Von Ulrike Gramann
12.02.2011

Was wir wollen, ist relevant

Die Kinothek Asta Nielsen macht die Filmarbeit von Frauen sichtbar

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Gunter Deller, Susanne Sachsse, Karola Gramann, Heide Schlüppmann und Marc Siegel (v.l.n.r.). Rechts außen: Filmstar Asta Nielsen

Schaufenster winken den Augen: Gleich nebenan liegt ein Beate-Uhse-Laden, und gegenüber hat sich die frauenfreundliche Alternative etabliert, »Inside her« heißt der Sexshop. Wo jetzt hin- oder besser gleich wieder wegschauen? Keinen Steinwurf entfernt tobt ein Großeinkauf über die Zeil, Frankfurt am Mains größte Einkaufsstraße. Der Blick findet den schmalen Eingang des Geschäftshauses Stiftsgasse 2. Der Türöffner summt. Im obersten Geschoss, hinter der letzten Treppe und einer metallbeschlagenen Tür, befindet sich die Kinothek Asta Nielsen, 1999 gegründet von Filmliebhaberinnen, Kuratorinnen, Filmhistorikerinnen und -theoretikerinnen, von Kritikerinnen und Studierenden.

Das Dachgeschoss ist ein weiter, sparsam möblierter Raum. Fensterschrägen lassen Streifen von Helligkeit ins Dämmer. Dachböden sind Orte, an denen etwas verborgen scheint, unheimlich oder unheimlich schön. Hier sollten es Filme sein, was sonst? Keine Filme. Steht man dann mitten im Raum und wirft den Blick zurück über die Schulter, tritt neben der Tür überlebensgroß, langbeinig und solide bestiefelt Asta Nielsen aus der Wand. Mit Patronengurt und verwegenem Hut ist sie der Räuberhauptmann aus »Zapatas Bande« von 1913.

Blickfängerinnen

Was ist eine Kinothek? Heide Schlüpmann, Filmwissenschaftlerin, die bis vor kurzem an der Frankfurter Goethe-Universität lehrte, Mitgründerin der Kinothek Asta Nielsen, sagt es so: »Es gibt Videotheken, dort lagern Videos, die leiht man aus. Wir aber wollen Kino haben, nicht nur Film. Wir wollen Filme zeigen, möglichst gute Kopien, und wir wollen mit dem Publikum arbeiten.«

Was damit gemeint ist, bewies bereits eines der ersten großen Vorhaben der Kinothek, die Retrospektive der französischen Stummfilmpionierin Germaine Dulac im Jahr 2002. Bis dahin kannte man Dulac, wenn überhaupt, als Teil der surrealistischen Bewegung. Ihr Ruf war zweifelhaft. Mit ihrem Film »La Coquille et le Clergyman« sollte sie ein Konzept Antonin Artauds verfälscht haben. Ihre Arbeiten wurden von französischen Archiven zwar restauriert, kamen aber nicht auf die Leinwand. Als im Schauspiel Frankfurt ihr Film »L'invitation au voyage« von 1927 wiederaufgeführt wurde, begleitete ihn neue Musik, die Catherine Milliken im Auftrag von ZDF/arte für diese Aufführung komponiert hatte. Der Film erzählt von einer Frau, die, von ihrem Mann Abend für Abend allein gelassen, eines Nachts in die Bar »L'invitation au voyage« geht und mit einem hübschen, femininen Seeoffizier tanzt. Ehe eine Affäre beginnen kann, entdeckt er ihren Ehering. Eine Hand hält ein Schiff aus Papier, ein Blick geht durch das Bullauge hinaus auf den schmutzigen Hinterhof – von der kleinen Geschichte bleiben Bilder im Kopf. Wie man sie dorthin bringt, erklärt Karola Gramann, heute die künstlerische Leiterin der Kinothek, so: »Es kommt darauf an, wie die Filme präsentiert werden, wie sie zusammen wirken. Man muss mit Filmen so sorgfältig umgehen wie mit Gedanken, die man zu Papier bringt.« Eben noch waren die Filme Dulacs eine Sache für Spezialisten gewesen, nun überraschten und begeisterten sie das Publikum in einem vollbesetzten Theater.

