01.12.2010

Zauber der Offenheit

Achmadulina tot

Ich möchte nie irgendwelche Geheimnisse haben vor den Menschen, und vor allem nicht vor jenen, die Gedichte lesen und hören«, so hatte sie einst eine Lesung im sowjetischen Fernsehen begonnen. Bella Achmadulina, die berühmte »poetessa«, war ein Star unter den sowjetischen Dichtern. Am Montag ist sie im Alter von 73 Jahren in ihrem Haus in Peredelkino gestorben. Der russische Staatspräsident Dmitri Medwedew kondolierte.

Geboren 1937, mitten in der kältesten Stalin-Zeit, kam ihr Ruhm mit dem »Tauwetter«. Noch vor Beendigung ihres Studiums am Gorki-Literaturinstitut in Moskau fand sie Ende der 50er Jahre Anschluss an eine Gruppe von Lyrikern – Jewgeni Jewtuschenko (dessen erste Ehefrau sie wurde), Robert Roshdestwenski, Andrej Wosnessenski waren dabei. Unter ihnen, die man die »zornigen jungen Dichter« nennen würde, war sie, das bezaubernde, zarte Mädchen, wie von einer Aureole umgeben. Dem herausfordernden Impetus ihrer Kollegen setzte sie ihre leise Stimme entgegen – nein, nicht entgegen, sie waren gewissermaßen ein Ensemble. Wenn andere für das große Ganze standen, kam ihr die Rolle zu, das Alltägliche zu beseelen, mit dem einfachen, einwandfrei gewählten russischen Wort. Sich schutzlos zu machen, indem sie von sich selber sprach, und dadurch dem Publikum zu offenbaren, welcher Zauber, welche Macht der Offenheit innewohnt.

Das Publikum: Nie war Lyrik so populär gewesen wie damals. Konzertsäle reichten nicht; für die jungen Dichter mussten es Sportstadien sein. Dort sprach sie von ihrem Glauben »an die sittliche Kraft des Wortes«. Vorbei. Neun Gedichtbände von 1962 bis 1997 (fast alle ins Deutsche übersetzt), vielbeachtete Essays über Puschkin und Lermontow und eine lebende Legende bis zuletzt. Nicht vergessen sei ihr, wie sie sich in der Breshnew-Ära, die das »Tauwetter« beendete, für verfolgte Kollegen einsetzte. Aber sie muss unter der Klimaveränderung gelitten haben. Lyrik füllt heute – auch in Moskau – keine Stadien mehr.

Irmtraud Gutschke

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