Von Marga Voigt
26.02.2011

Die Kraft des weiblichen Geschlechts

Vor 100 Jahren wurde der erste Internationale Frauentag begangen – die Intention der Clara Zetkin & Genossinnen

Clara Zetkin (am Tisch, Mitte) mit Alexandra Kollontai (links) a
Clara Zetkin (am Tisch, Mitte) mit Alexandra Kollontai (links) auf der Zweiten Internationlaen Frauenkonferenz

Wieder steht der Frauentag bevor, zum nunmehr bereits hundertsten Mal international begangen. Und deutsche Medien und Politik beschäftigt die Quotenfrage mehr als die Frauen selbst. Was hätte wohl eine Politikerin wie Clara Zetkin, Mitglied des Reichstages, dazu gesagt? Wir wissen es nicht, können nur spekulieren. Dies soll hier nicht unternommen, vielmehr an die ursprünglichen Intentionen des Internationalen Frauentages und deren Mitbegründerin, die deutsche Sozialdemokratin und spätere Kommunistin Clara Zetkin erinnert werden.

»Als ich meine Berliner Freundinnen aufforderte«, sagte sie vor Frauenaktivistinnen zu Beginn der 20er Jahre in Moskau, »auf der Zweiten Internationalen Konferenz der sozialistischen Frauen in Kopenhagen 1910 einen Antrag einzubringen, der die Einführung eines internationalen Frauentags festlegte, so tat ich das mit der bestimmten klaren Absicht, einen revolutionären Mobilisationstag großer werktätiger Frauenmassen gegen die bürgerliche Gesellschaft zu schaffen«. Dieser sollte sich »gegen die zunehmende Entartung der Sozialdemokratie zur sanften Reformpartei« wenden. Denn: »Es war augenscheinlich für uns Linke, dass der 1. Mai, der von dem Gründungskongress der II. Internationale als revolutionäre Kundgebung beschlossen worden war, mehr und mehr von seinem ursprünglichen Sinne verlor, dass er mehr und mehr ein harmloser Feiertag wurde.« Clara Zetkin hoffte, »dieser Verflachung und Versimplung aus dem weiblichen Proletariat aller Länder eine kraftvolle revolutionäre Demonstration entgegen stellen zu können, die ihrerseits belebend, erfrischend auf die Maifeier zurückwirken sollte«. Sie war also überzeugt, dass die Frauen die ermüdeten, resignierten oder sich mit bereits Erreichtem begnügenden Männer aktivieren und mobilisieren könnten – sei es im Kampf um soziale und politische Rechte oder um Frieden in der Welt und gegen Kriegstreiberei.

Schon der erste Internationale Frauentag, am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz begangen, galt nicht nur der Durchsetzung des Frauenwahlrechts, sondern richtete sich auch gegen die drohende Kriegsgefahr. In der Tat waren es vor allem Frauen, die in den verschiedenen kriegführenden Ländern gegen das Völkergemetzel protestiert haben. Und mehr noch:

Im März 1915, im ersten Kriegsjahr, fand in Bern eine Internationale Sozialistische Frauenkonferenz statt. Verabschiedet wurde ein Friedensmanifest, das Clara Zetkin mit ihren sozialistischen Bündnisgenossinnen in den kriegführenden Ländern unter schwierigsten illegalen Bedingungen und gegen den Willen ihres eigenen SPD-Parteivorstands erarbeitet hatte. Erst zwei Jahre später rangen sich die Führer der sozialdemokratischen Arbeiterparteien zu einer Internationalen Sozialistischen Konferenz in Stockholm durch, auf der auch sie ein gemeinsames Manifest zur Beendigung des Krieges verabschiedeten. Darauf anspielend erklärte Clara Zetkin: »Es wird der Stolz und die Ehre der revolutionären Frauen bleiben, dass sie allen mit einer internationalen Kundgebung gegen den Krieg und für die Revolution vorangegangen sind, der Jugend, die ihnen bald folgte, und den erwachsenen Männern, die sich natürlich bedächtiger, politisch klüger und weiser dünkten als wir dummen Frauen, und die daher als letzte hinter uns herhinkten.«

Sollte nicht auch heute dieser, den Internationalen Frauentag von Anfang an begleitende Friedenswille wieder stärker in den Vordergrund rücken?

Als Clara Zetkin am 27. August 1910 in Kopenhagen die Einführung eines internationalen Frauentages vorgeschlagen hatte, war noch kein konkretes Datum fixiert worden. Wurde er zunächst in Erinnerung an die Märzkämpfe 1848 und die Pariser Kommune von 1871 Mitte März begangen, so später Mitte Mai. Die Festlegung auf den 8. März erfolgte auf der II. Internationalen Kommunistischen Frauenkonferenz im Juni 1921 auf Vorschlag der bulgarischen Delegation. Damit sollte an den 8. März 1917 in Petersburg erinnert werden, als russische Proletarierinnen »Frieden, Brot, politische Gleichberechtigung!« forderten. »Es kam zu gewaltigen Straßendemonstrationen, zu Kämpfen, bei denen die Arbeiterinnen in den vordersten Reihen fochten. Die Frauen hatten als erste die Sturmglocke der Revolution gezogen«, resümierte Clara Zetkin in Moskau anerkennend.

Die deutsche Sozialistin wusste, dass Produktionsverhältnisse immer auch Geschlechterverhältnisse sind. Das deutlich benennend, warb sie um die Frauen, sich gleichberechtigt an dem weltweiten sozialen Kampf der Ausgebeuteten und Unterdrückten zu beteiligen. »Das Schicksal der einzelnen werktätigen Frau wird letzen Endes nicht bestimmt durch ihre Tugenden oder ihre Laster«, rief sie den Frauen zu. Es entscheide sich nach der Klassenlage. Der Internationale Frauentag bot ihr und ihren Genossinnen und Genossen die Möglichkeit, Bewusstsein für den Klassengegensatz zu entwickeln, der »nicht nur die Männer voneinander scheidet, sondern auch die Frauen« und Ausgangspunkt »ihrer anhaltenden, zähen, leidenschaftlichen, organisierten Beteiligung« am Kampf gegen die bürgerliche Ordnung sein sollte.

Clara Zetkin stritt dafür, Frauen als Teil der internationalen sozialen Bewegung zu begreifen. »Die Frau wurde durch wirtschaftliche Umstände in Verbindung mit der Mutterschaft das erste Eigentum des Mannes«, kritisierte sie. »Sie ist in seinem Bewusstsein das letzte Eigentum geblieben, von dem er erklärt: ›mein, mein, mein!‹ Das Herrenbewusstsein des Mannes, die Geringschätzung der Frau, hat älteste und tiefste Wurzeln.« Auch in den Reihen der Kommunisten sei das alte Vorurteil längst nicht völlig überwunden, beklagte Clara Zetkin. »Ich spreche das offen aus, denn nichts wäre verderblicher als eine Täuschung unserer selbst darüber«, so Clara Zetkin (zitiert nach Akte 258-2/340 im Russischen Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte, Moskau). Und immer wieder verwies sie auf die Stärken der Frauen, von denen die sozialistische Bewegung profitieren könne, auf »die reichen Springquellen geistiger und sittlicher Werte«, die in den Frauen »unterirdisch rauschen, ungekannt und ungenützt«, wie sie am 19. Juni 1917 in der »Leipziger Volkszeitung« schrieb.

Insofern haben Clara Zetkin und ihre einstigen Mitstreiterinnen sehr wohl heute Wichtiges zu sagen, in einer Zeit, da der bereits erkämpfte Grundsatz »Gleicher Lohn für gleiche Arbeit« wieder aufgegeben wurde und Ehemänner und Söhne wieder an einer fernen Front sterben.

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