Der herausragende russische Revolutionär, Internationalist, Theoretiker und Schriftsteller Leo Trotzki (1878-1940) ist auch noch 70 Jahre nach seiner Ermordung durch Stalins Agenten in Mexiko Hassobjekt rechtskonservativer wie stalinistischer Ideologen und Historiker. Birgt doch sein Lebenswerk revolutionäres Potenzial auch gegen den nunmehr wieder global herrschenden Kapitalismus. Wohl wissend, welche Anziehungskraft das politische und theoretische Werk Trotzkis besitzt, organisieren jene vornehmlich in Krisenzeiten Diffamierungs- und Hetzkampagnen gegen ihn.
Es sei nur an die weltweite 68er Bewegung erinnert. James Burnham, ein ehemaliger Trotzki-Anhänger, der zum intellektuellen Paten des modernen amerikanischen Neokonservatismus mutierte, wusste sehr wohl vom subversiven Potenzial dieser sozialistischen Bewegung und machte dem einflussreichen Verlag Oxford Press den schweren Vorwurf, die Trotzki-Trilogie von Isaak Deutscher (1962) veröffentlicht zu haben. Diese habe in Großbritannien die wachsende Militanz der Arbeiter und die Radikalisierung der Jugend beeinflusst.
Die Angst vor dem Untoten erklärt, warum im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts einflussreiche Verlage (Routledge, Macmillan, Harvard University Press/USA) Trotzki-Biografien von Ian Thatcher (2003), Geoffrey Swain (2007) und Robert Service (2009) herausbrachten. Diese drei Historiker versuchen mit Verdrehungen, Verfälschungen und Verleumdungen – aus Stalins Fälscherwerkstatt sattsam bekannte Methoden – den russischen Revolutionär für immer ins Dunkel der Geschichte zurückzustoßen. Dabei scheuen sie nicht vor Lügen und antisemitischen Klischees zurück, wie David North in seinem brillanten Essay detailliert nachweist. Für ihn sind diese unseriösen Pamphlete auch Ausdruck intellektuellen Verfalls, des Verlusts von wissenschaftlicher Objektivität und Integrität.
Der Vorsitzende der Internationalen Redaktion der World Socialist Web Site geht in seiner neuesten Publikation der Frage nach, warum Trotzki vor allem von den Herrschenden des Landes, in dem er geboren worden ist und in dem er ein entscheidendes Jahrzehnt, das Dezennium nach dem großen Umbruch von 1917, mitgeprägt hat, bis heute nicht rehabilitiert ist. Sein Erbe wird in Russland weiterhin verschwiegen, verfälscht und unterdrückt. Dass Chruschtschow 1956 als erster von den sowjetischen Führern eine durchaus mutige Kritik an Stalin übte, aber in seiner selektiven Rehabilitierung vor allem Trotzki ausschloss, beweist: Stalins Erben waren an einer wirklichen und wahrhaften Entstalinisierung nicht interessiert und auch nicht fähig dazu.
Die ausgebliebene Rehabilitierung bestätigt die historische Bedeutung von Trotzkis grundlegenden alternativen Überlegungen über die Perspektive gesellschaftlicher Veränderungen in ehemals rückständigen Gesellschaften, vor allem seine Kritik an dem, was sich hinter dem Namen »Sozialismus« oder »Kommunismus« unter Stalin verbarg. Die »kollektiven« Führungen nach dessen Tod 1953 waren nicht gewillt, das sowjetische Herrschaftssystem bis in die Grundstrukturen zu reformieren. Ihnen ging es um Machterhalt und Sicherung der Privilegien der Nomenklatura. Daher musste das Imperium – wie Trotzki prophetisch vor-aussah – letztlich zerfallen.
Ich kann nicht beurteilen, ob Gorbatschow eine Rehabilitierung Trotzkis energisch verweigert hat, weil er um die subversive Sprengkraft des Ideenguts dieses Revolutionärs, Sozialisten und Internationalisten wusste. Jelzin und seine Nachfolger jedenfalls waren bzw. sind sich dessen wohl bewusst. Trotzki würde ihr kapitalistisches Aufbauwerk und ihr Buhlen um eine anerkannte Rolle im globalen Konzert der Apologeten des Kapitals nur stören.
Die heute Russland beherrschenden Politiker und Oligarchen können ihr Tun nicht historisch legitimieren. Die Revolution von 1917 ist von ihnen endgültig auf das Abstellgleis geschoben. Lenin und sein enger Mitstreiter Trotzki sollen aus dem öffentlichen Bewusstsein verbannt bleiben. Der einst alljährlich pompös begangene Revolutionstag ist mittlerweile gänzlich aus dem offiziellen Gedenkkalender in Russland gestrichen worden. In der heroischen Ahnengalerie wird nur noch »Väterchen« Stalin neben den neu aufgestellten Helden der Romanow-Dynastie geduldet.
David North: Verteidigung Leo Trotzkis. Mehring Verlag. 240 S., br., 14,90 €
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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