Von Jürgen Amendt
12.02.2011

The Medium is the Message

MEDIENgedanken: Borderline-Journalismus, Medieninszenierung und Proteste in Ägypten

Der Journalist Tom Kummer steht für ein Medienphänomen, das gemeinhin als Borderline-Journalismus bezeichnet wird. Über Jahre hinweg hatte der Schweizer Autor in den 1990er Jahren Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen Interviews verkauft, die nie geführt worden waren. Die Antworten seiner Interviewpartner waren dabei nicht immer nur erfunden, Kummer bediente sich anderer Texte, setzte Inhalte neu zusammen, stellte sie in andere Zusammenhänge. Kummers solcherart erzeugte Fiktion war aber nie nur Lüge, sie wurde selbst zur Wirklichkeit, weil ja jahrelang niemand an der von ihm erzeugten Realität Zweifel hatte. Im Borderline-Journalismus dienen Medien längst nicht mehr der Widerspiegelung von Realität, sondern erzeugen eine eigene Welt mit eigenen Regeln und eigener Wirklichkeit.

Wahrscheinlich wurde der Fall Kummer nur deshalb zum Skandal, weil die Printmedien davon betroffen waren. Das gedruckte Wort gilt noch als seriös, als Hort des Wahrhaftigen (mit Ausnahme der Boulevard-Presse, versteht sich), das sich gegen die Flut der Fiktion im Internet und Fernsehen stemmt. Tom Kummer hat allerdings nichts anderes getan als das, was bei RTL 2 und Co. üblich ist: er hat die Wirklichkeit montiert. In den sogenannten Scripted-Reality-Dokus im Fernsehen wird die Fiktion täglich als Realität verkauft. Was als Dokumentation den Anspruch erhebt, den Alltag seiner Protagonisten zu zeigen, ist in Wahrheit gestellt, wobei die Realität nicht von Schauspielern gespielt, sondern von den wahrhaft Betroffenen imitiert wird. Die Inszenierung ist alles, das gilt auch für TV-Formate wie »Deutschland sucht den Superstar« und ähnliche Sendungen. Auch hier gilt: Die Kandidaten sind oftmals keine Unbekannten aus der grauen Masse, sondern gezielt ausgesuchte Halbprofis. Das Publikum weiß das und will das, es will unterhalten, nicht informiert, nicht mit der Realität belästigt werden, denn die Wirklichkeit ist langweilig.

Auch anderswo im TV wird getrickst, hintergangen, dem Zuschauer ein Trugbild präsentiert. Vor wenigen Monaten erregte die Meldung kurzzeitig für Aufsehen, dass eine Produktionsfirma, die für mehrere TV-Sendungen und Internetseiten (z.B. Stern-TV und bild.de) Nachrichtenfilme und Reportagen dreht, in diesen Mini-Dokus gezielt Firmenwerbung betreibt. So wurde in einem Porträt über einen Prominenten dieser auffällig häufig zusammen mit einem Fahrzeug einer bayerischen Automobilfirma in Szene gesetzt, in einer Reportage wurden Interviewpartner offenbar absichtlich vor einer großflächigen Werbewand platziert. Es ist eine Doppelbotschaft, die uns da erreicht: wir sollen nicht nur den Inhalt der Nachricht registrieren, sondern unsere Gehirne auch die Inszenierung nachhaltig speichern. Dass die Umgebung, in der eine Nachricht präsentiert wird, die eigentliche Nachricht ist, wusste schon der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan (»The Medium is the Message« – Das Medium ist die Botschaft).

Es fällt uns zunehmend schwerer, die Inszenierung von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Selbst der spontane Ausdruck sieht sich so dem Verdacht ausgesetzt, nicht authentisch zu sein. Die Bilder, die uns derzeit aus der arabischen Welt, zuvorderst aus Ägypten erreichen, wirken gerade deshalb so nachhaltig, weil sie unseren durch die moderne Filmkunst mit ihren digitalen Möglichkeiten der Wirklichkeitserzeugung trainierten Sehgewohnheiten entsprechen. Dabei braucht es nicht einmal mehr einen Regisseur, der den Protagonisten Anweisungen erteilt. Diese selbst wissen um die Wichtigkeit, der Welt die richtigen Bilder zu präsentieren. Der Journalist Richard Gutjahr berichtete vor wenigen Tagen in einem Interview von den Eindrücken seiner Reise in das protestbrodelnde Kairo. Jene Ägypter, die keine Probleme damit gehabt hätten, sich filmen zu lassen, seien gezielt auf die Filmkameras zugegangen, hätten sich vor diesen aufgebaut, Parolen skandiert, sich demonstrativ in Pose gesetzt. Eigentlich sei das ein Zerrbild dessen gewesen, was er in dem Moment auf der Kairoer Straße erlebt habe, sagte Gutjahr, denn die Stimmung sei weit weniger aggressiv gewesen, sondern losgelöst, fröhlich. Die Menschen, so Gutjahr, hätten sich auf dem Tahrir-Platz gegenseitig mit Handy-Kameras fotografiert. Über das Internet finden diese Fotos wiederum Eingang in unser Langzeitgedächtnis. The Medium is the Message.

Tom Kummer schrieb übrigens schon 1996 ein Buch, in dem er die Mechanismen des Borderline-Journalismus beschrieb. Erst vier Jahre später wurde Kummers Methode, Wirklichkeit zu inszenieren, zum Skandal. Doch auch danach schrieb er weiter, fanden sich Medien, die seine Geschichten veröffentlichten. Der Reiz, der Verlockung des schön geschriebenen Wortes, der hübschen Pointe oder dem kleinen Skandälchen zu erliegen, war offenbar zu groß. The Medium is the Message!

Der Autor ist Bildungs- und Medienredakteur dieser Zeitung.

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