Von Gunnar Decker
26.02.2011

Guru des anderen Lebens

War Rudolf Steiner ein Prophet der Gegenmoderne? Überlegungen aus Anlass seines 150. Geburtstages

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Gunnar Decker, geboren 1965 in Kühlungsborn, lebt in Berlin, zuletzt erschienen seine Biografien über Franz Fühmann und Vincent van Gogh, sowie der Essay-Band »Über die unentwickelte Kunst ungeteilt zu erben. Eine Deutschstunde« (zus. mit Kerstin Decker). Derzeit arbeitet er an einer Biografie Hermann Hesses, die im kommenden Jahr im Carl Hanser Verlag erscheint.

Das Leben wird um 1900 auf explosionsartige Weise unübersichtlich. Ein Moloch aus Schmutz, Maschinenlärm, künstlichem Licht und Geschwindigkeit. Wie kann man inmitten dieser technisch hochgerüsteten labyrinthischen Wirklichkeit ein unmittelbares Gefühl für die Natur bewahren, die innere und die äußere? Eine ernste Frage, auf die es viele – konjunkturbedingt – unernste Antworten gibt.

Ist die Anthroposophie, für die Rudolf Steiners Name steht, so eine unernste Antwort? Hermann Hesse gehört zu denen, die das »Innen« gegen das »Außen« stellen, denen Nietzsches Vision eines »Klosters für freie Geister« nahe steht. So schreibt er am 21. Januar 1918 an seinen Freund und Psychoanalytiker J.B. Lang über Steiner: »Vieles bei ihm trifft mit den Anschauungen über Seele und Persönlichkeit, die sich in den letzten Jahren bei mir bildeten, sehr nahe zusammen.« Steiner, der in Weimar zuerst Goethes naturwissenschaftliche Schriften herausgegeben hatte, dann ans Nietzsche-Archiv gekommen war, spricht Künstler und Intellektuelle, aber auch die bildungsbürgerlichen Eliten an, vor allem Frauen. Ausgehend von der magischen Naturauffassung Goethes, dessen Widerstand gegen eine bloße »Verzifferung« der Natur sich in der Polemik der »Farbenlehre« gegen Newton zeigt, gelangt er über Nietzsches Atheismus zu einer Vielzahl von -ismen, darunter »Theosophie« und »Anthroposophie«.

Miriam Gebhardt schreibt in ihrer aus Anlass des 150. Geburtstages erschienenen – überaus lesenswerten – Biographie Steiners über die geistige Situation in Deutschland um die Jahrhundertwende, man sei vom »Okkultismusfieber angesteckt« gewesen: »Spiritisten, Theosophen, Astrologen, Psychologen, Graphologen, Geistheiler und Wahrsager versammelten sich in hunderten von okkulten Vereinen, Geschäften, Institutionen, brachten Zeitschriften heraus, boten okkultistische Dienstleistungen feil.«

Da herrscht keineswegs bloße Technikangst, oder gar Technikfeindschaft, sondern eine merkwürdige Euphorie des Möglichen im Bereich des bislang Unsichtbaren, die sich jedoch schnell in Hysterie steigern konnte. Man denke sich die Erfindung von Radio und Telefon, das Übertragen von Stimmen durch den Äther – und die sich daran anknüpfenden Fantasien, das Jenseits betreffend. Steiner jedenfalls ist ein Kind der modernen Technik. Sein Vater war Bahnbeamter, und das Entstehen eines modernen Bahnnetzes, das jede Entfernung in nie gekanntem Maße relativierte, wurde zur prägenden Grunderfahrung seines Lebens, wie auch Helmut Zander in seiner Biografie feststellt, die aus der Kenntnis der gesamten Breite der Anthroposophie in Deutschland schöpft: »Leuchtende Augen meint man hingegen noch im Gesicht des sechzigjährigen Steiner zu sehen, wenn er über die Bahntechnik schreibt, über die Schienen, die sich in den Bergen verlieren, und die Drähte, die die Bahn mit der Welt verkabelten.« Steiners Weg ist fortan der vom »suchenden Wissenschaftler zum gesuchten Guru«, so Miriam Gebhardt, die in ihrer Biographie mit pointierten Formulierungen und einer immer wieder aufblitzenden – durchaus wohltuenden – ironischen Distanz zum »Propheten des anderen Lebens« zu glänzen weiß.

