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Von Eleni Pavlidou 13.01.2011 / Literatur
Literatur

Flimmernde Sterne, galoppierende Schweine

Wolfgang Herrndorf: Eine Irrfahrt durch die ostdeutsche Pampa

In Wolfgang Herrndorfs Welt waltet der alltägliche Wahnsinn. Seine Helden verfügen über diese »reinrassige Idiotie«, die jeder, der was auf sich hält, sein Eigen nennt. Das war schon in seinem traurig-schönen Erstling »In Plüschgewittern« so, das zieht sich durch die geistreichen und amüsanten Erzählungen von »Diesseits des Van-Allen-Gürtels«, das ist auch in seinem jüngsten Werk »Tschick« nicht anders. Jedenfalls nicht ganz. Denn die Protagonisten sind erst vierzehn und ihr Blick erst ein bisschen durchgeknallt.

Ein Jugendbuch also, schlechterdings wundervoll und großartig, ein neuer »Fänger im Roggen«, eine Tom-Sawyer-und-Huck-Finn-Story, ein endkomischer Roadroman, wie das Feuilleton einhellig lobt. Und ein anrührender Roman über Freundschaft und die erste Liebe. Aber der Reihe nach.

Maik Klingenberg ist mit eigenen Worten »reich, feige, wehrlos«. Wenn er sich dazwischen entscheiden müsste, ein wahnsinniger Langweiler zu sein oder keine Freunde zu haben, würde er Letzteres wählen. Sein Problem: Auf ihn trifft beides zu. Sein zweites Problem: Er hat sich in seine Mitschülerin Tatjana Cosic verliebt. Aber statt die Sommerferien auf ihrer Geburtstagsparty einzuläuten, auf die sonst praktisch die halbe Jahrgangsstufe eingeladen ist, stellt er sich auf einsame sechs Wochen am heimischen Swimmingpool ein. Seine Mutter ist mal wieder in der Entzugsklinik, sein Vater begibt sich mit der jungen Assistentin auf Geschäftsreise. Doch dann steht Tschick vor Maiks Haustür. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, ist der neue Quotenrusse in der Klasse, wohnhaft in einem Plattenbau in Berlin-Hellerdorf. Außerdem fährt Tschick in einem hellblauen Lada Niva vor. Geklaut, versteht sich.

Und damit beginnt die »tollste und aufregendste Woche« in Maiks Leben. Er und Tschick beschließen, »einfach Urlaub wie normale Leute« zu machen. Ihr Ziel: die Walachei, wo Tschick einen Großvater hat. Ihre abenteuerliche Fahrt kreuz und quer durch die ostdeutsche Provinz führt sie zu endzeitlichen Mondlandschaften und grenzenlosen Weizenfeldern, in die sie mit dem Lada ihre Namen zu schreiben versuchen. Sie leisten sich eine Verfolgungsjagd mit einem Dorfsheriff, werden in einem verlassenen Kaff von einem alten Nazi beschossen, rauschen eine Böschung hinab und überschlagen sich mehrmals. Und sie begegnen auf einer Müllkippe dem Mädchen Isa, das so stinkt, dass ein »Comiczeichner hätte Fliegen um ihren Kopf schwirren lassen«. Nach anfänglichem Pubertätsgezanke zeigt sie den Jungs, wie man mit einem Schlauch Benzin aus einer Zapfsäule pumpt. Und nach einem Bad in einem Waldsee keimt Maiks neu entdecktes Gefühl des Verliebtseins für sie auf.

So aufregend geht es weiter, bis ein Tiertransporter auf der Autobahn vor dem Lada ins Rutschen gerät und die Reise für Maik und Tschick zwischen blutenden und quietschenden Schweinen endgültig vorbei ist. Leider, denn man kann gar nicht genug kriegen von diesem Roman angefüllt mit klugen Einfällen und schrägen Figuren. Am ergreifendsten ist vielleicht die Skizze einer Sprachtherapeutin, die nach dem Überschlag des Ladas einem Flusspferd gleich durchs Gebüsch bricht und die beiden Jungs mit Fürsorge und Freundlichkeit überschüttet. Ironie des Schicksals: Sie verschafft Tschick die einzige ernsthafte Verletzung, indem sie vor Schreck einen Feuerlöscher auf seinen Fuß fallen lässt.

All dies erzählt Wolfgang Herrndorf in einem eigenen, leicht überholt klingenden Jugendton, den man ihm sofort abnimmt. Dabei bleibt er seiner präzisen und lakonischen Sprache treu, die Dialoge sind gewohnt brillant und urkomisch, selbst schnöde Naturbeschreibungen entfalten ihre Poesie: »Die Sonne sah aus wie ein roter Pfirsich in einer Schüssel Milch.«

Und immer wieder werden die absurdesten Vergleiche angestellt. Etwa wenn Maik erklärt, wie toll er die »dünnen, weißen Kittel« der Krankenschwestern findet, »wo man immer gleich sieht, was für Unterwäsche sie anhaben«. Aber das funktioniere nur im Krankenhaus, denn: »Das ist ein bisschen wie in Mafiafilmen, wo einen die Gangster immer eine Minute schweigend angucken, bevor sie antworten. ›Hey!‹ Eine Minute Schweigen. ›Sieh mir in die Augen!‹ Fünf Minuten Schweigen. Im richtigen Leben ist das albern. Aber wenn man bei der Mafia ist, eben nicht.« Ähnliches ließe sich über Herrndorfs Geschichten sagen. Im richtigen Leben mag es albern sein, wenn zwei vierzehnjährige Jungs in einem geklauten Lada in die Walachei wollen, aber als Story von Herrndorf eben nicht. Es wäre zum Jammern, wenn es seine letzte bliebe.

Wolfgang Herrndorf: Tschick. Roman. Rowohlt Berlin. 254 S., geb., 16,95 €.

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