Von Tom Mustroph
07.03.2011

Gaddafi und andere Notstände

Theaterfestival »Freischwimmer« thematisiert das Verhältnis von Privatem und Öffentlichem

Bild 1

Mit einem echten Paukenschlag startet das Festival »Freischwimmer« in den Sophiensälen am 10. März. Muammar al-Gaddafi macht seine Aufwartung. Allerdings nur als Puppe. Und präsentiert wird er von einem Puppenspielerinnenduo namens »Lovefuckers«, was schon einen dezenten Hinweis auf die Art der Annäherung an den bizarren und brutalen Herrscher Libyens gibt. Bereits vor zwei Jahren hätten Ivana Sajevic und Anna Menzel von der Abteilung Puppenspiel der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« über die Inszenierungspraktiken von Gaddafi nachgedacht, verrät Franziska Werner von den Sophiensälen.

Bild 2
»Bis dass der Tod uns scheidet«

Seit einem Jahr liegt dort das Konzept vor. Aber erst jetzt ergab sich mit dem Festival »Freischwimmer« auch die Gelegenheit, das Stück »King of the Kings« zu produzieren. Und genau zu diesem Zeitpunkt heften sich die Augen der Mediengesellschaft auf den Protagonisten des Stücks. »Das ist keine einfache Situation. Man guckt die Nachrichten und merkt, dass sich die Wirklichkeit so ändert, dass man schon wieder am Stück etwas verändern muss«, beschreibt Werner die Situation. Allerdings liegt hierin auch eine Chance. Mit einem innerhalb zweier Jahre erarbeiteten Recherchevorsprung kann die Gruppe nun theatral auf die Realität reagieren.

Für das Festival, das sich in diesem Jahr am sehr ambivalenten Verhältnis des Öffentlichen und des Privaten abarbeitet, ist eine solche Konstellation ein Glücksfall. Schließlich überkreuzen sich bei Gaddafi selbst Privatheit und Öffentlichkeit, wenn man an seine Inszenierungen mit Fantasieuniformen, Beduinentracht und Zeltlager denkt. Diese beiden Sphären überlagern sich auch angesichts des Einflusses der Familie Gaddafi auf Staat, Militär und Wirtschaft. Und nicht zuletzt erwächst aus der zunächst privaten Beschäftigung der Künstlerinnen mit den Inszenierungspraktiken ihres Protagonisten nun eine der Öffentlichkeit präsentierte Auseinandersetzung.

»King of the Kings« ist nicht das einzige ungewöhnliche Format in dieser bereits zum sechsten Mal stattfindenden Plattform für Junges Theater. Die Wiener Künstlerin Barbara Ungepflegt baut im Hof der Sophiensäle etwa einen Hochstand auf, den sie selbst Notstand nennt und auf dem sie eine Tour de Force durch die Notstände der Welt und besonders Berlins unternimmt. In Berlin soll ihr als besonderer Notstand schon eine gewisse Stillosigkeit aufgefallen sein, verrät Franziska Werner von den Sophiensälen.

Ebenfalls einzigartig versprechen Magdalena Chowaniec' Einladung zu einer polnischen Hochzeit sowie die Wolfswerdung der Corinna Korth zu werden. »Bis dass der Tod uns scheidet« untersucht die über das Private hinausreichenden Rituale polnischer Hochzeiten. Bei solchen Anlässen geht es schließlich nicht nur in Polen darum, den gesellschaftlichen Status zu zeigen. Als hätte Chowaniec die Berliner Recherchen der Barbara Ungepflegt bereits zur Kenntnis genommen, besteht sie bei ihrem Abend auf Abendgarderobe auch bei den Gästen. Corinna Korth wiederum arbeitet sich seit mehreren Jahren an ihrer Wolfswerdung ab. Sie hat bereits Wolfshöhlen gebaut und sich als Wolfswesen von den Behörden einbürgern lassen. In den Sophiensälen geht sie ans Eingemachte und präsentiert sich selbst nach einer Kieferoperation, die sie dem Raubtier noch näher gebracht hat.

Insgesamt sieben Produktionen sind bei diesem Festival zu sehen, das von fünf Spielstätten gemeinsam organisiert wird. Es bietet jungen Künstlern, deren Projekte von einer Flut aus Einsendungen ausgewählt wurden, die Möglichkeit, unter professionellen Bedingungen zu produzieren und gleich die Erfahrung einer Tournee mit fünf Stationen zu machen. »Das gibt den Künstlern einen richtigen Schub. Ihnen wird nicht nur organisatorisch und produktionstechnisch geholfen. Sie erfahren auch, dass ihre Arbeiten in den verschiedenen Städten unterschiedlich aufgenommen werden und sich durch die Reaktion des Publikums selbst verändern«, erzählt Werner. Die weiteren Stationen sind Kampnagel Hamburg, Brut Wien, Gessnerallee Zürich und FFT Düsseldorf.

Nach dem gerade zu Ende gegangenen Festival »100 Grad« kann man bei »Freischwimmer« nun beobachten, welche Effekte bessere Produktionsbedingungen und kuratorische Betreuung auslösen. Auch das Festivalthema selbst – die Überlagerungen von Privatem und Öffentlichem – ist das Kommen wert, angesichts der Inszenierungsformen von Politik, des digitalen Durchlöcherns der Privatsphäre durch Facebook, Twitter oder Google Streetview und das durch die zunehmende Auflösung tradierter sozialer Bindungen bedingte Vereinzelung der Individuen.

10.-19. März, Sophiensäle, Infos unter Tel.: (030)-283 52 66

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken