Von Antje Rößler
13.01.2011

Der »Schrei nach Popoklatsch«

Das Musikkabarett-Duo Ass-Dur nimmt weder Pop noch Klassik ernst

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Musikkabarett Ass-Dur

Wer hätte gedacht, dass die altehrwürdige, von grauhaarigen Herren dominierte Kabarett-Szene eine solche Blitzkarriere zulässt. Das Musikkabarett-Duo Ass-Dur hat einen wahren Senkrechtstart hingelegt. Innerhalb von nur zwei Jahren räumte es stolze 17 Kabarettpreise ab, darunter den Europäischen Kleinkunstpreis 2008.

Hinter Ass-Dur stecken Benedikt Zeitner und Dominik Wagner, die gerade mal Mitte Zwanzig sind und an der Musikhochschule »Hanns Eisler« studieren. Während sie dort ernsthaft ihrer Ausbildung nachgehen, haben sie sich auf der Kabarettbühne die musikalische Verballhornung aufs Programm geschrieben: Ass-Dur ist eine falsch buchstabierte Tonart. Das erste Programm heißt »Pesto«, verkürzt also die musikalische Tempobezeichnung »presto« zur Nudelsoße. Und die neue Show erweitert nun das Tempo »largo« zum oberitalienischen See. Das Ass-Dur-Programm »2. Satz – Largo Maggiore« hatte am Dienstag in der »Bar Jeder Vernunft« Premiere.

Ass-Dur vereinen geistreichen Witz mit absurder Komik, wobei die Gags ebenso auf die steife Etikette der Klassikwelt wie auf das Show-Gehabe im Pop zielen. Das Duo ist nicht zuletzt deshalb so lustig, weil Zeitner und Wagner als Gegenspieler wie etwa Dick und Doof auftreten. Der eine ist ein blonder, geschniegelter Streber, der andere ein vertrottelter Dunkelhaariger mit Null-Bock-Attitüde. Während Benedikt als fachidiotischer Musikprofessor das Publikum über Trugschlüsse und Sequenzen in Bachs »Italienischem Konzert« belehrt, schießt Dominik immer wieder blöde Kalauer ab. Nach dem Muster: Was ist blau und steht am Straßenrand? – Eine Frostituierte. Benedikt ist dann jedes Mal völlig entsetzt, während Dominik eingeschnappt »ich fand's lustig« murmelt.

Beide können wunderbar singen und Klavier spielen. Mühelos bewegen sie sich zwischen den musikstilistischen Fronten E und U. Als Aufwärmübung widmen sie sich der Pop-Ikone Michael Jackson, dessen größte Hits sie mitsamt der gellenden Kiekser in die Baritonlage transponieren und ins Deutsche übersetzen. Aus »Bad« wird da »Im Bett«; und »Billie Jean« gerät zu einer Ode an das Billy-Regal von Ikea.

In diesen Rundumschlag mittels Klassik, Pop und Quatsch lassen Zeitner und Wagner nicht nur ihre grundsoliden musikalischen Fähigkeiten, sondern auch allerlei andere Erfahrungen einfließen. Dominik hat eine Zeit lang Zauberei gelernt, Benedikt Philosophie und Romanistik studiert und eine Heilpraktiker-Ausbildung gemacht. Getroffen haben sie sich an der Musikhochschule Berlin, wo der eine Gesang, der andere Opernregie studiert. Sogar in Sachen Fußball können die beiden mitreden und decken prompt die Wurzeln beliebter Fußball-Lieder bei Mozart und Schubert auf.

Zwecks musikologischer Belehrung der Elite-Kita Gatow präsentieren Dominik und Benedikt dann das Kinderlied vom Bibabutzemann in verschiedenen Stilen: von Schlager bis zu Hip-Hop, wo es im Refrain heißt »Ich hab nen Pulli mit Kapuze dran. Ich bin der Bibabutzemann«. Die Heavy-Metal-Fassung nimmt der Musikprofessor zum Anlass, über die Ursprünge dieser trommelfellschädigenden Musikrichtung zu räsonieren. Die führt er auf »exzessiven Gewaltmangel in der antiautoritären Erziehung« zurück, Heavy Metal sei nichts als ein sublimierter »Schrei nach Popoklatsch«.

Da ist das Publikum längst vor Begeisterung aus dem Häuschen, beziehungsweise aus dem Spiegelzelt. Zum Finale bieten Zeitner und Wagner Klavierakrobatik erster Güte: Sie spielen vierhändig, während sie ihre Kleidung tauschen. An Klavier und Stimmbändern, ob angezogen, ausgezogen, umgezogen – Ass-Dur machen in jeder Lage eine erheiternde Figur.

Bar Jeder Vernunft, Schaperstr. 24, 10719 Berlin, noch bis 16. Januar 20 Uhr, Sonntag 19 Uhr; Karten unter Tel. 88 35 82