Irmtraud Gutschke
27.11.2010
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Glück? Zufriedenheit?

Ursula von Arx und das »gute Leben«

Ich fing an, über Glück nachzudenken, als mir gekündigt wurde und ich entsprechend unglücklich war« – mit diesem Bekenntnis nimmt die Autorin sofort für sich ein. Sie wird uns nicht auf die Nerven gehen mit wohlfeilen Ratschlägen, wird uns nicht einreden wollen, dass Glücklichsein spielend gelänge, wenn man es nur will. Am Schluss ist sie – sind wir – vielleicht um ein Winziges klüger (wer kann das schon messen?), aber jeder wird wohl seine Wege selber suchen müssen.

Zwanzig Leuten hat Ursula von Arx Fragen nach ihrem Leben gestellt – beginnend mit der berühmten Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich, 93 Jahre alt, endend mit der 15-jährigen Schülerin Sophie Bruderer, die Esssucht und Magersucht hinter sich hat, also einige bedrückende Erfahrungen mit sich selbst, und die vielleicht gerade deshalb ins Nachdenken kam, wer sie ist und wer sie sein will. Aber ganz sicher ist sie in der Überzeugung: »Wozu sonst ist man auf der Welt, wenn nicht fürs Glück?«

Da haben jeweils zwei sehr vertraut miteinander gesprochen – Ursula von Arx ist es immer wieder gelungen, diese Vertrautheit herzustellen –, und der Leser ist sozusagen als Dritter dabei, prüft sich selbst, welche Aussagen zu ihm passen und welche nicht. Denken und Erkennen als Elixier (Margarete Mitscherlich)? Das Böse akzeptieren wie ein uneheliches Kind (Tomi Ungerer)? Gutes tun und sich selbst vergessen (Günter Wallraff)? Aus Schmerz Freude wachsen lassen (Anselm Grün)? Oder sich einfach nur auf Trab halten, wie es Pia von Arx, die Mutter der Autorin, tut? Daniel Cohn-Bendit präsentiert sich als sonniges Gemüt, Blixa Bargeld als Trickster. Die Schriftstellerin Catherine Millet sagt, sie habe mit mehr als 1000 Männern geschlafen, die Putzfrau Franziska Jacques hat immer wieder Pech in der Liebe gehabt und spricht von der »Hoffnung auf Seligkeit«. »Für ein gutes Leben muss man auch Dinge tun, die man nicht gern tut«, sagt die Geigerin Julia Fischer.

Offen und immer wieder voller Neugier tritt Ursula von Arx ihren Gesprächspartnern entgegen. Sie hat ihre eigene Situation im Hinterkopf und will von ihnen lernen. Das wird auch oft geschehen sein, aber was ihr zuteil wird, kann sie auch vergelten. Den einen – den Prominenten – hilft sie, sich darzustellen, den anderen gibt sie (vielleicht erstmals) die Möglichkeit, ihre Wirklichkeit und ihre Träume zu erkunden und zu formulieren. Gabe und Gegengabe.

Es ist ein gutes Buch geworden, weil Ursula von Arx die Arbeit daran auch für sich selber brauchte. Also ist es auch für andere von Belang.

Ursula von Arx: Ein gutes Leben. 20 Begegnungen mit dem Glück. Kein & Aber. 223 S., geb., 18,90 €

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