01.12.2010

Aus wenig Geld das Beste machen

Finanzen - Teil 19 - Riester-Rente ist beim Sparen die Nummer 1 Richtig »riestern« und nichts verschenken – im Betrieb

Millionen Bundesbürger sorgen mit einem Riester-Vertrag für das Alter vor. Doch verschenken viele Anleger bares Geld, weil sie Zulagen nicht beantragen oder hohe Abschlussprovisionen bezahlen. Abhilfe verspricht die betriebliche Altersvorsorge.
Riestern kann sich auch für Sie lohnen. Der Staat fördert die private Altersvorsorge mit hohen Prämien, die noch üppiger ausfallen als beim vermögensbildenden Sparen, das wir im vorherigen Teil unserer Serie vorstellten. Schon deshalb sind »Riester«, »Rürup« oder die betriebliche Altersvorsorge die wohl beste Geldanlage für Sparer, die aus wenig Geld das Beste machen wollen.

Bei Hartz IV nicht angerechnet

Zudem sind Riester-Produkte eine sichere Geldanlage, und es gibt kein Problem mit Hartz IV. Alle Einzahlungen in staatlich geförderte Altersvorsorgemodelle sind Hartz-IV-geschützt. Sie werden also beim Bezug von Arbeitslosengeld II nicht angerechnet.

Millionen Anleger in Deutschland sorgen mit einem Riester-Vertrag für das Alter vor. »So weit – so gut«, sagt ein erfahrener Finanzvermittler, »doch wie man das Riester-Prinzip zum eigenen Vorteil nutzt, wissen viele nicht.« So verschenken Anleger Renditen, weil sie Zulagen nicht beantragen oder weil sie hohe Abschlussprovisionen zahlen. Es sollen auch Fälle vorgekommen sein, wo Beiträge, die für eine maximale Förderung nötig sind, aufgrund von Fehlinformationen falsch berechnet wurden.

Dabei ist das Prinzip einfach: Wer mit einem Riester-Produkt für die private Rente spart, wird mit Zulagen und steuerlichen Vorteilen belohnt. Bis zu 154 Euro jährlich sowie weitere Zuschüsse für Kinder bekommen Anleger vom Staat geschenkt, wenn sie entsprechende Beiträge selber einzahlen.

Aber schon hier versteckt sich ein verbreiteter Irrtum: »Sogar in Fachmedien wird häufig berichtet, dass Anleger vier Prozent ihres beitragspflichtigen Jahreseinkommens einzahlen müssen, um

die maximale Förderung zu erhalten«, beklagt Uwe Lange, Geschäftsführer des Finanzdienstleisters AVL aus Weinheim an der Bergstraße. Was dabei vergessen wird: Von diesem Betrag können die staatlichen Prämien, die man erhält, abgezogen werden.

Doch auf dem Weg zur privaten Altersvorsorge liegen noch weitere Stolpersteine. Und die haben durchaus Tradition.

Älter als Bismarck und besser

Die Rente hat ihre eigene Geschichte. Wenn Sie jetzt an Reichskanzler Otto von Bismarck denken, liegen Sie genau richtig – und doch ein wenig daneben. Der Eiserne Kanzler gilt als einer der Väter der gesetzlichen Rentenversicherung. 1889 kann er sich im Reichstag mit dem »Gesetz zur Alters- und Invaliditätssicherung« knapp durchsetzen – mit 165 gegen 145

Stimmen. Für Bismarck war die Sozialversicherung Teil seines Kampfes gegen die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften, die weitergehende Vorstellungen hatten.

Doch eine weit längere Tradition als die »Gesetzliche« hat die

betriebliche Altersvorsorge zu bieten. Viele Firmen richteten schon Mitte des 19. Jahrhunderts Hilfs- und Unterstützungskassen ein. Auch, um Beschäftigte stärker an den Betrieb zu binden. Heute haben alle rentenversicherungspflichtigen Arbeitnehmer das Recht auf Entgeltumwandlung zu Gunsten einer betrieblichen Altersvorsorge (bAV).

Die Rente ist dadurch ein Pflichtthema für jeden »Arbeitgeber« und jeden »Arbeitnehmer«.

Fünf Wege stehen Firmen zur Auswahl: Da wäre zunächst die klassische Direktzusage, die auf einer Zweierbeziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer beruht. Außerdem kann zwischen Pensionskasse, Unterstützungskasse, Pensionszusage und Pensionsfonds gewählt werden. Sie begründen eine Dreierbeziehung.

Die betriebliche Altersvorsorge wird über einen externen Versorgungsträger quasi ausgelagert.

Unterschiede betriebswirtschaftlich-steuerlich

»Die wesentlichen Unterschiede zwischen den Durchführungswegen«, so die Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersvorsorge (ABA), »sind nicht arbeitsrechtlich, sondern betriebswirtschaftlich-steuerlich.«

Die Wahl trifft das Unternehmen und sollte sich daher an den Bedürfnissen des einzelnen Unternehmens orientieren. Erste Anlaufstelle für Arbeitgeber sind hier Innungen, Fachverbände und der Steuerberater.

Nach der Wiedervereinigung 1990 war die Zahl der Betriebe und Beschäftigten, die auf eine Betriebsrente setzten, im Westen deutlich zurückgegangen. Eine Reform schien politisch dringend geboten, um die zweite Rentensäule zu retten. Bis dahin lag die Entscheidung, ob ein Betrieb seinen Beschäftigten eine Altersvorsorge anbietet, allein beim Arbeitgeber.

Das änderte sich durch die Rentenreform entscheidend: Seit 2002 hat jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer einen Anspruch darauf, Teile des Gehalts steuer- und abgabenfrei in eine betriebliche Altersvorsorge einzuzahlen.

