Von Bernd Kammer
18.12.2010

Fahrplan wird Makulatur

S-Bahn auf dem Tiefpunkt: Jeder fünfte Zug kommt verspätet / VBB fordert weitere Entschädigung

Gestern war erneut so ein Tag, der S-Bahn-Fahrgäste zur Verzweiflung bringen konnte: Es schneite, und die Bahnen waren wieder nach dem Zufallsprinzip unterwegs. In Zahlen sah das so aus: Lediglich 377 Viertelzüge, bestehend aus je zwei Wagen, waren im Einsatz, 57 weniger, als es der bis zum Wintereinbruch geltende Notfahrplan vorsah, und sogar 185 weniger, als es nach dem Normalfahrplan sein müssten. Damit konnte die S-Bahn gestern ihre im Verkehrsvertrag festgeschriebene Leistung nur zu 67 Prozent erfüllen, wie der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) auflistete.

Damit bringe ein normaler Winter bereits zum dritten Mal in Folge solche Belastungen für die Fahrgäste, konstatierte VBB-Chef Hans-Werner Franz. Für ihn ist klar: »Der rigorose Sparkurs hat das Unternehmen in die Sackgasse fahren lassen, einen Ausweg findet es sei seit zwei Jahren nicht«. Die Krise hat bereits im Jahr 2007 begonnen. Damals sackten die Pünktlichkeitswerte der S-Bahn erstmals deutlich ab, um dann 2009 von 92 auf 81 Prozent in den Keller zu rauschen. In diesem Jahr ist der nächste Tiefpunkt mit 79 Prozent erreicht. Das bedeutet, dass jede fünfte S-Bahn mehr als drei Minuten zu spät war.

Ganz schlimm kam es mit dem Wintereinbruch am 2. Dezember. Seitdem kamen rund 8400 Züge verspätet, 5900 fielen aus. Am 15. Dezember war nicht einmal jeder zweite Zug pünktlich. Nur 56 bis 72 Prozent der Züge konnten in dieser Zeit überhaupt eingesetzt werden. »Die Bahn hat die Krise nicht wirklich analysiert, sondern nur über die Symptome geredet und die finanziellen Dinge nicht hinter die Qualität gestellt«, platzte dem VBB-Chef der Kragen. So habe es bis Oktober gedauert, bis der Bahnkonzern die Mittel für die Reaktivierung der Werkstatt Friedrichsfelde freigab. Die Mängel in der Vorbeugung und Instandhaltung seien hausgemacht. Die S-Bahn arbeite weder beim Fahrzeugpark, beim Personal noch bei den Werkstattkapazitäten mit ausreichend Reserven. Auch die Bahntochter DB Netz habe viel zu wenig Leute zum Räumen der Weichen eingesetzt.

»Der integrierte Bahnkonzern ist mit seinen Töchtern offenbar nicht mehr in der Lage, das S-Bahn-System zufriedenstellend zu betreiben«, lautete die Generalkritik des VBB-Geschäftsführers. Die »Börsenstory« der DB-AG müsse durch die Politik endgültig gestoppt werden, forderte er, aber die Reaktion des Eigentümers Bund auf die S-Bahn-Krise sei bisher enttäuschend.

Klar ist für Franz, dass es für das neuerliche Winterchaos weitere Entschädigungen für die Fahrgäste geben muss. Denn die im November und Dezember gewährten Entschädigungen konnten ja nicht wie geplant genutzt werden. Das sei auch der bessere Weg, den Verursacher der Krise zur Kasse zu bitten, als etwa die für den 1. Januar geplanten Fahrpreiserhöhungen zu verschieben. Das sei bereits im vergangenen Winter passiert.

Übrigens fährt auch der Regionalverkehr in Berlin und Brandenburg immer unpünktlicher. Nur 90 Prozent der Züge waren 2010 nach Fahrplan unterwegs, bei der Bahntochter DB-Regio sogar nur 87 Prozent.