzeugen, der als Projekt in Zusammenarbeit mit zwei Hochschulen auch der Erforschung benzinfreier Mobilität dienen soll. Das gut erhaltene Parkett im Gemeinschaftsraum wurde bei der Renovierung der Kasseler Stadthalle ausrangiert. Das Holz für die Schreinerei kommt nicht aus fernen Tropen, sondern aus heimischen Wäldern. Reste aus der Holzverarbeitung ergänzen im Winter das eigene Blockheizkraftwerk. »Nicht verkaufte Lebensmittel aus dem Hofladen essen wir selbst«, sagt Astrid, »den gesellschaftlichen Irrsinn, dass 50 Prozent aller Lebensmittel und Speisen auf dem Müll landen, haben wir beseitigt.«

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