Seither haben sich externe Betriebsrenten auch durch eine Vielzahl von tariflichen und betrieblichen Vereinbarungen, etwa in den Branchen Elektro und Bau, zu einer starken zweiten Säule der Altersvorsorge ausgewachsen. Über 15 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte besitzen heute eine Anwartschaft auf betriebliche Altersversorgung. Jeder Zweite. Das heißt aber auch: Jeder zweite Arbeitnehmer arbeitet noch ohne.

Kostensenkung und Mitarbeitermotivation – Mehrwert für Firmen

Die Rentenreform 2002 hatte zunächst Betriebe und Beschäftigte massenhaft in die bAV getrieben. Doch der große Run ist vorbei. Michael Delmhorst von der Soka-Bau, einer Einrichtung der Tarifvertragsparteien der Bauwirtschaft: »Die ersten Jahre lief es flott. Jetzt muss man um jeden Kunden kämpfen.« Studien zeigen, vor allem Jugendliche und die U30-Jahrgänge haben die Rente nur selten im Fokus ihrer Lebensplanung.

Viele Betriebe und Beschäftigte fühlen sich zudem von den Anbietern mangelhaft informiert. Branchenprimus Generali sieht daher ungenutzte Chancen vor allem in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Und zwar auch im Sinne des Kapitals: Die bAV bringt Unternehmen »Kostensenkung und Mitarbeitermotivation«, versichert ein Generali-Sprecher. Die Lohnnebenkosten sinken und das Unternehmen gewinnt zusätzlichen Handlungsspielraum.

Begünstigt wird die externe bAV gegenüber einer unmittelbaren Versorgungszusage des Arbeitgebers an die Arbeitnehmer durch das neue Bilanzierungsmodernisierungsgesetz, das im Januar 2010 in Kraft trat. Zudem ist die externe bAV für Betriebe einfacher zu handhaben als die interne Direktzusage mit Pensionsrückstellung.

Und es gibt noch einen weichen Mehrwert, den die bAV für Firmen bietet. Angesichts des demografischen Wandels wird eine einträgliche Betriebsrente zum wichtigen Argument bei der Gewinnung von Fach- und Führungskräften. Die Berater von Kienbaum empfehlen Unternehmern denn auch »die Einbettung der betrieblichen Vorsorge in eine moderne Gesamtvergütungsstrategie«.

Betrieblich oder privat?

Grundsätzlich ist die betriebliche Altersvorsorge seit der Rentenreform 2002 der privaten gleich- gestellt. Steuerermäßigungen und staatliche Zulagen gibt es für beide Varianten reichlich: Rund die Hälfte der Beiträge steuert der Staat bei. Und bei der Sicherheit gibt es keine Abstriche. Das zeigte sich in der Wirtschaftskrise 2008/2009, als der Pensions-Sicherungs-Verein alle Renten von Pleitefirmen garantierte. Dieser Insolvenzschutz, betont ABA-Vorstandsvorsitzender Boy-Jürgen Andresen, »gilt als international beispielhaft«. Für die betriebliche Altersvorsorge spricht dann die »Transparenz«, lobt die Kölner Pensionskasse.

Umstritten ist dadurch die Rolle der Aktie. Während die Kölner Pensionskasse der Sicherheit »höchste Priorität« einräumt und Risiken meidet, setzt die Gothaer Versicherung stärker auf »die Chancen des Kapitalmarktes«. Hohe Aktienkurse sollen an die Versicherten weitergereicht, Kursverluste von der Gothaer gedeckelt werden.

Pensionskassen und Lebensversicherer setzen ebenfalls auf Aktien und Wertpapiere. Dabei unterliegen sie jedoch strikten gesetzlichen Anlagevorschriften, die beispielsweise den Aktienanteil eng begrenzen.

Nachhaltige Geldanlagen gewinnen an Bedeutung

Dagegen werden nachhaltige Geldanlagen zukünftig eine größere Rolle spielen. Experten gehen davon aus, dass unter dem Druck der öffentlichen Meinung immer öfter »grüne« Kriterien angelegt werden.

Auch Beschäftigte schneiden im Regelfall mit einer Betrieblichen besser ab, als wenn sie privat riestern. Ein Grund sind die niedrigeren Kosten für eine Gruppenversicherung. Ein Kostenvorteil, welche Versicherer und Pensionsfonds teilweise an ihre Kunden weiterreichen. Arbeitgeber können sogar ab zehn Vertragsabschlüssen noch zusätzliche Rabatte mit dem Finanzdienstleister aushandeln und diese an ihre Beschäftigten weiterreichen.

Das weiß auch die Verbraucherzentrale NRW: »Weil betriebliche Lösungen oft günstiger kommen als die Privatvorsorge auf eigene Faust, nutzen auch immer mehr Beschäftigte diese Chance.«

Mittlerweile gilt das Thema ebenfalls in Brüssel als brisant. Die Europäische Kommission veröffentlichte kürzlich ihr Grünbuch »Angemessene, nachhaltige und sichere europäische Pensions- und Rentensysteme«. Noch bis November konnte auf einer Internetseite der EU mitdiskutiert werden. 2011 werden dann Ergebnisse vorgelegt.

Generationenvertrag verlangt seinen Preis

In wenigen Jahren gehen die ersten geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Spätestens dann kommt die Renten-Wahrheit ans Licht: Eine immer kleinere Zahl Beschäftigter muss fortan für eine immer größere Zahl älterer Menschen finanziell aufkommen. Der Generationenvertrag á la Kanzler Bismarck verlangt seinen Preis: Nach Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung wird die durchschnittliche Rente im Jahr 2030 nur noch 52 Prozent des letzten Nettolohnes erreichen. Wem das zu wenig ist, der muss über das Riestern nachdenken.

HERMANNUS PFEIFFER

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