Von Hagen Jung
28.02.2011

Sinti und Roma als Nachbarn ungeliebt

Niedersächsische Grüne für Antidiskriminierungsstelle

Ziganophobie ist noch in vielen Köpfen verwurzelt. Niedersachsens Grüne fordern deshalb eine Antidiskriminierungsstelle. Doch der CDU-Innenminister wird den Antrag wohl nicht unterstützen.

»Komm, Zigan, spiel mir was ins Ohr!« So wird der Czárdás-Geiger in der Operette Gräfin Mariza nett herbei gebeten. Im Alltag des Jahres 1924, in dem das Musikstück entstand, waren die Aufforderungen an »Zigeuner« weniger freundlich. Sinti und Roma wurden oft vom Hof gewiesen, wenn sie etwa mit einer Handarbeit hausierten. Vorurteile gegenüber den Menschen mit der »unbürgerlichen« Lebensweise haben seit jeher zu der Einstellung geführt, die mittlerweile als Antiziganismus oder Ziganophobie vertraut ist.

Aber man hört diese Begriffe seltener als etwa Antisemitismus oder Islamophobie. Werden Sinti und Roma nicht mehr diskriminiert? Doch, weiß man im Innenausschuss des niedersächsischen Landtages. Das Gremium berät zurzeit den Entwurf eines Programms »Gemeinsam gegen Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit«. Die Grünen haben es entwickelt und dabei ausdrücklich den Antiziganismus mit hineingenommen.

»Bis heute leiden Sinti und Roma immer noch unter latentem Rassismus, formalisierter Ausgrenzung und Stigmatisierungen«, bestätigt Manfred Böhmer, Geschäftsführer der Beratungsstelle für Sinti und Roma in Niedersachsen. In dieser Einrichtung weiß man nur zu gut, dass mit dem Ende des NS-Regimes, das rund 500 000 Sinti und Roma ermordete, nicht das Ende ihrer Diskriminierung gekommen war. Schon Anfang der 1950er Jahre wurde der Antiziganismus wieder auf Papier aus bundesdeutschen Amtsstuben sichtbar. In Bayern entstand 1953 eine »Landfahrerverordnung«, in Niedersachsen zwei Jahre später ein »Merkblatt zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens«. Selbst der Bundesgerichtshof hat 1956 die Ziganophobie genährt, als er in einem Urteil zum Thema Deportation ausführte: »Die Zigeuner neigen zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und zu Betrügereien. Es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe zur Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist.«

Interessenverbände von Sinti und Roma engagieren sich, Klischeevorstellungen vom »Zigeuner« auszuräumen. In Niedersachsen geschah dies beispielsweise mit einer Wanderausstellung. Von ihr berichtet der Sinti-Verband: »Immer noch werden von Schülern stereotype Zigeunerbilder benannt und das, obwohl in der Regel kein Kontakt zu Sinti und Roma besteht.«

Antiziganismus ist noch in vielen Köpfen verwurzelt: Über 60 Prozent der Bundesbürger wollen keine Roma als direkte Nachbarn haben. Das machen Umfragen deutlich, welche das Zentrum für Antisemitismusforschung in Zusammenarbeit mit Emnid und Allensbach angestellt haben. Neben solch stiller Ablehnung wird immer mal wieder offene Gewalt gemeldet, so etwa im vergangenen Herbst aus Milmersdorf in Brandenburg. Der Zirkus »Happy« hatte dort Anwohner erzürnt, weil die Tiere der Artisten angeblich zu dicht an einem Fußweg standen. Um dort mit antiziganistischen Schmähungen eingedeckt zu werden, bedurfte es nicht der Zugehörigkeit zu Sinti oder Roma. »Fahrendes Volk« hat seine Tiere nicht richtig hingestellt – das reichte, die Künstler als »asoziales Zigeunerpack« zu beschimpfen. Steinwürfe trafen die Zirkuswagen. Es wurde gedroht, das Zelt in Brand zu setzen. Die Beleidigungen gipfelten im Vorwurf, die »Zigeuner« würden mit ihren Tieren sexuell verkehren.

Ob das von den Grünen angeregte Programm, das auch eine Antidiskriminierungsstelle vorsieht, eine Mehrheit im Parlament bekommt, ist fraglich. Innenminister Uwe Schünemann (CDU) hatte schon bei der ersten Vorstellung im Landtag erkennen lassen: Er mag es nicht.