Doch so etwas gelingt nicht allein in abgezählten Stunden einer Teilzeitbeschäftigung. Gramann, die Ende der 1980er Jahre das Oberhausener Kurzfilmfestival leitete und seitdem viele Filmprogramme kuratiert hat, weiß, wie man Filme und ihre Geschichten findet. »Natürlich habe ich Kontakte aus meiner Berufsgeschichte und von Festivals, aber Kontakten muss Zusammenarbeit folgen.«

Die entsteht in ungezählten Telefonaten, E-Mails und Gesprächen. Die Kinothek sammelt nicht in erster Linie Filmkopien, sondern vernetzt sich mit Archiven, Verleihen, Filmemacherinnen und Filmemachern. Aktivistinnen der Kinothek sind auch in Projekte anderer involviert, wie mit Asta Nielsens Film »Die Suffragette« bei der Reihe »Extremistinnen der Sichtbarkeit« im Berliner Zeughauskino letzten Herbst. Sie treten bei der Berlinale auf, beteiligen sich an der Asta-Nielsen-Woche auf Hiddensee oder beim Jubiläum der Gleichstellungsstelle Aschaffenburg. Die Retrospektiven zu Dulac und Nielsen wurden in mehreren europäischen Städten gezeigt, darunter Berlin, Wien, Zürich, Amsterdam.

Schön und politisch

Mit dem Ziel, die Filmarbeit von Frauen sichtbar zu machen, steht die Kinothek nicht in irgendeinem Rand- und Feuchtgebiet der Kinogeschichte. Ohne Filmarbeit von Frauen gäbe es kein Kino. Ohne die Neue Frauenbewegung, in der auch die Kinothek einige Wurzeln hat, wäre das nur wenigen bewusst. 1974 gründeten Frauen um die Regisseurin Helke Sander in Westberlin die Zeitschrift »Frauen und Film«. Die FuF-Autorinnen schrieben nicht nur Filmkritiken, sondern auch über die unsichtbare Filmarbeit von Frauen, über Cutterinnen zum Beispiel, und über ihre Arbeitsbedingungen. Sie schrieben auch über DEFA-Filme, wie »Die Legende von Paul und Paula«. Die Kraft reichte bis 1983, dann sollte FuF eingestellt werden. Schlüpmann, Gramann und Gertrud Koch holten die Zeitschrift nach Frankfurt, wo sie im heutigen Verlag Stroemfeld, damals Roter Stern, weiter erscheint. Zum 25. Geburtstag schenkte die Kinothek der Zeitschrift mit »Frau Kino« ein Fest im Kino des Deutschen Filmmuseums, unterstützt von der Hessischen Filmförderung.

Denn ein kleiner Verein wie die Kinothek, mit nicht einmal hundert, wenngleich sachkundigen und engagierten Mitgliedern, kann solche Veranstaltungen nicht allein finanzieren. Wie bringt man Institutionen wie das Frankfurter Frauenreferat, die Hessische Filmförderung, die Deutsche Kinemathek oder das ZDF dazu, Partner und Förderer der Kinothek zu werden? Schlüpmanns Devise heißt: »Was wir wollen, ist relevant!« Das klingt willkürlich, doch in den Programmen bilden Schaulust und aktuelle, durchaus politische Themen eine Synthese: Eine Kinoreihe für Mädchen und junge Frauen heißt »Keine Angst vorm Fliegen«, die Reihe »Dark room – Liebe im Kino« berührt queere Themen. Die Autorin Annette Brauerhoch stellte ihr Buch »Fräuleins und GI's« vor und erzählte bundesdeutsche Geschichte und Filmgeschichte. Mit dem Festival »wetterfest°« kam die Debatte über das Klima ins Kino. Und immer wieder stehen wenig bekannte Filme neben Publikumsrennern. Die Kinothek präsentiert alljährlich die Arbeiten von Frankfurter Filmemacherinnen und ist in der Region verankert. Ein neuer Schwerpunkt sind Amateurinnenfilme. Als geschichtliche Quelle erfahren sie zur Zeit weltweites Interesse. Weil »unter den Liebhabern der Kamera auch viele Frauen waren, die ihre alltägliche Umgebung oder ferne Länder, die sie bereisten, auf Celluloidstreifen festhielten«, ruft die Kinothek seit 2010 dazu auf, Schmalfilme im Format Super 8 und Normal 8 zu sammeln. Im Januar 2011 zeigten die Schauspielerin Susanne Sachsse und der Filmwissenschaftler Marc Siegel unter dem Titel »Obermaßfeld/Thür. – New York« bereits Super-8-Filme ihrer Großmütter.