Auch Hermann Hesse, der in der Schweiz viele Freunde hat, die aus dem Umfeld von Steiner kommen, sieht diesen mit wachsender Distanz. Das Spiel mit Geburtsdaten kennt er von seinem Freund Joseph Englert, Nachbar in Montagnola und entlaufener Steiner-Jünger. Ein Ingenieur, der sich nebenberuflich als Astrologe betätigt und auch Hesse ein – von diesem durchaus ernst genommenes – Horoskop stellte. Wie Steiner vertuscht er sein Geburtsdatum, selbst Briefdaten werden »getarnt«– da zeigt sich dann der okkultistische Glaube als das, was er in seinem Kern ist: Aberglaube. Auch Hesses Therapeut J.B. Lang hat Kontakt zu Steiner, dessen Einfluss Anfang der 20er Jahre unaufhörlich wächst. Seine Thesen entwickelt er im mündlichen Vortrag: beinahe täglich tritt er irgendwo im deutschsprachigen Raum auf, am Ende füllt er ganze Konzertsäle mit seinen Anhängern. Beim Sprechen entfaltet er eine hypnotische Wirkung auf seine meist weiblichen Zuhörer, im Schriftlichen jedoch formuliert er umständlich und ungelenk. Dass in dieser Form von Esoterik vieles bloß rhetorisches Blendwerk ist, das bemerken die schärferen Geister sehr bald an Steiners mit immer neuen und bombastischeren Namen auftretenden Theorien, die im Grunde immer neu die Mischung von Rousseaus Rückkehr zur Natur, magischer Naturauffassung und parapsychologischem Effekt variieren. »Ganzheitlich« heißt das Zauberwort der Anthroposophen, bei dem allerdings keiner so genau weiß, was es denn bedeutet – und seine Anhänger trotzdem vor Emphase leuchtende Augen bekommen.

J. B. Lang berichtet Hesse in einem Brief vom 8.5.1920 über eine »eurythmische Vorstellung bei Rudolf Steiner« in Dornach, wo sich das »Goetheanum« (Sitz der anthroposophischen Gesellschaft) befindet: »Dort liegt aber nichts für uns, alte und junge Jungfern treiben dort etwas mechanischen langweiligen Drill, Frau Steiner deklamiert in hohlem Pathos dazu und Steiner selbst predigt.« Hesse hat durchaus Kontakte zum Steiner-Kreis. So reist er 1921 zu einem Vortrag nach Stuttgart, um in der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik vor den versammelten Arbeitern zu lesen. Die Fabrik gehörte dem Anthroposophen Emil Molt, der 1919 auch die erste Freie Waldorfschule in Stuttgart gegründet hatte. Hesse will nicht gern offen über sein Unbehagen sprechen, das ihn bei den Anthroposophen überkommt und ihn fatal an seine Zeit auf dem Monte Verità bei Ascona erinnert, wo er sich Anfang des Jahrhunderts unter Nudisten, Vegetariern, Rohköstlern und Naturmenschen aller Art aufhielt. An den Aussteigern störte ihn der Fanatismus, die sektenhafte Militanz, die aus einer schönen Idee eine hässliche, intolerante Ideologie machte. Seitdem ging er zu allen Lebensreformbewegungen gehörig auf Distanz.

In einem Brief vom 11.12. 1923 formuliert er seine Ablehnung trotzdem zurückhaltend: »Ich habe zufällig einige persönliche Freunde, die unter Steiners Einfluß stehen und zu seinen Anhängern gehören, ich selbst aber bin weder ein Freund noch ein Anhänger Steiners ... Ich bitte Sie jedoch, dies als private Mitteilung zu nehmen, da ich öffentlich es mit aller Sorgfalt vermeide, irgendwie Partei zu ergreifen. Ich tue das nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus der Überzeugung, vielmehr dem Wissen, daß der Streit um Parteien und Prinzipien auf einer völlig andern Ebene vor sich geht als das, was meine eigenen Gedanken und Bemühungen ausmacht.«

Sein engster Vertrauter, der vormalige Dada-Künstler und erste Hesse-Biograf Hugo Ball, äußert sich dagegen nach einem Vortrag Steiners über das Wesen der Anthroposophie, der unter »unglaublichem Andrang« stattgefunden habe, in einem Brief vom 18.1.1922 ganz offen: »Aber es war eine Enttäuschung. Ich glaubte an eine persönliche Magie und horchte sehr angestrengt seiner Seele nach. Seine sprachliche Energie aber ist gar nicht so ›leibfrei‹ (um seinen eigenen Terminus zu gebrauchen). Es blieb mir rätselhaft, worin seine Erfolge bestehen mögen.« In seinem (zu Lebzeiten unveröffentlichten) Tagebuch der Jahre 1920/21 wird Hesse dann allerdings sehr drastisch über Steiner schreiben, es »widerspreche seine ganze Persönlichkeit (Vortragsreisen, angestrengte Propaganda, finanzielle Gründungen, Kultus seiner Person etc. etc.) durchaus und grundsätzlich dem, was alle Religionen der Welt als Typus des Heiligen und Vollkommenen bezeichnen.« Steiner ist für Hesse nun »das Gegenteil eines Heiligen, ein genialer Streber« und auch den Einwand, dieser bringe seiner Sache mit der unablässigen Vortragstätigkeit doch ein großes Opfer, lässt er nicht gelten: »Ich sagte ihm, daß gerade dies sich Totarbeiten ein Zeichen streberischer Geschäftigkeit sei, niemals ein Zeichen des Heiligen.«

