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Klaus Stenzel (l.): »Ich würde mich freuen, wieder von Ihnen zu hören.« / Hans Christange: »Schicke ich Ihnen das Buch zurück ...«
Foto: Joachim Fieguth
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Bis vor Kurzem hatten sie weder telefonischen noch persönlichen Kontakt. Nun bereits ihre zweite Begegnung: Hans Christange und Klaus Stenzel trafen sich auf Einladung der Linkspolitikerinnen Luc Jochimsen und Gabriele Zimmer in Weimar. Sie lasen aus dem Briefwechsel, den sie nunmehr seit 15 Jahren pflegen und soeben in Teilen veröffentlichten. Christange war aus Cottbus in Brandenburg angereist, Stenzel aus Speyer in Rheinland-Pfalz.
Die Männer umarmten einander nicht, immerhin schüttelten sie sich die Hände. Selbst das hat man bei Kenntnis der Dinge nicht unbedingt erwarten können. Seit 15 Jahren tauschen sie Liebenswürdigkeiten wie diese aus: »Ich bin tatsächlich nicht mehr bereit, Auseinandersetzungen in der Art weiterzuführen.« »Mit einer erneuten Antwort können Sie rechnen, wenn erkennbar wird, dass Sie größere Sorgfalt bei der Argumentation verwenden.« Oder: »Wenn Sie auf diesem Niveau verharren, erübrigt sich jeder weitere Disput!« – Sätze, die Christange schrieb. Stenzel blieb ihm nichts schuldig: »Ihr Brief zeugt mir von einer unerträglich erscheinenden Schwarz-Weiß-Malerei ...« »Einen Schlenker zur DDR kann ich mir auch in diesem Brief nicht verkneifen. Sie erlauben doch, oder?« »Ihre Reaktion erzeugte bei mir ein durchaus positives Gefühl, das ich schon fast abhanden gekommen glaubte.« Freilich setzte er desöfteren hinzu: »Ich würde mich freuen, wieder von ihnen zu hören.«
Seit 15 Jahren streiten sie, watschen einander ab – und korrespondieren weiter. Christange unerbittlich, bitter. Stenzel locker vom Hocker, selbstgewiss. Christange, der Ossi, Stenzel, der Wessi.
Auslöser für diesen Briefwechsel war ein Artikel im »Neuen Deutschland«. Er erschien in der Osterausgabe 1996 unter dem Titel »Den Osten erleben: ›Aufschluss- reich, manchmal etwas erschreckend‹«. Stenzel, damals noch Deutsch- und Sozialkundelehrer am Bertolt-Brecht-Gymnasium in Darmstadt, hatte mit Abiturienten eine Projektfahrt nach Magdeburg unternommen und die Schüler anschließend gebeten, ihre Eindrücke zu formulieren. Diese Aufsätze schickte er ans ND, das er, neben anderer Presse, interesse- und berufshalber liest. Stenzels Post landete auf meinem Schreibtisch, ein ziemlicher Packen Papier. Veröffentlichen oder nicht? Viele Leser würden empört sein. Und doch, schien mir, könnten die »fremden Sichten« nicht nur Widerspruch provozieren, sondern wären vielleicht auch geeignet, dass man sich ihnen gegenüber öffnet. Ich kürzte die eingesandten Texte also auf die brisanten Stellen zurück, wie Stenzel auf einen Disput hoffend. Dass dieser tatsächlich zustande kam – zwar nicht öffentlich, sondern privat ausgetragen –, erfuhr ich erst kürzlich, als Christange und Stenzel ihn im NORA-Verlag herausgaben.
Ja, Hans Christange war empört ob der Schülermeinungen, die ihn zu Ostern '96 aus seiner Zeitung ansprangen. Unter anderem hatten die jungen Darmstädter sich über die unmodernen Magdeburger Straßenbahnen mokiert und diese als »Überbleibsel aus DDR-Zeiten« gewertet. Darauf musste Christange reagieren! Mit diesen Bahnen habe man für 0,15 beziehungsweise 0,30 DDR-Mark durch die ganze Stadt fahren können, pfefferte er zurück, während eine Fahrt heute so teuer sei, dass er lieber zu Fuß gehe. Am meisten aber hatte er sich über die Aussage der Schüler geärgert, ihre Magdeburger Altersgefährten seien wenig gesprächsbereit gewesen. Er rüffelte an Stenzels Adresse: »Ich habe aus keinem Satz entnehmen können, dass Sie auch nur einmal bereit gewesen wären, einen Standpunkt der Magdeburger zu akzeptieren. Sie erwarten aber, dass Ihre Vorstellungen akzeptiert werden, die Sie über unsere Verhältnisse in der DDR nicht aus eigener Erfahren machen konnten, sondern vor allem durch die Medien vermittelt bekamen.« Immer wieder wird bei Christange von »maßloser Arroganz« und von »Hochmut« die Rede sein. Mit freundlichen Grüßen.
