Von Tim Zülch
15.03.2011

Lücke im öffentlichen Bewusstsein

Ein Verein tritt für ein Gedenken an das KZ Columbia-Haus auf dem Tempelhofer Feld ein

Frieder Böhne vom Förderverein zum Gedenken an die Naz
Frieder Böhne vom Förderverein zum Gedenken an die Nazi-Verbrechen auf dem Tempelhofer Feld

Frieder Böhne blinzelt in die Sonne. Er steht auf dem Tempelhofer Feld, dort wo früher einer der drei Berliner Flughäfen war. Seit der Betrieb eingestellt wurde, ringt die Stadt Berlin um Konzepte für eine neue Nutzung. Böhne steht am nördlichen Rand des ehemaligen Flugfeldes und macht eine ausladende Bewegung: »Hier genau reihten sich die Baracken des Zwangsarbeiterlagers auf. Bis dort hinten«, sagt er und fixiert in der Ferne das Minarett der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm. Direkt sehen kann man von den Baracken nichts mehr. »Geologen haben aber aus der Luft die Umrisse der Baracken erkennen können, das ist alles«, erzählt Böhne.

Von 1938 bis zum Kriegsende waren hier Tausende von Zwangsarbeitern aus den von den Nazis besetzten Gebieten untergebracht. Sie arbeiteten unter anderem für die Weser Flugbau GmbH und die Luft-Hansa. Allein die Weser Flugbau beschäftigte 2000 Zwangsarbeiter. Hermann Göring war luftfahrtbegeistert und plante hier den »Weltflughafen Berlin«, der aber nie seinen Betrieb aufnahm. Stattdessen wurden dort Sturzkampfbomber, Hubschrauber und anderer Kurzstreckenbomber gebaut, repariert und gewartet. Personenflugzeuge der Luft-Hansa wurden so ausgerichtet, dass sie innerhalb von Minuten mit Bomben bestückt werden konnten.

Auch von Berlins einzigem Konzentrationslager, dem KZ Columbia-Haus, ist auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens nichts mehr zu sehen. Die Westalliierten setzten später ihren Funküberwachungsturm unmittelbar daneben. Von 1933 bis 1936 inhaftierte die Gestapo in dem KZ unter anderem politische Gefangene. Darunter auch die Kommunisten Erich Honecker und Wolfgang Szepansky oder den Rabbiner und Präsidenten der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Leo Baeck.

Seit 1993 gibt es ein Denkmal für das KZ Columbia-Haus. Das hingegen befindet sich auf der anderen Straßenseite des Columbiadamms. Damals durfte es wegen laufendem Flugbetrieb nicht auf das Gelände des Flughafens gesetzt werden. »Ein schreckliches Denkmal«, findet Böhne, ergänzt aber, dass das natürlich seine persönliche Meinung sei. In jedem Fall fordert er, dass es auf die andere Straßenseite, an den historischen Ort, versetzt wird.

»Es gibt eine große Lücke im öffentlichen Bewusstsein, was die Zeit von 1939 bis 1945 betrifft«, sagt Frieder Böhne und schaut nachdenklich durch die Gläser seiner Brille. Im letzten November hat er zusammen mit Mitstreitern wie Beate Winzer den Förderverein zum Gedenken an Naziverbrechen um und auf dem Tempelhofer Flugfeld gegründet. Beate Winzer fing als Mitglied der SPD an, sich für das Schicksal ehemaliger Genossen zu interessieren. Jetzt ist sie Vorsitzende des Vereins und fühlt sich wie Böhne der historischen Forschung verbunden. Sie ist in Bibliotheken und Archiven zu Hause. Ein Großteil der aktuellen Forschung zu dem Gelände ist ihr zu verdanken. »Wir bestehen auf der Singularität des Nationalsozialismus. Hier gehört keine Bebauung hin«, sagt Winzer. Der Senat nämlich plant am nördlichen Rand des Flugfeldes auf dem Gelände des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers »innovatives Wohnen« und denkt dabei an Baugruppen und Mehrgenerationenhäuser. Auch ein Wellnesskomplex ist im Gespräch. Für Winzer ist das unvorstellbar. »Wir wollen, dass hier auf dem Gelände eine Open-Air-Dauerausstellung in Form einer Gedenklandschaft entsteht. Außerdem soll es eine Gedenkstätte der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen geben.«

Inzwischen hat hingegen auch das Alliiertenmuseum aus Zehlendorf Interesse an der Mitgestaltung des Flughafengeländes angemeldet. Für Winzer ist das, was das Museum macht, eine »Propagandashow« aus dem Kalten Krieg. »Wir wehren uns dagegen, dass hier an den Nationalsozialismus als ein totalitäres System unter vielen gedacht wird«, äußert sie ihre Befürchtungen gegenüber einer Relativierung der Naziverbrechen.

Ein erster Schritt in Richtung Gedenkparcours ist hingegen gemacht. Die Berliner Kunstprofessorin und Spezialistin für Gedenken im öffentlichen Raum, Stefanie Endlich, hat den Auftrag erhalten, ein Konzept für eine historische Beschilderung auf dem Tempelhofer Feld zu entwerfen. »Die ist Klasse«, sagt Winzer. Sie ist zuversichtlich, dass es in dem Konzept genug Raum für ein Gedenken an Zwangsarbeiterlager und das KZ Columbia-Haus gibt.

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