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Sabine Neubert
27.11.2010
Bücher zum Verschenken

Weide im Wind

Jodi Picoults Roman »Zerbrechlich«

Es gibt eine Art von Schmerz, die man einfach nicht laut ausdrücken kann«, heißt es an einer Stelle im Buch. Die Autorin versucht es trotzdem, und es gelingt ihr – einfach in der formalen Gestaltung, schlicht in der Umgangssprache, rar in der Thematik und ein bisschen zu einfach in der Lösung am Ende – vielleicht gerade deshalb ist das Buch nachdenkenswert.

Wer oder was ist schon perfekt? Willow zum Beispiel. Willow ist ein ungewöhnlicher Name für ein Mädchen. Willow heißt »Weide« (und vielleicht steckt in dem Namen auch »will« – »Wille«). Willow ist äußerlich perfekt und makellos, als sie während eines Sturms auf die Welt kommt, und ihre Mutter Charlotte gibt ihr diesen Namen, denn – »Weiden trauern«, Weidenzweige biegen sich und brechen im Sturm. Willow ist ein von ihren Eltern lange ersehntes, ein ungewöhnliches Kind. Sie ist zerbrechlich wie Glas, wie Eis auf dem See, wie Glück, wie Leben, wie das Herz eines Menschen. Zwei Monate vor der Geburt haben die Eltern, Charlotte und Sean, erfahren, dass ihr Kind mit OI, Osteogenesis imperfecta, der so genannten Glasknochenkrankheit, zur Welt kommen und dass diese Krankheit ihr ganzes Leben verändern würde. Schon gleich nach der Geburt hat das Kind sieben Brüche, die bereits verheilen, und vier neue, die bandagiert werden müssen.

Im Laufe des Lebens werden Hunderte von Brüchen hinzukommen. Willows Körper wird später klein und deformiert sein, sie wird nie wie andere Kinder laufen und spielen können, sie wird oft in Krankenhäusern sein müssen und Hilfsmittel wie Rollstühle brauchen, vor allem aber lebenslange Betreuung. »Wichtig war nur noch eins«, sagt Charlotte, »dass du überhaupt am Leben warst.« Sie und ihr Mann Sean lieben Willow über alles. Willow entwickelt sich zu einem sehr klugen Kind.

Charlotte gibt ihren Beruf einer Konditorin auf. Sean, ein erfahrener und zuverlässiger Polizist, arbeitet so viel wie möglich, um Geld heranzuschaffen, und auch die ältere Tochter Amelia steckt Wünsche zurück. Nur ein einziges Mal beschließen sie, alle zusammen nach Disney World zu fahren. Was gemeinsamer Spaß werden sollte, wird zum Desaster. Aber dadurch geraten die Eltern an die Anwältin Marin und durch sie an die Möglichkeit, Willows Zukunft finanziell zu sichern. Marin schlägt ihnen nämlich vor, gegen Charlottes Freundin, die Frauenärztin Piper, wegen unterlassener Information während der Schwangerschaft und einer »ungewollten Geburt« zu klagen. Im Klartext heißt das: Willow mit ihrer Krankheit ist ein ungewolltes Kind.

Lüge oder nicht, es ist mehr als bitter für alle Beteiligten. Aber was ist Lüge, was ist Wahrheit? Die Chance, den Prozess zu gewinnen, ist groß, sagt Marin. Eine Versicherung wird die Schadenersatzsumme für die Ärztin zahlen. Charlotte entscheidet sich für die Klage und zieht ihre einmal getroffene Entscheidung durch, auch als alles um sie herum ruiniert wird, ihre Freundschaft, ihre Ehe, ihre Familie. Die ältere Tochter wird krank, die Medien stürzen sich auf sie, die Öffentlichkeit bewirft sie mit Schmutz. Es gibt eine Gerichtsentscheidung am Ende, doch alle Fragen nach Schuld, Verantwortung oder Entscheidungsmöglichkeiten bleiben offen. Sie sind nicht zu beantworten.

Charlotte ist Konditorin. Die Autorin hat jedem Kapitel des Romans Torten- oder Süßspeisenrezepte hinzugefügt, als könnte sich durch »Verzuckern« der Schmerz mindern, der das Buch durchzieht.

Jodi Picoult: Zerbrechlich. Roman. A. d. Am. v. Rainer Schumacher. Ehrenwirth. 624 S., geb., 19,99 €

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