Über Rudolf Steiners Leben, darüber sind sich die Biografen einig, weiß man wenig. Miriam Gebhardt schreibt: »Er war der ›große Meister‹ und keine historisch erforschbare Person.« Ein »Guru«, den man verklärt, aber nicht hinterfragt, ein »Chamäleon«, das eine »courtsmahlerische« Sprache gebraucht. Und doch, so Miriam Gebhardt: »Aus dem lebensreformerischen Warenhaus bedienen wir uns noch immer.« Von den Waldorfschulen bis zu biodynamischen Landwirtschaft stand immer jene »unio mystica« im Raum, die die Einheit von Materie und Geist, von Körper und Seele, von Natur und Kultur verspricht. Aber einer Einheit ohne Differenz, einer Mystik ohne Skepsis wird zwangsläufig alles zur – für fast jeden weltanschaulichen Zweck verwendbaren – raunenden Esoterik. »Die Patentrezepte zur Heilung des Selbst und der Gesellschaft hießen: Vegetarismus und Antialkoholismus, Nudismus, Abwehr von Schmutz und Schund, körperliche Ertüchtigung, Kleiderreform, Rassenhygiene, gesundes Wohnen und Bauen, Reformkost ...« (Gebhardt)

Macht Anthroposophie aus uns nun bessere Menschen? Gewiss nicht, es gibt zwar eine ganze Reihe von grün-alternativen Politikern, die der Anthroposophie nahestehen – es gab aber auch den NS-Bauernführer Walter Darré, der Steinerts »biodynamischen Landbau« propagierte, ebenso den anthroposophischen KZ-Arzt und vormaligen Waldorfschüler Sigmund Rascher, der in Dachau an Häftlingen Versuche mit einer »naturheilkundlichen Frostschutzcreme« durchführte. Übrigens von jener heute in 50 Ländern vertretenen »Weleda AG« produziert, die Steiner begründete, mittlerweile drittgrößter deutscher Hersteller von Babypflege-Produkten und Marktführer bei Naturkosmetik mit einem Jahresumsatz von 400 Millionen Schweizer Franken (2009). Allerdings, so liest man, stecken die Anthroposophen vom »Goetheanum», trotz Otto Schily als Festredner zum 150. Geburtstag Steiners, in argen finanziellen Nöten, denn der Nachwuchs bleibt – trotz boomender Waldorf-Schulen – aus. Es scheint sich der ökologische Gedanke mehr und mehr von der Anthroposophie Steiners emanzipiert zu haben. Schade?

»Im Menschen sind deutlich zwei Wesenheiten zu unterscheiden. Die physische Organisation und die geistige Organisation des Menschen. Die physische Organisation wird geistig vorbereitet im vorirdischen, im vorgeburtlichen Leben. Die geistige Organisation ist während des gesamten irdischen Lebens wirksam, nur drückt sich das nicht in etwas äusserlich Sichtbarem aus. Wir haben in uns also einen unsichtbaren geistigen Menschen, der zum Beispiel innerhalb der Wachstumskräfte wirksam ist. Bis in die tägliche Wiederherstellung dieser Kräfte durch die Ernährung ist die geistige Organisation wirksam. Und diese Wirksamkeit ist die Nachwirkung des vorirdischen Daseins, das im irdischen Dasein als Bilde-Kräfte-Leib (Ätherleib) wirkt, der sich aber nicht bewusst offenbart.«
Rudolf Steiner

Das Zitat stammt aus dem Band »Ich bin das Bild der Welt. Rudolf Steiner – Wandtafelzeichnungen. Otto Riemann – Photographien«, den Roland Scotti und Walter Kugler im Steidl Verlag herausgegeben haben (60 S., geb., 20 €). Eine gleichnamige Ausstellung ist ab 29. Januar im Museum Liner Appenzell zu sehen.

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