Von Martin Mund
09.12.2010

Wie ist das alles imposant!

»An der Saale hellem Strande – Ein Kulturhaus erzählt« von Peter Goedel

Herr Kohl, ruft ein Mann in breitestem Anhaltinisch, komm'se mal, ich möchte Ihnen die Hand schütteln! Eine Szene aus dem Jahre 1990, als der Bundeskanzler auch das mitteldeutsche Chemiedreieck besuchte und den Arbeitern versprach, die »Zukunft für die Region sichern« zu helfen. Peter Goedel setzt diese Worte an den Anfang seines Films »An der Saale hellem Strande«, konterkariert sie aber mit Bildern des Abbruchs: In den Schkopauer Buna-Werken zum Beispiel sank die Zahl der Arbeitsplätze schlagartig von 19 000 auf 2600; Betriebsanlagen wurden gesprengt, große Teile der klassischen Industrielandschaft verschwanden.

Goedel und seine Co-Autorin Helga Storck halten sich freilich nicht lange bei den Geschehnissen am Ende der DDR auf; erst ganz zum Schluss schließt sich dieser knappe Rahmen. Dazwischen, fast anderthalb Stunden lang, tauchen sie in die filmisch bisher noch nie erzählte Geschichte des Schkopauer »Hauses der Freundschaft« ein, das 1952 auf Geheiß sowjetischer Offiziere erbaut wurde und zu den mehr als tausend Kulturhäusern zählte, die vor allem in den 1950er Jahren in DDR-Industriegebieten und auf dem Land errichtet wurden. Goedel nennt diese flächendeckende Anstrengung ein »Kulturwunder«, vergleichbar mit dem »Wirtschaftswunder« im Westen. Dass in heutigen Medien über das Wirtschaftswunder viel, über das Kulturwunder aber wenig zu lesen und zu hören ist, hat den 1961 aus der DDR in die BRD übergesiedelten Regisseur heftig gewurmt; und dass sich der Mitteldeutsche Rundfunk als »zuständiger« Sender seinem Schkeuditz-Projekt verweigerte, noch mehr. Goedel: »Selbst Spuren positiver Erinnerungen an die DDR-Vergangenheit waren verdächtig und wurden als Thema abgelehnt.« Partner für den Film fand der Regisseur schließlich beim Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und, kaum zu glauben, beim Bayerischen Rundfunk.

Das Kulturhaus in Schkopau war über drei Jahrzehnte Heimstatt vieler Laienzirkel, von Chören über Tanzgruppen, Film- und Fotozirkel bis zu bildenden Künstlern. Ehemalige Mitarbeiter des Hauses und Mitglieder der Arbeitsgemeinschaften erinnern sich, fast ausschließlich wohlwollend: Das Haus war ihnen eine Art Heimstatt, auch wenn sie gelegentlich ein propagandistisches Ballett tanzen oder ein Kampflied singen mussten. Man erfährt, wie offiziell vorgegebene Themen unterlaufen wurden: Die Laienfotografen sollten zwar »Kampf um Karbid« gestalten, aber sie nutzten den Auftrag, um über Menschen an ihrem Arbeitsplatz, die zunehmend verrottende Umwelt zu erzählen, auch die Müdigkeit im Blick des Einzelnen zu zeigen.

»An der Saale hellem Strande« berichtet nicht nur über die kulturellen Aktivitäten von Arbeitern, sondern erinnert auch an das, was der Staat ihnen an Hochkultur zubilligte. Kaum zu glauben, wer in Schkopau alles auftrat: Marcel Marceau und das Königlich-Schwedische Ballett, Helene Weigel mit ihrem Berliner Ensemble und Walter Felsenstein, der während eines Umbaus der Komischen Oper das Schkopauer Haus als Ausweichspielstätte nutzte. Zitate aus klassischen Aufführungen, die hier zu sehen waren, werden von Goedel als Metaphern genutzt: wenn Hanns Nocker in »Hoffmanns Erzählungen« das Lied anstimmt, »Wie ist das alles imposant«, meint das im Gefüge des Films auch das Schkopauer Haus selbst. An manchen Stellen wird der freundliche Rückblick aber auch gebrochen: Hans Bentzien beispielsweise, ehemaliger DDR-Kulturminister, weist zu Recht darauf hin, dass das Kulturwunder im Grunde schon in den 1970er Jahren passé war: Honeckers »Brot und Spiele« hätten zunehmend ein Niveau bekommen, »dass du daran eingehst, geistig«.

Heute ist das Kulturhaus eine Ruine. Dass der Film noch einmal dessen alte Größe beschwört, ohne dem seit zwei Jahrzehnten herrschenden Zeitgeist zu huldigen und sich a priori spöttischer Distanz in Sachen DDR zu befleißigen, macht ihn sympathisch und wichtig.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken