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Von Irmtraud Gutschke
05.01.2011

Geburt und Tod und die Zwischenzeit

Im Gedenken an die große deutsche Dichterin Eva Strittmatter

Bild 1

Das Freizeichen am Telefon – am anderen Ende ein Klingeln ins Leere. Angst, die man schnell verscheucht. Noch nicht. – »Meine Liebe«, hatte sie gesagt, »ruf mich am Montag an, da bereden wir, wann du mich besuchst.« Wir hatten uns lange nicht gesehen. Einige Monate war sie schon von Schulzenhof fort, hatte in verschiedenen Krankhäusern gelegen. Operation, künstliches Koma. Reha-Kur und dann, etwas stabilisiert, ein Pflegeheim in Berlin, wo man mir nach vergeblichen Anrufen sagte, dass sie wieder im Krankenhaus war. Würde ich sie also dort besuchen.

Bild 2
Landschaft um Schulzenhof, wo viele Gedichte entstanden.

Zu spät. Montagnacht ist Eva Strittmatter entschlafen. Ich werde sie nie mehr wiedersehen.

Fotostrecke: Die Dichterin Eva Strittmatter - Bilder aus ihrem Leben

Sie war eine alte Frau, die schon lange darunter litt, so gesundheitlich angegriffen zu sein. Doch bis zuletzt, das weiß ich, war in ihr auch die Junge, die Träumende, die Sehnende, die ihre Züge ins Mädchenhafte verwandeln konnte. Und auch das Kind war in ihr, das an der Hand des Vaters hüpfte und lebensfroh den ersten Reim zusammenbrachte: »Fräulein Tongtong hat ein Pongpong, geht sie weg, liegt er im Dreck.« Das Kind, das so offen war für Eindrücke und voller Lust die Welt förmlich an sich riss. Das gehörte zum Zauber der Eva Strittmatter: gleichzeitig verschiedene Lebensalter verkörpern zu können.

Einen Zauber, ja, den hatte sie. »Meine Träume kennst du nicht./ Meinen Namen nennst du nicht./ Zwar du glaubst, daß du sie kennst./ Daß du meinen Namen nennst./ Doch ich träume mancherlei./ Und der Namen hab ich drei.« So heißt es in ihrem Gedicht »Rätsel II«. So viele Menschen sie, die Frau und Dichterin, auch zu kennen glaubten, es würde in ihr immer etwas Geheimes, Unantastbares sein. Selbst für die Allernächsten.

Und das spürte sie umso deutlicher, je offener, schonungsloser sie sich offenbarte. Ihr Gedichte sind ja höchstpersönliche Offenbarungen. Denn darum schrieb sie: um der Entäußerung willen, um etwas aus sich heraus und zu sich heran zu holen. Eine Empfindung in Worte zu fassen, aber dazu musste diese Empfindung allein schon ganz stark sein. So grub sie sich diese Empfindung aus der Seele, stellte sie gleichsam vor sich hin. Und während sie in sich, um sich nach dem adäquaten Ausdruck dafür suchte, was eine berauschende Anstrengung war, ging eine Verwandlung mit ihr vor. Wie sie da im Freien stand – die meisten Gedichte von Eva Strittmatter wurden in der märkischen Natur geboren – konnte sie auch in sich eine Freiheit spüren, die sie noch vermisste, als sie aus dem Hause gegangen war.

Sie sprach mit dem Gras, bestaunte den Vogelflug und den »Mondschnee auf den Wiesen«. In der Naturbetrachtung fand sie sich selbst. »Was es auch immer sei/, Das über uns die Räume/ Aufreißt und riesig macht« – es tröstete sie.

Leser ihrer Gedichte würden Ähnliches empfinden – sofern sie dieses Empfinden suchten. Es würde ihnen scheinen, als sei ihnen in schwieriger Lage Hilfe zuteil geworden. Als habe die Dichterin – wie kann das sein? – ihren heimlichen Schmerz berührt. Dabei lag dieser Gedanke Eva Strittmatter fern. Sie schrieb konsequent für sich selbst – und also in einem ganz allgemeinen Sinne auch für die Anderen.

»Ich schreibe von der einfachen Sache:/ Geburt und Tod und der Zwischenzeit«, heißt es in ihrem Gedicht »Ewigkeit«. Zu DDR-Zeiten musste es einem so vorkommen, als ob auch ein wenig Trotz in dieser Aussage lag. Künstlern sollte es in diesem Staate doch um die großen gesellschaftliche Belange gehen, die mit gehörigem Optimismus zu betrachten waren. »Nabelschau« galt Literaturkritikern als Schimpfwort. Aber Eva Strittmatter vertiefte sich in sich selbst und blieb unbeirrt, was andere auch über sie sagen mochten. Da war sie stur, wie es auch ihr Mann Erwin Strittmatter war.

Der hatte sich in der DDR-Literatur schon einen Namen gemacht, als er sich in die junge Frau verliebte. Kein Gedanke daran, dass sie einmal mit seinem Ruhm gleichziehen würde. Aber er hat sofort, als er später ihre Gedichte las, ihr Talent erkannt. Ja eigentlich früher schon, als er sie erzählen hörte. »Du musst unbedingt schreiben«, hatte er zu ihr gesagt, kurz nachdem sie sich kennenlernten. »Ich will lieber nicht schreiben. Ich will dich lieber lieb haben«, hatte sie ihm damals geantwortet. Bezaubert war sie von ihrem Mann ein Leben lang und über seinen Tod hinaus. Auch wenn sie Schmerz und Zorn nicht verhehlte, denn er war auffahrend-besitzergreifend, selbstbezogen, wie es Künstler nun mal oft sind. Aber sie war doch auch eine Künstlerin. In ihren Texten spiegelte sie den Zwiespalt, der so charakteristisch ist für die weibliche Emanzipation: selbst etwas leisten, sich ausdrücken zu wollen und dabei zugleich die liebende, hingebungsvolle Frau zu sein.

So haben viele Frauen sich von ihr verstanden gefühlt und hätten sie gern als eine Art Große Mutter gesehen, bei der man sich Rat holen kann. Aber, wie gesagt, in diese Rolle wollte sie sich nicht drängen lassen. Sie wusste ja, dass viele sich an ihre Gedichte anlehnten. »Mag sein, aber ich widerspreche immer, wenn Leute sagen, sie seien so glücklich mit meinen Texten, weil es so wenige gebe, für die das Gute, Schöne, Wahre noch existiert. Das stimmt nicht: Man findet immer Menschen, mit denen man harmonieren kann. Man soll ihnen, da man selber Mensch ist mit allen Schwächen, nichts Schlechtes nachreden. Soll nicht auf sie herabblicken, sondern lieber sehen, wie man sich mit ihnen verbindet.« Wie wertvoll dieses Verbindende war, wie man es brauchen, aber gar nicht immer so leicht herstellen konnte, das hat sie selbst immer wieder erlebt.

Wer Gedichte schreibt, sagt Eva Strittmatter in »Poesie und andre Nebendinge« (1983), habe wohl ein »besonders ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. Er versucht, durch Poesie, Kräfte und Gegenkräfte ins Gleichgewicht zu bringen. Auch Kräfte und Gegenkräfte, die in ihm selber sind.« An ihrem Werk sieht man: Dichtung, die andere bewegt, hat ihren Preis im Leben des Menschen, der sie hervorbringt.

»Die Suche nach dem Gleichgewicht«: Sie wusste ganz genau, dass ihre Gedichte darauf abzielten. »Nicht mit den Worten will ich spielen,/ Sondern das Leben will ich zwingen,/ Daß es sich in Gesang verwandelt:/ So wie man handelt, wird es singen,/ Und es bleibt stumm, wenn man nicht handelt.« So heißt es im Gedicht »Gleichgewicht«, veröffentlicht im Band »Wildbirnenbaum«, der Eva Strittmatters 80. Geburtstag gewidmet war. Wann sie diesen Text geschrieben hat? Sie hätte die Umstände genau benennen können, denn ihr Gedächtnis für Einzelheiten war phänomenal. Aber die Texte in diesem Band wurden den dicken Mappen mit Unveröffentlichtem entnommen und für die Leser nicht datiert. Man kann schwer sagen, ob es sich um frühe oder späte Werke handelt, denn auch ihr erster Gedichtband »Ich mach ein Lied aus Stille« (1973) war schon von erstaunlicher Lebensweisheit und künstlerischer Kraft. Diese Homogenität ihres reichen Schaffens – über zehn Gedichtbände und zahlreiche Prosaarbeiten – hat manch einer ihr gar zum Vorwurf gemacht: Es gebe keine Entwicklung in ihrer Poetik. Womit gemeint war: Sie hielt an ihrer Art zu reimen fest, sie experimentierte kaum. Es war ihre Seelenmelodie.

»Immer die alten Worte: Wolke, Wasser und Wind .../ Immer die Elemente: Zeugung, Geburt und Tod .../ Immer das nackte Leben/ Hinter dem schönen Schein ...« Sie hat das Einfache gelobt, das ihr nicht einfach war. »Ich sage immer: Ich bin so simpel wie Brot. Von Anfang an hat mir alles Hohe widerstanden. Jeder Anspruch auf Pathos«, meinte sie in einem unserer Gespräche. »Die simplen Dinge können eine eigene Ausstrahlung bekommen, eine kosmische Dimension. Aber eigentlich habe ich im Alltag gelebt. Demgemäß meine Sprache.« Ihre Texte, die mitunter so eingängig wie Volkslieder erscheinen, wollen beim Lesen oder Hören durchlebt sein, wie sie in ihrer Entstehung durchlebt worden sind. Das kann vielerorts geschehen und zu unterschiedlichsten Zeiten. Was Eva Strittmatter geschaffen hat, besitzt das Potenzial eines bleibenden Werkes, das so lange lebt, wie es Menschen weitertragen.

Sie wusste das, und es war für sie eine Freude, zunehmend vielleicht gar in späteren Jahren, die vielen Briefe ihrer Verehrerinnen und Verehrer zu öffnen und in Schulzenhof sozusagen als große alte Dame Gastgeberin zu sein.

Schulzenhof: der blühende Garten am Haus. Wie gern hat sie in den letzten Jahren dort gesessen, jede einzelne Blüte bewundert, den Vogelstimmen gelauscht. Wie süß war ihr das Leben, gerade weil sie immer wusste, wie vergänglich es ist ...


Wahrheit

Ich stehe mir gegenüber,
Wie mich die Leute sehn,
Die meine Gedichte lesen
Und glauben, mich zu verstehn.
Sie halten mich für stärker,
Als ich in Wirklichkeit bin,
Sie nehmen Worte für Wahrheit
Und meinen, ich wüßte den Sinn
Des Lebens, den ich suche
Und immer wieder verlier.
(Verzweiflungen schlagen zu Buche
Und fallen ab von mir.)
Es scheint, als ob ich siege,
Wenn ich die Worte bezwinge,
Doch bezwinge ich nur meine Schwäche,
Und mein Mut macht nur, daß ich singe.

Schrei

Andre gibt es, die können die Kunst
Zu leben besser als ich.
Ich weiß nicht: Ist das eine Gunst
Des Schicksals? Ich weiß nur: Auf mich
Fällt alles mit Gewalt herab.
Wie ein Steinschlag trifft mich das Glück.
Und Unglück ist für mich das Grab.
Ich stürze ins Nichts zurück.
Der Preis ist hoch, den ich bezahl
Für die Fähigkeit zu sagen.
Ich muß das Glück und auch die Qual
Bis an den Schrei ertragen.

Die hier zitierten Gedichte stammen aus dem Band »Wildbirnenbaum« (Aufbau Verlag, 134 S., geb., 18,95 €).

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