Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
Schnellsuche

Erweiterte Suche

Von René Heilig 18.02.2011 / Inland

Abschreiben, bis der Doktor kommt

Minister zu Guttenberg: Vom Raubritter zum Raubkopierer?

Plagiatsvorwürfe gegen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg – seine Dissertation sei über weite Strecken abgeschrieben, heißt es. Politik und Medien streiten nun darüber, ob die Abschriftstellerei politisch angemessen war oder nicht.
Freiherr zu Guttenberg liest Märchen vor. Die Uni Bayreuth
Freiherr zu Guttenberg liest Märchen vor. Die Uni Bayreuth gibt ihm 14 Tage Zeit, sich ehrlich zu machen.

Die Einschläge kommen näher, die Detonationen werden stärker. Der Verteidigungsminister zog sich zurück – an die Front nach Afghanistan. Dort am Außenposten Baghlan, wo der erste Graben deutscher Freiheitsverteidigung verläuft, bezog er Stellung. Nicht zu den Vorwürfen freilich. Wie auch? Ganz gegen die Gewohnheit hatte der »Inszenator« weder seine Frau noch seine Journalisten im Schlepp.

Kein Wunder, denn an der Heimatfront gilt »KT« überraschend als »Raubritter«. Der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano hatte Guttenbergs Doktorarbeit (»Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU«, Uni Bayreuth, summa cum laude) gelesen, um sie für die Zeitschrift »Kritische Justiz« zu rezensieren. »Widersteht man dem Impuls, die Arbeit mangels Substanz nach einer ersten Durchsicht gelangweilt aus der Hand zu legen und liest man etwas genauer hinein, dann zeigen sich einige formelle Auffälligkeiten«, stellt er fest. Zu Guttenberg bediene sich »bei einer ganzen Reihe von Texten und Autoren_innen, ohne die Fremdzitate lege artis kenntlich zu machen«, Klartext: zu Guttenberg klaute sich weite Teile seiner Arbeit zusammen. 23 Stellen belegt der Rezensent. Inzwischen haben Guttenberg-Jäger mit Google-Hilfe zahlreiche weitere angefügt. Wann kommt der Blattschuss für den angeblichen Superstar?

Die einen nennen es »peinliche Entgleisung«, andere wittern einen »Verstoß gegen den wissenschaftlichen Anstand«. Der Sprecher des Ombudsmanns für die Wissenschaft, der Bonner Jurist Wolfgang Löwer, meint, dass ein Plagiat nicht automatisch die Entziehung des Doktor-Titels bedeuten müsse. Zu fragen sei, ob eine »Täuschungsabsicht« oder nur »mangelnde Sorgfalt« vorliege. Die Passauer Professorin Barbara Zehnpfennig dagegen, bei der Guttenberg Teile der Einleitung seiner Dissertation abgeschrieben haben soll, fordert die Aberkennung des Doktortitels. Dass Zehnpfennig zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ihrer Originalarbeit noch an der Bundeswehr-Universität in Hamburg lehrte, ist leicht pikant.

Der beschuldigte Freiherr indes wies vor seinem Afghanistan-Trip nicht nur alle Plagiatsvorhalte zurück, sondern stellte auch in Abrede, dass er andere für sich arbeiten gelassen habe. Beim wissenschaftlichen Dienst des Bundestages erinnert man sich intern anders. Doch in dem Fall steht zu Guttenberg nicht allein.

»So geht's halt, wenn man sich zu sehr auf Hochglanz poliert«, frohlockt SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold und schlussfolgert: Ein Minister, der wie zu Guttenberg seine Glaubwürdigkeit verloren habe, »kann nicht mehr wirklich arbeiten – im Bereich der Bundeswehr, in dem es in hohem Maße auf Vertrauen ankommt«. Aus der Linksfraktion kommen direktere Rücktrittforderungen. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) vergisst Koalitionsdisziplin und will »Auskunft«.

All jene, die »Blender« rufen, die daran erinnern, dass zu Guttenberg seine Biografie retuschiert haben soll und dass er zu Beginn seiner Militär-Minister-Zeit einen deutschen Bombenmord an afghanischen Zivilisten als militärisch notwendig rechtfertigte, dann zur konträren Erklärung ansetze und zwei Spitzenleute feuerte, all jene, die zu Guttenbergs Verhalten in der »Gorch Fock«-Affäre schäbig halten, die sein schönfärberisches Agieren bei der Bundeswehrreform kritisieren oder darüber schmunzeln, dass er sich Eurofighter-tauglich testen ließ – sie alle sollten sich auch fragen, wie ein solcher Mann unangefochten (mit 13 Punkten Vorsprung vor dem Bundespräsidenten) beliebtester Politiker sein kann, obwohl er maßgeblich Verantwortung für die deutsche Teilnahme am Afghanistan-Krieg trägt, der von fast 70 Prozent der deutschen Wähler abgelehnt wird.

Wer ehrliche Antworten sucht, wird zu erschreckenden Beurteilungen unserer Gesellschaft kommen.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Plagiatsaffäre um Guttenberg

    Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) stürzt über die Plagiats-Affäre. Knapp zwei Wochen nach dem Bekanntwerden der Affäre verkündete er nun seinen Rücktritt. Mehr

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

7 Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
  • Matti, 18. Feb 2011 22:19

    Wetten das

    Ich wette, er kann seinen Doktortitel behalten. Alles andere wäre “abstrus”.

    Dafür, dass HK die Wette gewinnt, spricht noch mehr:
     Viele Medien wiegeln immer noch ab, genauso wie die Justizministerin und die Universität und natürlich die Parteifreunde des Barons. Von Plagiat-„Vorwürfen“ ist die Rede, man müsse erst mal prüfen, man lasse sich von zu Guttenberg dies erklären. – Prüfen ist gut und bei der Universität Bayreuth auch angebracht, aber am Plagiat selbst gibt es nichts zu deuteln. Vieles spricht für AussitzenVon einer Kampagne linker Kräfte gegen Guttenberg ist die Rede. Das hilft in dem herrschenden Klima, das so anti-kommunistisch aufgeheizt ist wie die Fünfzigerjahre.
     Viele Medien winden sich. Sie wollen nicht zugestehen, dass der Aufstieg zu Guttenbergs ein PR Produkt ist und dass daran nicht nur die Springer-Presse, namentlich die Bild-Zeitung, mitgewirkt habe, sondern die Mehrheit der Medien selbst. Die Universität Bayreuth ist vermutlich finanziell und politisch abhängig von der fränkischen und bayerischen CSU und Wirtschaftskreisen Der Doktorvater ist auf rührende Weise politisch eingenordet.
    Für den Gewinn der Wette spricht vor allem, dass die konservative Welt, der Springer-Konzern und offensichtlich auch die USA schon viel in Guttenberg und das Ehepaar Guttenberg investiert haben.
    Gegen den Gewinn der Wette sprechen:
    Es ist ein grandios skandalöser Vorgang
     Immerhin zwei konservative Medien, die FAZ und die Neue Zürcher Zeitung, sind direkt vom Plagiat betroffen. Das ist etwas dumm gelaufen für den Baron.
     Auch zu Guttenberg macht Fehler. Sich vor einem ausgewählten Kreis von Journalisten zu präsentieren und vor der Bundespressekonferenz nicht, das war vermutlich nicht hilfreich für ihn. Zum Vorgang siehe.
     Es sind Wissenschaftler betroffen, deren Texte in Guttenbergs Doktorarbeit übernommen worden sind, die diesen Vorgang nicht einfach auf sich sitzen lassen werden.

    • Permalink

  • JaneO., 18. Feb 2011 17:57

    Bewegliche Letter

    Na immerhin haben`s seine Vorfahren doch erfunden - die beweglichen Letter . Da hat er diese eben ein bissel "bewegt" zu seinen Gunsten.
    Wie? Das darf man nicht? Ups.....nicht aufgepasst beim Studium, Herr Doktor von und zu.....?

    • Permalink

  • Bruni, 18. Feb 2011 14:33

    Plagiator

    Seid nicht so fies zu dem armen Mann!
    Ihr wisst wohl nicht, wie schwer es ist, fremde Zitate so auszuwählen und zusammenzuschreiben, dass es wie eine eigene kreative Leistung aussieht.

    Viel interessanter sind doch die Reaktionen:
    Der Herr Löwe (der Ombudsmann) soll laut Videotext ARD von heute (Tafel 140) gesagt haben, man müsse in solchen Fällen "schlechte Wissenschaft und Täuschung auseinanderhalten."
    Vielleicht hat KT also "nur" schlechte Wissenschaft gemacht? Mit summa cum laude.

    • Permalink

  • painter73, 18. Feb 2011 11:04

    Hollywood läßt grüßen...

    Das Volk braucht Filmschauspieler! Nur deshalb ist der so beliebt. Armes Deutschland!

    • Permalink

  • heluwi, 18. Feb 2011 08:31

    Ein wenig beachteter Aspekt

    ist die Tatsache, welche geringe Sorgfalt bei den Gutachtern der Dissertation bestanden haben muss. Die, wie ich sie nenne, "Labberwissenschaften" haben sich nach der Wende auch in Ostdeutschland ausgebreitet wie ein Krebsgeschwür und übertreffen bei weitem das was an den Sektionen ML vor sich hin dämmerte. Man würde erwarten, dass dort auch Köpfe rollen müssten. Mein persönlicher Eindruck ist das hier Faulheit herrscht.

    • Permalink

  • timundstruppi, 18. Feb 2011 06:56

    toll

    ....auf den punkt genau getroffen. DANKE!

    • Permalink

  • R.E.J, 17. Feb 2011 23:11

    Blendgranate

    Unser Kriegsminister - eine Blendgranate !
    Wer hätte das gedacht. Der fränkische Ritter mit Fehl und Tadel. Vor 100 Jahren hätte sich so ein Adliger- Untadeliger die Kugel gegeben. Leider haben sich da die Zeiten geändert .Keine Ehre mehr im Leibe diese Brüder . Sein Urahn , Carl I. , wäre zur Buß`und Reu nach Jerusalem oder Rom gepilgert. Unser Karl ist in das Kanzleramt gepilgert. Bestimmt hat ihn unsere Angela dazu verdonnert die Höhe 431 in Afghanistan, als gemeiner Rekrut, zu verteidigen und eine neue Doktorarbeit über die Sinnlosigkeit von Kriegen zu verfassen. Aber wir guten Deutschen lieben IHN ja so und werden dank unser jüdischen-christlichen Wurzeln dem Mars aus dem Frankenland untertänigst verzeihen. So einer ehrlichen Haut darf man doch nicht die zukünftige Kanzlerschaft verbauen, wenn unsere Angie mal im 7. radioaktiven Höllenkreis strahlen muß.

    • Permalink

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Facebook
Twitter
Umfrage

Leserpreis 2012

Auszeichnung beim »Fest der Linken«
nd-Newsletter

Täglich gut informiert.

Jetzt hier kostenlos abonnieren!
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Klimaretter
Sprungmarken: Seitenanfang.