Potsdam. Mittwochs ist der »süße Tag« mit Grießbrei oder Vanillepudding. Freitags gibt es immer Fisch – das ist eine feste Regel. Schwester Kerstin weiß: Die sieben Bewohner der Demenz-Wohngemeinschaft im Potsdamer Oberlinhaus, einer konfessionellen Einrichtung, brauchen feste Regeln und einen strukturierten Tag. »Sonst gerät das Leben immer weiter aus den Fugen.«
In Brandenburg leben nach Angaben der Alzheimer-Gesellschaft rund 37 000 an Demenz erkrankte Menschen, bundesweit sind es etwa 1,3 Millionen. Vor allem in Ostdeutschland wird die Zahl bis 2025 massiv steigen. Gründe sind die Abwanderung junger Leute und eine deutlich älter werdende Gesellschaft. Das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat im jüngsten Demenz-Report ermittelt: In Potsdam-Mittelmark wird der Anteil der Erkrankten im Jahr 2025 im Vergleich zu 2008 um 82 Prozent zulegen, in Dahme-Spreewald um 63 und in Oder-Spree um 56 Prozent.
Wohin nun mit den Kranken? Zwei Drittel werden zu Hause gepflegt, der Rest in Heimen, berichtet Angelika Winkler, Geschäftsführerin der Brandenburger Alzheimer-Gesellschaft. Doch bald greife die Solidarität der Familie nicht mehr. Deshalb müssten andere Betreuungs- und Wohnformen gefunden werden.
Der Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste bpa, Bernd Meurer, macht auf die Lage mit drastischen Worten aufmerksam: »Irgendwann knallt es.« Es fehle vor allem an Pflegekräften. »Pflege wird zum Luxusgut.« Meurer sieht nur einen Weg: die gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland.
In der Potsdamer Demenz-Wohngemeinschaft, gegründet vom Verein Oberlinhaus und begleitet von Angehörigen und Betroffenen, wird ein normaler Tagesablauf eingehalten. Alles so, wie es die sieben Frauen im früheren Leben kannten: Aufstehen, Morgentoilette, Tisch decken und gemeinsames Frühstück. Jede bekommt so viel Hilfe wie nötig, je nach Stadium der Krankheit. Der einen wird das Brot gestrichen, die andere erinnert, Tee auch zu trinken und nicht nur am Becher zu nippen.
Schwester Kerstin, 49 Jahre alt und seit 33 Jahren im Beruf, erzählt: »Lieblosigkeit oder Zeitmangel werden bemerkt.« Einkäufe werden besprochen, kleinere Aufgaben im Haushalt verteilt und Mahlzeiten zum Teil gemeinsam zubereitet. Die Frauen bestehen auf »deutscher Hausmannskost«, Experimente wie »neumodische Lasagne« sind undenkbar.
Die Frauen sitzen schick angezogen mit sorgfältig gelegten Haaren in Sesseln auf dem Gang. Sie beobachten fast regungslos das Kommen und Gehen. Im eigenen Zimmer mit Möbeln aus dem alten Leben ist es zu langweilig. Schwester Kerstin gelingt es mit einem Scherz, kurz die Tür in eine verschlossene Welt aufzustoßen. Die Damen lächeln zart.
Einige von ihnen »gehen« noch für wenige Stunden »auf Arbeit«. In speziellen Einrichtungen wird Tag für Tag der Kampf gegen das Vergessen aufgenommen. Andere Bewohner nutzen ihre Energie für scheinbar nutzlose Wanderungen entlang des Flures. Kilometer um Kilometer wird gelaufen wie beim Marathon.
Neben den sieben Betreuerinnen, die 24 Stunden am Tag für die WG-Frauen da sind, gibt es ehrenamtliche Helfer. Sie lesen vor, begleiten auf Spaziergängen oder streichen einfach nur beruhigend über den Arm. Auch Angehörige bringen sich in die Rund-um-die-Uhr-Betreuung der Großmutter oder Mutter mit ein.
Schwester Kerstin kann die Frage zur eigenen Betreuung im Alter nicht hören. Sie macht sich Gedanken um ihr künftiges Leben, ob es sich dann nur zwischen Bett und Nachttisch abspielt. Die Alzheimer-Expertin Winkler sagt zur drohenden Katastrophe: »Die Gesellschaft muss zeigen, was ihr der Beruf wert ist.«
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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