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Von Peter Kirschey
22.12.2010

Nach dem Döneressen verhaftet

Berliner Staatsanwaltschaft erhob 100 Anklagen wegen der Mai-Krawalle

Keine Chance für Timo-Romano, mit einem Freispruch aus der Sache rauszukommen. Der 20-Jährige ist zu groß, zu füllig, als dass sein Tun im Trubel untergegangen wäre. So ein wandelnder Fleischberg, schwarz vermummt, zieht die Blicke auf sich, wenn er sich nur einen Millimeter bewegt.

Und bewegt hat sich der junge Mann, der nach vergeblichem Versuch, eine Lehrstelle zu ergattern, erneut die Schulbank drückt, in den Abendstunden des 1. Mai mehr als genug. Mindestens zwei Glasflaschen soll er aus einer Menge heraus gegen eine Polizeikette in Kreuzberg geschleudert haben, eine zerschellte am Helm eines Uniformierten. Dann schob er noch einen Chinaböller hinterher, sammelte eine Gehwegplatte auf, übergab sie seinem Kumpel, der sich im einhändigen Stoßen übte, aber kläglich scheiterte. Das ist ein besonders schwerer Fall von Landfriedensbruch und eine versuchte gefährliche Körperverletzung, sagt die Staatsanwaltschaft. Timo-Romano schweigt, doch das wird ihm wenig helfen.

Denn er wurde genau beobachtet. Unter den Demonstranten befindet sich stets eine nicht geringe Zahl unauffällig und szenetypisch gekleideter Herren mit Beamtenstatus. Einer von ihnen sagte gestern aus. Der 39-jährige Jörn habe Timo-Romano von Anfang an im Blick gehabt und jede seiner Bewegungen genau verfolgt. Seine Aufgabe war es nicht, Straftaten zu verhindern, sondern solche zu beobachten. Nachdem er den Jungen in seinem Fadenkreuz hatte, ließ er ihn nicht mehr aus den Augen. Selbst als sich Timo-Romano längst in Sicherheit wähnte und in einer fernen Dönerbude neue Kraft tanken wollte, lasteten auf ihm die verdeckten Polizistenblicke. Deshalb muss er mit einer Gefängnisstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden wird, rechnen.

Timo-Romano ist nicht der einzige, der in dieser Woche wegen Mai-Gewalt angeklagt ist. Insgesamt drei Prozesse beschäftigen sich mit Würfen, Tritten und polizeifeindlicher Brüllerei. Damit wird die Berliner Staatsanwaltschaft bis Jahresende nicht alle Fälle abarbeiten können und einige mit ins nächste Jahr nehmen, erklärte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Insgesamt 100 Anklagen wurden bisher erhoben, 20 Mal verschickte die Staatsanwaltschaft Strafbefehle. In einem Fall gab es eine Anklage gegen einen Polizisten wegen einer Gewalttat im Amt. Über die Höhe der Strafen, die Anzahl der Freisprüche gibt es keine Angaben.

Deutlich für Prozessbeobachter wurde bei den Verfahren 2010: Die Anklagen werden schärfer und die Strafen fallen bei einer Verurteilung höher aus. Waren es in den letzten Jahren mehrheitlich Geldstrafen, so lauert nun die Haft auf Bewährung. In einem Fall wurde sogar Anklage wegen versuchten Mordes erhoben, im Urteil jedoch so nicht bestätigt. Wer künftig auf Polizisten losgeht, muss mit einer wesentlich härterer Gangart rechnen.

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