In neuem Licht

Aber warum ausgerechnet eine Stummfilmdiva, eine Kultfigur als Namensgeberin? Heide Schlüpmann: »Wir denken vom Kino her, deshalb sollte es keine Regisseurin sein, sondern eine Frau, deren Name bis heute Präsenz hat und die als Schauspielerin den Film von innen heraus gestaltete.« Schlüpmann und Gramann haben soeben gemeinsam mit anderen eine zweibändige Monografie über alle Filme und die Filmarbeit der dänischen Künstlerin, die viele Jahre in Deutschland arbeitete und lebte, veröffentlicht. Der Vorschlag für das Buch kam vom Filmarchiv Austria, und ihrem Prinzip der Vernetzung folgend, veranstaltete die Kinothek zuerst eine gemeinsame Sichtung mit den späteren Autorinnen und Autoren. »Der Eindruck von der Gegenwärtigkeit der Nielsen, ihrer Virtuosität und ihres Gestaltenreichtums war für fast alle überraschend«, heißt es im Vorwort der Bände, die ganz sicher zum Standardwerk werden. Über 30 Jahre gab es keine Retrospektive, nun wurden sogar neue Filme gefunden und restauriert. Nielsens Name strahlt bis heute. Anstatt den Vorgaben anderer zu folgen, habe sie »Situationen imaginiert, die ihr Körper ausführte«, von ihrem Regisseur Urban Gad begleitet, von Kameramann Guido Seeber unterstützt. Die Kinothekerinnen sehen sie als eine Frau, die ihre Rollen und Filme direkt vor der Kamera entwickelte, ungewöhnlich, vergleicht man mit dem heutigen Mainstream-Kino. »Wir finden sie toll. Wir wollen den Blick auf die Filmgeschichte, aufs Frühe Kino.«

Was ist daran heute für das Publikum, für Frauen wichtig? Gramann: »Ein hoher Reiz dieser Filme besteht darin, dass man so viel sieht, so viel erkennt. Andererseits gibt es viel Fremdes: die Körperlichkeit, die Dramatik, das outrierte Spiel.« Schlüpmann erklärt diese Fremdheit mit den veränderten Lebensverhältnissen. Die frühen Filme geben »Einblicke in die Situation der Frauen in der patriarchalischen wilhelminischen Gesellschaft. Sie ermöglichen dem weiblichen Publikum zu sehen, wie abhängig Frauen darin sind. Sie eröffnen jedoch auch Perspektiven.« Aber das ist doch Unterhaltung, sogar Trivialkultur! Schlüpmann nickt. »Auch die Trivialkultur verhandelt etwas vom Alltag, Phantasien, Wünsche, in Geschichten von armen Mädchen, von alternden Künstlerinnen, die verlassen werden.« Träume, heißt das, können eine subversive Kraft entfalten.

Erfahrungswelten

Der Begriff des Frühen Kinos wird oft genannt auf diesem Dachgeschoss. In der Anfangsphase des Films war zunächst der Film, das Filmen an sich die Attraktion. Die Filme hatten eine große Aufmerksamkeit für die Dingwelt. Die Programme glichen oft Revuen und reichten von lustigen Turnübungen über politische Ereignisse, technische Entwicklungen bis hin zu botanischen und zoologischen Aufnahmen wie der unter Wasser gefilmten Geburt von Seepferdchen. Gespielte Szenen gab es, doch Nielsen war eine der ersten, die große Spielfilme realisierte. Weil die Drehbücher weniger ausgeführt waren als heutige, konnten Schauspielerinnen Spielräume nutzen und weit mehr bestimmen als nur ihre Kleidung. »Was Nielsen gespielt hat, kam aus einer Erfahrungswelt«, erklärt Schlüpmann. Nicht die »Abstraktion der Bühne, sondern ihre wirkliche Präsenz« sei zu spüren gewesen. Ein »Kraftfeld« habe sie geöffnet, in dem Raum, den die Kamera aufnimmt.

Auf Dachböden bewahrt man keine Filme auf. Das Geheimnis des Dachgeschosses Stiftsgasse 2 steckt in der Lust, die eigene Lust am Sehen zu teilen, andere süchtig zu machen nach diesem Augenblick, in dem das Licht aus- und der Vorhang aufgeht: »Wir haben Erfahrungen mit den Filmen gemacht, die so wichtig sind, dass wir sie mit anderen teilen wollen«, sagt Heide Schlüpmann. »Man liebt auch die Filme, die man zeigt; man möchte, dass sie gesehen werden.«

Das Projekt, an dem die Kinothek zur Zeit arbeitet, beginnt wieder beim Publikum, dem großen Publikum der Fußballbegeisterten. Mit ihrem Festival »Kick it« wird die Kinothek vom 11. bis 15. Mai Fußballfilme zeigen, Frauen-Fußballfilme. Frankfurt ist einer der Orte, an denen die Weltmeisterschaft des Frauenfußballs ausgetragen wird, und soeben übernahm die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth die Schirmherrschaft des Filmfests. Man kann auf neue Filme gespannt sein und darauf, ob es fußballspielende Frauen gab im stummen Film.

So viel Kinoglück, fehlt nichts? Doch, das eigene Kino. Die Kinothek arbeitet mit wechselnden Kinos, besonders mit dem Frankfurter »Mal seh'n«, mit dem Kino des Filmmuseums Frankfurt, oft mit dem Berliner »Arsenal«, sie nutzt immer wieder auch unkonventionelle Räume. Aus dem, was fehlt, wird manchmal Glück. »Das Nomadisieren mit den Filmen«, sagt Heide Schlüpmann, »ist sehr schön.«

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