Man könnte ihr fast eine prophetische Gabe attestieren. »Erleben wir ein neues 1989?«, fragte Sonja Hegasy vom Zentrum Moderner Orient (ZMO) in Berlin bereits vor drei Jahren in einem Beitrag für die »Blätter für deutsche und internationale Politik« (Heft 2/07), in dem sie wider die »Mär von der arabischen Stagnation« argumentierte. »Die Reformen, die wir in den letzten Jahren in der arabischen Welt gesehen haben, mögen kurzfristig systemstabilisierend wirken, indem sie radikalen, auf Umsturz abzielenden Bewegungen den rhetorischen Wind aus den Segeln nehmen. Sie können sich aber langfristig als Schritte zur Demokratisierung erweisen, da sie immer auch zur Verankerung demokratischer Werte in der Gesellschaft beitragen und ungewollte Reaktionen hervorrufen – und bereits hervorgerufen haben, wie etwa die Veränderung der Medienlandschaft. Die Zunahme öffentlicher politischer Kommunikationsprozesse in der arabischen Welt ist jedenfalls Aufsehen erregend«, schrieb sie.
Keinesfalls wollte die Islamwissenschaftlerin damals behaupten, »dass Ägypten oder Marokko sich augenblicklich im Jahr 1989 ostdeutscher Zeitrechnung befinden«, sondern vielmehr auf Entwicklungen aufmerksam machen, »welche langfristig das Potenzial haben, Demokratisierung einzuleiten«. Sonja Hegasy darf sich in ihren Prognosen bestätigt fühlen. Und doch war ihr keinerlei Triumphgefühl anzumerken, als sie dieser Tage mit Zunftkollegen Auskunft zu den aktuellen Vorgängen in den arabischen Staaten gab.
Sonja Hegasy forscht über die »ägyptische Zivilgesellschaft« (»Jawohl, die gibt es, auch wenn ich da immer Verwunderung ernte«) und weiß, dass der im Westen als Despot etikettierte Husni Mubarak sein Land in eine Wissensgesellschaft führen wollte und teilweise hat. In seinem »autoritären Modernisierungsstaat« haben sich nicht nur die Lebenserwartung (an die 70 Jahre) und Alphabetisierungsrate (auf über 65,5 Prozent) erhöht. Mitte der 90er Jahre habe der Diktator selbst für die Vernetzung der Bürger gesorgt, kostenlose Internetzugänge – »unter der Einwahl ›fünf Mal die Sieben‹« – zur Verfügung gestellt, was sich jetzt gegen ihn wendet«.
Es gehe aber nicht nur um politische Freiheiten, sondern vor allem um die Minderung der hohen Jugendarbeitslosigkeit und der stetig steigenden Lebensmittelpreise. Meinungsfreiheit sei jetzt erkämpft, »aber was wird sein, wenn die jugendlichen Protestierer von heute auch noch in zwei Jahren arbeitslos sind«? Mit sozialem Protest hat es in Tunesien begonnen, erinnerte noch einmal explizit Nora Lafi.
Hanan Hammad von der Texas University (USA), zur Zeit am ZMO tätig, bekräftigte, dass kein Aufstand der Muslimbrüder bevorstehe, wie im Westen gemeinhin befürchtet. Michael Provence von der University of California (USA), ebenfalls derzeit am ZMO, sieht in Syrien noch eine relativ stabile Konformität zwischen Bevölkerung und Machthabern (vor allem hinsichtlich der Politik der Regierung in Damaskus gegenüber den USA und Israel). Für Algerien vermutet die Historikerin Nora Lafi demnächst keine »offene Empörung«, da das Land »in den 90er Jahren in einem Bürgerkrieg versunken ist. Jede Familie hat Angehörige verloren hat, und die Menschen sind erschöpft.« Zudem habe Abd al-Aziz Bouteflika, Präsident seit 1999, volle Unterstützung in der Armee. »Bouteflika drangsaliert auch die Gesellschaft nicht so sehr wie Ben Ali«, so Nora Lafi.
Übereinstimmend appellieren die Wissenschaftler vom Zentrum Moderner Orient – einer von sechs nach 1990 mit der Evaluierung der Akademie der Wissenschaften der DDR gegründeten Forschungseinrichtungen – an die Medien, nicht von Chaos oder Krise hinsichtlich des gegenwärtigen Geschehens in Nordafrika zu sprechen. Hanan Hammad betont: »Das ist ein Aufstand, es ist eine Revolution.«
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