Von Rosi Blaschke
03.03.2011
Sachbuch

Noch gedeiht die Saat

Wendezeiten in ostdeutscher Landwirtschaft

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Es gibt einen Lebensbereich der DDR-Zeit, über den bislang zu wenig schriftlich überliefert wurde – das Leben auf dem Dorf, die Landwirtschaft. Noch einmal zwei Jahrzehnte weiter, und wer weiß noch, wie das war mit Genossenschaften, Volkseigenen Gütern, mit den Hemmnissen für freie Entscheidungen der Bauern, Landarbeiter, Wissenschaftler, und auch dem Gemeinschaftssinn im Dorf? Diejenigen, die den Versuch einer neuen Landwirtschaft im Osten Deutschlands starteten, werden dann nicht mehr sein. Das Neue wird zum Teil in anderer, dieser marktwirtschaftlichen Zeit angepassten Form weiter bestehen.

Dass diese Seiten des Volkslebens nicht im Schoß der Jahrzehnte versinken, ist Menschen wie Werner Kropf, Jahrgang 1942, zu verdanken, dem Bauernsohn und studierten Landwirt aus Hakeborn in Sachsen-Anhalt. Vier Bücher hat er inzwischen vorgelegt, die seinen und seiner Familie Weg vom Einzelbauernhof in der Magdeburger Börde über die Arbeit in einer Genossenschaft, an der Wiege der Züchtung von Saat- und Pflanzgut rund um Quedlinburg, als ostdeutscher Entwicklungshelfer in den Landwirtschaften Ägyptens und des Jemen, als Direktor des VEG Langenstein und zuletzt wieder als selbstständiger Landwirt in einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) in Böhnshausen, immer im Anhaltinischen, nachzeichnete.

Sein viertes Buch »Wendezeiten« hat wieder einen der großen Umbrüche in seinem Leben, vielleicht den größten, zum Inhalt. Von Januar 1983 an führte er als Direktor das VEG Pflanzenproduktion Langenstein mit großem Fachwissen und Freundlichkeit, Konzeption, Kontinuität und Konsequenz durch die letzten Jahre der DDR und mit dem bestmöglichen Erfolg nach der Wende 1989/90 in die Privatisierung.

Hatten er und seine Mitstreiter Glück mit west- und ostdeutschen Partnern, oder war es die nötige Portion Wissen, Lebenserfahrung und ökonomische Klugheit, oder alles zusammen, dass Kropf am Ende sagen konnte: »Es gab in dieser Zeit keinerlei finanzielle Verluste sowohl beim Verkauf von Immobilien als auch beim Absatz unserer landwirtschaftlichen Produkte.« Und als er mit seinem Kollegen Michael Triebswetter und vier Mitarbeitern einen etwa 1000 Hektar großen eigenen Betrieb gründete, konnte er mit allen Ehemaligen in guter Nachbarschaft wirtschaften. Für Werner Kropf war das dennoch ein Schritt zurück, denn »seit dem Sommer 1962 hatte ich als Leiter in sozialistischen Betrieben gearbeitet, nun war uns der Sozialismus abhanden gekommen, und ich würde ein kapitalistischer Unternehmer werden.« Als er 2004 aus der GbR ausschied, konnte er die besten Erträge in seiner 42-jährigen Praxis verzeichnen. Kropf ist überzeugt, dass es »mit zunehmendem Tempo weiter in Richtung Automatisierung, weiterer Ertragssteigerung und Schaffung noch größerer Betriebe« gehen wird. Die Saat, die er mit legte, gedeiht weiter. Das Leben der Dörfer ist aber vielgestaltiger und bunter geworden.

Werner Kropf hat mit seiner Familie in den 70ern vier Jahre in Ägypten bei der Neulandbestellung gearbeitet. Er habe mit dem Aufstand in diesem ihm so vertrauten Land gerechnet, sagt er heute. Mubarak sei ein Meister der Diplomatie nach außen und der Unterdrückung nach innen gewesen. Die letzten Worte von Kropfs 2005 erschienenem Buch »Unterwegs in Ägypten« klingen wie eine Voraussicht: »Die Ägypter haben eine hohe Leidensfähigkeit, aber auch eine große Kraft, ihre Probleme zu bewältigen, sie lassen sich nicht unterkriegen.«

Werner Kropf: Wendezeiten. Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben. 396 S., geb., 19,90 €. Foto: Buch

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