»Wir sind zu jung to Rock'n Roll« sangen Kraftklub am Sonntagabend in der ausverkauften C-Halle in Berlin – und führten die Behauptung postwendend ad absurdum. Als Vorband zum Konzert von Fettes Brot hatten sie kein Problem, das Publikum in knappen dreißig Minuten in Stimmung zu bringen. Kraftklub kommen aus Karl-Marx-Stadt (Chemnitz sei doch ein blöder Name, verkündet der Sänger der »schönsten Band der Welt«) und ernteten gekleidet in schwarz-weiße Sportjacken und Hornbrillen auch mit Songs wie »Ich will nicht nach Berlin« Applaus und Jubel.
Danach die leidige Umbaupause und warten vor der leeren Bühne. Währenddessen bemängeln die einen die Enge der Columbiahalle, »O2-Arena wär' schon besser gewesen«, und die anderen freuen sich, dass Fettes Brot mal wieder ein Clubkonzert geben. Schließlich wird das Konzert eröffnet mit einem soundgewaltigen Intro von Band und Bläsern, König Boris, Doktor Renz und Schiffmeister (a.k.a. Björn Beton) werden per Leuchtschrift eingezählt: »Een, twej, een, twej, drej«. Los geht's mit »Nordisch by Nature«.
Im Stroboskoplichtgewitter und in allen Farben untermalt via kakelbunter Lichtwand servieren die Brote einen Song nach dem anderen. Nicht nur die bekannten Klassiker wie »Jein«, »Emanuela«, und »An Tagen wie diesen« bekommen dabei durch den Einsatz der Blechbläser an Trompeten und Saxofon ein neues, komplexes Tonbett. Auch die jenseits der eingeschworenen Fangemeinde eher unbekannten Stücke begeistern durch die erweiterte Vertonung.
Zwischen den Songs hier und da ein wenig Geplänkel, die Brote sind gut gelaunt und redselig. Per Sprechchor wird ein bisschen gegen andere Musiker geätzt (»Die Ärzte?« – »Nie gehört!«, »Dendemann?« – »Nie gehört!« usw.), das Publikum schmettert die eingeübten Phrasen begeistert zurück.
Ihre Website haben Fettes Brot an die Fans verschenkt, dort finden sich zur Zeit statt Tour- und Bandinfos Einträge von Fans in orange und blau. Noch bis zum 9. Dezember läuft die Aktion, deren Ankündigung gemeinsam mit der Info, man wolle demnächst keine Konzerte mehr geben, vor einigen Wochen in die Welt gesetzt wurde.
Das Publikum bestand zum nicht unwesentlichen Teil aus Leuten, die Fettes Brot zum ersten Mal live sahen, wie König Boris erfragte. »Es fallen doch immer wieder Leute auf uns rein«, war sein trockener Kommentar. Das Konzert in der ehemaligen Columbiahalle war Gottseidank kein Reinfall. Auch wenn sich die Hip-Hopper für einen Sonntagabend schon pünktlich nach 75 Minuten in die erste Zugabenrunde verabschiedeten, gaben sie mit »Schwule Mädchen« und anderen Stücken noch mal richtig Gas. Sowohl der Raum vor der Bühne, als auch die Ränge der C-Halle waren bis auf den letzten Platz besetzt. Egal wie eng der Tourplan der Brote auch ist, wie oft sie ihre Setlist runterrocken, die intime Atmosphäre eines Clubkonzerts sorgte für gute Stimmung von ersten Song der Vorband bis zum Ende der letzten Zugabe. Solch ein Konzert wäre in der O2-Arena mitnichten möglich gewesen.
Lediglich all die dicht an dicht erhobenen Handys und Digitalkameras im Aufnahmemodus hätte es vermutlich in einiger Entfernung zur Bühne einer wesentlich größeren Halle nicht gegeben. Wäre doch schön, wenn jene Fans das Konzert genießen würden, anstatt wacklige Filmchen oder scheppernde Tonaufnahmen zu produzieren.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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