Damit setzte ein zähes Ringen ein. Christange ringt um Augenhöhe, Stenzel um Demokratieverständnis. Sie sezieren Begriffe wie »Siegerjustiz«, »Unrechtsstaat« und »Menschenrechte«. Ost berichtet von hoher Arbeitslosigkeit, von Jugendlichen ohne Perspektive und von der »Enttäuschung der Ostdeutschen«. Was West veranlasst, die Frage zu stellen, wieso Christange der Meinung sei, für alle Ostdeutschen sprechen zu können. Der bleibt in der Sache hartschädelig: Menschenrechte, wie er sie versteht, schließen auch soziale Rechte wie das Recht auf Arbeit ein: So gesehen habe es in der DDR mehr Menschenrechte als im »Musterländle« gegeben. Und da Stenzel die Stasi stark thematisiert, kontert Christange mit dem Hinweis, das Interesse von »Opfern« werde benutzt, um die DDR zu delegitimieren. Stenzel findet es nicht richtig, das Wort Opfer in Anführungszeichen zu setzen. Woraufhin ihm Christange »Das Gruselkabinett des Dr. Hubertus Knabe(lari)« aus dem spottless-Verlag sendet. Stenzel revanchiert sich mit der Knabe-Schrift »Stasiopfer berichten«, erschienen bei Heyne. Christange teilt mit: »Da ich derartige Machwerke … in meinem Bücherschrank nicht haben will, schicken ich Ihnen das Buch zurück.«
Das »Café Gedanken frei«, mit dem die Linkspolitikerinnen in der Weimarer Eckermann-Buchhandlung zu Gast sind, war am vergangenen Sonntagmorgen überdurchschnittlich gut besucht. Dass ein Ossi die DDR verteidigt und ein Wessi ihm 15 Jahre lang zuhört, weckte von vornherein Sympathie. Mögen sie sich abwatschen, es muss ihnen, da sie nicht Schluss machen, doch etwas, was auch immer, geben. Christange sagte, er fühle sich in der Pflicht, zur »inneren Einheit« beizutragen, indem er die ostdeutsche Sicht einbringt und für sie Respekt einfordert. Stenzel dagegen sprach vom Blick »über den westdeutschen Tellerrand«, den der Briefwechsel ihm eröffne, und davon, dass er sich in Christanges »Extrempositionen«, die er zunächst überhaupt nicht verstand, nun zumindest hineindenken könne – ohne sie zu akzeptieren. Sich auf einen Diskussionsbeitrag aus dem Publikum beziehend, stellte der Politiklehrer klar, es läge ihm fern, die DDR auf die Stasi zu reduzieren. Doch mit der Bemerkung, was 20 Jahre her ist, müsse nun endlich vergessen sein, sei es eben auch nicht getan. »Ich werde die Stasi in meinem Unterricht auch weiterhin zum Thema machen, da können Sie sich kopfstellen!« Konsens? Denkste.
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Christine Mussotter, frühere Schülerin von Klaus Stenzel: »Vor dem Buch wusste ich nichts von der DDR.«
Foto: Joachim Fieguth
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Konsens erzielten in 15 Jahren auch Christange und Stenzel nicht. Mehrfach bittet der Lehrer Christange, dessen Briefe in seinen Unterricht einbeziehen zu dürfen. Christange stimmt zu. Stenzel lässt die Briefe diskutieren, sendet Schülertexte nach Cottbus, dabei der Hoffnung Ausdruck gebend, dass Christange beim Lesen »keinen Herzanfall« erleidet – kleiner Scherz. Wenn Stenzel wüsste! Christange findet nächtelang keinen Schlaf. Muss er sich das noch antun in seinem Alter? Mit welch kühler Distanz junge Leute West über das Leben Ost urteilen! Und damit auch über sein Leben.
Hans Christange ist Jahrgang 1934. Als Sohn eines Telegrafenarbeiters und einer Verkäuferin kam er in Berlin zur Welt. Nicht mehr Kind, noch nicht Jugendlicher, lag die Heimatstadt in Trümmern. Wie sollte er nicht bei denen sein, die nach der Befreiung schworen: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus? Die DDR war von Anfang an sein Staat. Er wurde FDJ- und SED-Mitglied, heute hält er der LINKEN die Treue. An der Humboldt-Universität studierte er Jura, am Tage des Mauerbaus stieß er einen Freudenschrei aus: Endlich, endlich hört die Ausplünderung der DDR durch den Westen auf! Man berief ihn zum Staatsanwalt, ab 1965 übte er das Amt im Bereich des Zivilrechts in Cottbus aus. 1990 sagte man ihm, er sei dafür nicht mehr geeignet – er war Mitte 50.
Die Demütigung sitzt tief. Er schreibt: Kamen in der Bundesrepublik etwa nicht alte Nazis zu Rang und Ehren? Und was heißt hier Diktatur? Schon Karl Marx habe gefordert, wenn das Proletariat die Macht ergreife, müsse es den alten Staatsapparat zerschlagen und durch einen neuen ersetzen. Selbst die Bundesregierung habe den DDR-Staatsapparat evaluiert, »unsere gesamte ... Elite abgewickelt«. Seien sie herzlich aus Cottbus gegrüßt.
Klaus Stenzel hat 1990 nichts verloren, nicht das Land, nicht den Beruf. Er wurde 1960 in Westberlin geboren. An der Freien Universität studierte er Politische Wissenschaften und Germanistik, absolvierte anschließend eine Referendarausbildung zum Gymnasiallehrer für Sozialkunde und Deutsch. Von 1994 bis 2000 arbeitete er als Studienrat in Darmstadt, dann zog er mit seiner Familie nach Speyer, in die Heimatstadt seiner Frau, wo er seither im zweiten Bildungsweg am Speyer-Kolleg unterrichtet. Stenzel ist SPD-Mitglied.
Auch er kann nicht immer ruhig bleiben, wenn ihn Grüße aus Cottbus erreichen. Seine Frau beruhigt ihn dann: »Ach lass, Klaus, ihr habt wohl beide ein bisschen Recht.« Haben sie das? Stenzel enttäuscht es, dass Christange noch immer Schnitzlers »Schwarzen Kanal« als »glasklare Analyse« verteidigt. »Hier trennen uns Welten!«, gibt er ihm Bescheid. Welten trennen sie nicht nur beim »Schwarzen Kanal«. Stenzel schlägt Christange vor, doch einmal die »FAZ« zu lesen, auch dies gehöre zur Annäherung. Christange lehnt ab. Medien des Großkapitals lese er nicht.
Sie wünschen einander frohe Ostern, Gesundheit, eine schöne Adventszeit. Und streiten weiter. Über den Krieg in Jugoslawien, darüber, ob man die NPD verbieten soll oder nicht, über die Ereignisse vom 17. Juni 1953, die für Stenzel ein Volksaufstand waren, für Christange ein von US-Konzernen gesteuerter konterrevolutionärer Putsch. Selbst über Kati Witt werden sie sich nicht einig: Während Stenzel sie einen Wendehals nennt, sieht Christange in ihr »den einzigen DDR-Star, der sich traute und traut, sich ihre eigene Meinung und positiven DDR-Erfahrungen nicht verbieten zu lassen«. Irgendwann dann die Erkenntnis: »Offensichtlich werden wir stets aneinander vorbeireden.«
Wozu dann der ganze Aufwand, die Aufregung, die Kraftanstrengung? Das fragten am vergangenen Sonntag auch Luc Jochimsen und Gabriele Zimmer. Mit Christanges und Stenzels Antwort zeigten sie und die Gäste sich zufrieden: Wenn sie zu streiten aufhörten, würde ihnen etwas fehlen. In diesem Punkt waren sie sich einig. Den Standpunkt des jeweils anderen auszuhalten, zu ertragen, sei zutiefst demokratisches Gebaren. Na bitte, es geht doch.
Hans Christange & Klaus Stenzel: Ost-West Denkstrukturen. Ein Briefwechsel zwischen Brandenburg und Hessen/Rheinland–Pfalz. NORA,, brosch., 349 S., 12,90 €.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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